Nur ausgebildete Jäger dürfen sie erlegen: Weil er einen Waschbären getötet und dabei auch noch gequält hat, ist ein 49-Jähriger vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 2700 Euro verurteilt worden. Symbolbild: Pixabay

Neuberg/Hanau

Waschbären mit Stangen und Mistgabel bestialisch getötet

Neuberg/Hanau. Herr S. sieht eigentlich so aus, wie man sich einen Naturschützer vorstellt. Mit einem Hauch von „Öko aus den 90er Jahren“. Lange Haare und Nickelbrille. 49 Jahre alt.

Von Thorsten Becker

Doch vom Aussehen darf man niemals auf den Menschen schließen, denn S. hat in Wirklichkeit mit Tierschutz rein gar nichts am Hut. Denn an diesem Morgen sitzt er auf der Anklagebank des Amtsgerichts Hanau, weil er gegen das Tierschutzgesetz verstoßen hat. Mit einer ganz und gar bestialischen Tat, die ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft.

Und es ist ein Thema, an dem sich seit Jahren die Geister scheiden. Waschbären sind vom Aussehen her ganz drollige Geschöpfe. Allerdings können sie echte Nervensägen werden, die nicht nur überall nach Fressbarem stöbern und Vogelnester plündern, sondern noch dazu Schäden an Gebäuden anrichten können. So im Neuberger Ortsteil Rüdigheim. Dort hat S. im Dezember 2017 einen Job. Er hilft bei der Arbeit auf einem Grundstück.

Sofort das Veterinäramt informiert

Und es gibt Beschwerden, dass ein Waschbär sein Unwesen treibt und Schäden anrichtet. Eine Anwohnerin beklagt sich. „Die Frau hatte beim Jäger nachgefragt, aber der hatte keine Zeit. Sie hat mich gefragt, ob ich das machen kann“, sagt S. aus. Also nahm er „die Sache“ selbst in die Hand. Doch anderen Nachbarn ist dieses Vorgehen suspekt. Sie beobachteten, dass S. plötzlich Lebendfallen auf dem Grundstück aufstellt. Der Tierschutz in Gelnhausen wird alarmiert.

„Wir bekamen an diesem Morgen den Anruf und haben sofort das Veterinäramt informiert. Aber dort hatte wieder keiner Zeit“, sagt eine 23-jährige, ehemalige Tierheimmitarbeiterin als Zeugin aus. So fuhr sie mit einer Kollegin umgehend zum Ort des Geschehens. „Wir haben die Falle auf dem Grundstück gesehen, es war ein Waschbär darin“, so die beiden Zuginnen übereinstimmend.

Schreie irgendwann verstummt

Was dann jedoch passiert, ist an Grauen kaum zu überbieten. Der Mann, den die beiden über den Zaun beobachten, hat bereits zwei Metallstangen durch die Falle gebohrt. „Das Tier hat fürchterlich geschrien, es hat mit Sicherheit große Schmerzen gehabt“, so die 23-Jährige. „Dann ist er ganz schnell in einen Schuppen gegangen, hat eine Mistgabel geholt und diese von oben mit voller Wucht durch das Gitter gesteckt.“

Ihre Kollegin bestätigt diese Version. Alles ging so schnell, dass die beiden Tierschützerinnen nicht mehr eingreifen können. „Die Schreie sind dann irgenwann verstummt.“ Doch sie lassen die Sache nicht auf sich beruhen, sprechen S. direkt an. „Sie können doch nicht einen Waschbären umbringen, vor allem nicht auf diese Art und Weise“, rufen sie ihm zu. S: „Ich darf diese Bestie beseitigen“, erwidert er und ist überzeugt davon, dass er im Recht ist.

Nur ausgebildete Jäger dürfen Waschbären erlegen

Noch bevor die inzwischen alarmierte Polizei vor Ort erscheint, „flüchtet“ S. in seinem Wagen. „Er hat den toten Waschbären offenbar beseitigt“, so die Zeuginnen. Auch sie wissen: Waschbären gehören zu bejagbarem Niederwild. Aber nur ausgebildete Jäger dürfen diese Tiere waidgerecht erlegen.

Nach eineinhalb Jahren ist es eigentlich sehr ungewöhnlich, einen Dialog und das genaue Geschehen vor Gericht so detailliert wiederzugeben. In diesem Fall nicht. Denn Amtsrichterin Santi Bhanja greift in die Akte und holt eine DVD der Polizei hervor, die sogleich auf dem Computer im Verhandlungsraum abgespielt wird.

Denn: Eine der beiden Zeuginnen hat Polizei und Justiz einen Videobeweis geliefert. Falle, Waschbär und S. sind darauf aufgezeichnet, der Dialog ebenfalls. „Das ist eindeutig“, bewertet die erfahrene Strafrichterin die Beweislage.

Geldstrafe

Und sie kommt zu einem klaren Urteilsspruch: S., der nur zaghaft versucht, sich aus der Affäre zu ziehen, wird wegen schweren Verstößen gegen das Tierschutzgesetz verurteilt. Denn im Paragrafen 17 heißt es: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder einem Wirbeltier aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.“

„Etwas Grausameres kann man sich nicht vorstellen“, stellt Richterin Bhanja fest, die S. zu einer Geldstrafe von 2700 Euro verurteilt (90 Tagessätze). Und die Strafrichterin stellt klar: Nur weil S. bislang nicht vorbestraft ist, gibt es an diesem Tag diese recht milde Strafe. „In diesem Fall hätte man sich durchaus auch eine Freiheitsstrafe denken können. Beim nächsten Mal auf jeden Fall.“

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