Viel heiße Luft am Nachmittag: ein Ziehharmonika-Bus für weniger als 15 Fahrgäste. Andernorts fehlen im Schulbusverkehr Kapazitäten, um alle Schüler mitnehmen zu können. Einzelne Kinder werden dann zurückgelassen und müssen auf den nächsten Bus warten. Foto: Diegel

Neuberg

Mit dem Taxi nach Hause: Erfahrungen mit den neuen Buslinien

Neuberg. In den nächsten Tagen soll die Vergabekammer beim Regierungspräsidium in Darmstadt eine Entscheidung über die Buslinien im Hanauer Umland bekannt geben. Durch die Demo in der Hanauer Innenstadt letzte Woche (wir berichteten) ist das Thema wieder einmal in den Fokus gerückt.

Von Claus Diegel

Ansonsten ist es aber in letzter Zeit erstaunlich ruhig geworden um das geänderte Busangebot, das ja gerade für Neuberg und Umgebung massive Veränderungen gebracht hat. Haben sich die Menschen mit der Situation abgefunden? Haben Sie sich anderweitig orientiert? Oder gar resigniert?

Man hört kaum noch Klagen aus dem Kreis der Nutzer. Zwar wurden auf großen politischen Druck der Schüler und ihrer Eltern hin punktuelle Veränderungen bei der Schülerbeförderung vorgenommen, für die Neuberger hat sich aber eigentlich nichts geändert. Dabei sind gerade ältere Menschen auf funktionierende und bedarfsgerechte öffentliche Verkehrsangebote angewiesen. Im Folgenden eine kleine Zusammenfassung an Berichten von Betroffenen und eigenen Beobachtungen des Autors:

„Für die Fahrt mit dem Linienbus von Neuberg in die Hanauer Innenstadt muss man oft zweimal umsteigen, von daher ist die Pünktlichkeit der Busse das A und O. Leider wird diesem elementaren Erfordernis nicht die nötige Bedeutung beigemessen. Nach eigener, wenn auch nicht repräsentativer Beobachtung fahren viele Busse der Linien 57 (Neuberg – Langenselbold) und X93 (Neuberg – Erlensee – Hanau Hbf) unpünktlich von den jeweiligen Haltestellen ab. Dazu kommen zu knappe Fahrzeiten und oftmals lange Kassiervorgänge im Bus. Verpasste Anschlüsse (in Langenselbold Ringstraße oder Erlensee Limeskreisel) und Frust der Fahrgäste sind die zwangsläufige Folge. An dieser Situation hat sich nichts geändert. Beispiel: Bus X93 zum Hanauer Hauptbahnhof, selbst leicht verspätet, steht am Limeskreisel, wo Anschluss auf und aus Linie 54 zum Freiheitsplatz besteht. Als dieser (ebenfalls leicht verspätet) gerade eintrifft, fährt X93 los. Einige Fahrgäste, die heranhastende Umsteiger erkennen, rufen laut „Stopp“, der Fahrer hält noch einmal an. Etwa zehn bis zwölf Umsteiger erreichen so noch den Bus zum Hauptbahnhof, im anderen Fall hätten sie eine Stunde warten müssen.

Direktverbindungen nur zu bestimmten Zeiten

Es gibt sie doch noch: Direktverbindungen ab Neuberg zum Freiheitsplatz mit Linie 51, wenn auch nur zu bestimmten Zeiten. Eine Dame hatte sich im Internet einen Fahrplan herausgesucht und bestieg in Neuberg den Bus. Ihr wurde ganz mulmig, als dieser von Erlensee in Richtung Rodenbach fuhr. Der Fahrer, den sie ansprach, verstand kein Deutsch. So fuhr sie, sichtlich nervös, weiter über Industriepark Wolfgang und kam tatsächlich – nach über 40 Minuten – am Freiheitsplatz an.

Eine ältere Dame aus Rüdigheim hatte nach erfolgreichem Umsteigen auf dem Hinweg den Freiheitsplatz erreicht und wollte nach dem Arztbesuch wieder zurückfahren. Sie fand aber keinen Fahrplan oder Hinweis auf einen Bus nach Rüdigheim und fragte bei etlichen Fahrern der dort stehenden Busse nach, aber die meisten verstanden sie nicht oder wussten nicht Bescheid. Frustriert bestieg sie ein Taxi und fuhr, bei ihrer kleinen Rente schweren Herzens, für 30 Euro mit dem Taxi nach Hause. Ein Skandal.

Günstige Monatskarte

Dem RMV ein Schnippchen geschlagen hat dagegen eine Frau, die in der Hanauer Innenstadt mit unregelmäßigen Arbeitszeiten beschäftigt ist. Sie fährt künftig nicht mehr ab Rüdigheim, sondern lässt sich von ihrem Mann in das nur zwei Kilometer entfernte Oberissigheim kutschieren, von wo jede Stunde bis spät abends die Linie 33 direkt zum und vom Freiheitsplatz fährt. Sie ist mittlerweile nicht die Einzige, bald gründet sich eine Fahrgemeinschaft. Statt 136,30 Euro ab Neuberg kostet von hier die Monatskarte nur 70,40 Euro. Bei weitaus attraktiverem Angebot ist das wie eine Gehaltserhöhung.

Im Schülerverkehr hat die KVG auf öffentlichen Druck reagiert und bei einigen Kursen nachgebessert, aber auch hier ist nicht alles besser geworden. Eine junge Familie aus Ravolzhausen, deren Tochter seit Sommer die Kopernikusschule Freigericht besucht, beklagt, dass diese schon mehrfach nicht mitgenommen wurde, weil der Fahrer befand, der Bus sei voll, dies sei ein Linienbus und in 45 Minuten führe ja der nächste. Bei den heißen Temperaturen der letzten Wochen ist so etwas unverantwortlich. Wenn sie denn doch einsteigen könne, sei es in den Bussen so voll, dass sich viele nicht festhalten könnten und beim Bremsen große Verletzungsgefahr bestehe.

Nichts am Zustand geändert

Die wiederholten Eingaben der Eltern bei der KVB wurden mit Formschreiben beschieden, man überprüfe, man bemühe sich, man bedaure . . .. Geändert habe sich an dem Zustand aber noch nichts. Überhaupt ist die Verquickung von Schulbus- und Linienverkehr einer der größten Schwachpunkte des neuen Konzeptes. Beide Systeme haben völlig unterschiedliche Ansätze und sind nicht kompatibel. Ein Beispiel aus eigener Anschauung:

Für einen Marktbesuch mit anschließendem Cappuccino im Klara's sowie Inaussichtstellung von Schuh- und Handtaschenkauf konnte ich meine Frau zu einer Fahrt nach Hanau im Linienbus überreden. Wegen Verspätung am Limeskreisel fuhren wir über den Hauptbahnhof in die Innenstadt. Geschenkt! Die Rückfahrt aber war dann kurios. Der Fahrplan laut Handy-App lautete: ab Haltestelle „Leimenstraße“ mit Stadtbus 2 bis „Nordstraße“, ab dort mit Linie 57 direkt bis Ravolzhausen und Rüdigheim. „Hoppla, sowas gibt es, den nehmen wir!“ Aber warum Nordstraße, und nicht Freiheitsplatz? Natürlich war es ein Schulbus, von der Hola kommend. An der Nordstraße fuhr er erst einmal an uns vorbei (die Schüler erkannten „ihren“ Bus) Richtung Freiheitsplatz, wo er aber ohne Halt wendete und zur Nordstraße zurückkam. Es war ein Gelenkbus („Ziehharmonika“), fast leer, nur etwa zehn Personen inklusive uns stiegen ein. Der weit überdimensionierte Bus fuhr ab dieser für einen Linienbus „exotischen“ einzigen Haltestelle im Stadtgebiet ohne Stopp (!) bis Erlensee „Apotheke“ und von dort überall haltend zum Gewerbegebiet Nord. Am Autohof bog er dann Richtung Langenselbold ab, wo an der Käthe-Kollwitz-Schule exakt ein Schüler aus und einer einstieg, ehe er nach Neuberg weiterfuhr.

Wer solch einen Unsinn plant und auch noch im Linienverkehr anbietet, muss sich nicht wundern, wenn keiner mehr durchblickt und sich jeder von einem solchen Angebot abwendet. Dabei hat die Fahrt als Gruppentageskarte für zwei Personen (neben Handtasche und Schuhen) 16,60 Euro gekostet, mit dem Auto wäre es nicht mal ein Viertel gewesen. Wie will man mit einem solchen Angebot eine breite Masse im ländlichen Raum vom öffentlichen Nahverkehr überzeugen? Selbst meine Frau werde ich die nächsten Jahre wohl nicht mehr so schnell zum Busfahren überreden können.“

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