Wie kam es dazu, dass die Fusion gescheitert ist? Fotomontage: HA

Neuberg/Erlensee

Erlensee/Neuberg: Wie es zur Ablehnung der Fusion kam

Neuberg. Die Fusion von Erlensee und Neuberg ist vorerst gescheitert. Wir werfen nun einen Blick auf den Abend, an dem diese historische Entscheidung getroffen wurde.

Von Holger Weber-Stoppacher

Das Bürgerhaus in Rüdigheim ist kein wirklicher Parlamentssaal. Es ist eher eine Turnhalle, die im Schnitt alle sechs Wochen zu einem Sitzungssaal erklärt wird. Manchmal sind es acht, an Abenden mit heikleren Themen auch schon mal mehr als zehn Zuhörer, die im Hintergrund verloren an den Tischen sitzen, wenn vorne etwa über den Anbau an eine Kita diskutiert wird. An diesem Abend, an dem die Neuberger Parlamentarier darüber abstimmen sollen, ob der Fusionsprozess mit Erlensee fortgeführt werden soll, ist alles anders. Schon eine Viertelstunde vor Sitzungsbeginn ist im Bürgerhaus keiner der Stühle mehr frei, die die Verwaltung diesmal in weiser Voraussicht in enge Reihen hat zusammenstellen lassen.

Unter den Anwesenden sind nicht nur die üblichen Stammgäste, auch die Landtagsabgeordneten Max Schad und Christoph Degen sowie die Neuberger Ehrenbürgermeister haben Platz genommen. Und natürlich sind auch die Erlenseer gekommen: Bürgermeister Stefan Erb, der Stadtverordnetenvorsteher Uwe Laskowski sowie die Fraktionsvorsitzenden der anderen Erlenseer Parteien. In sieben Jahren habe er so einen Andrang noch nicht erlebt, sagt Gemeinderatsvorsteher Peter Holzapfel, während er vom Präsidiumstisch über seine Brille hinweg in die Menge blickt.

„Fragen Sie den Weiß“

Es ist wahrhaft ein historischer Abend. Diesen Begriff wählt nicht Holzapfel, sondern Andreas Weiß, der Abgeordnete der CDU und Mitbegründer der Bürgerinitiative Neuberger für Neuberg. Weiß, von Beruf Richter am Hanauer Landgericht, ist erst seit Beginn der laufenden Legislaturperiode für die CDU im Gemeinderat. Er war in den vergangenen zwei Jahren so etwas wie die Speerspitze der Fusionsgegner, hat in seiner Freizeit die Homepage seiner Bürgerinitiative aktualisiert und mit Informationen bestückt, Studien gelesen und geprüft sowie in den Bürgerversammlungen das Wort ergriffen. Beim Thema Fusion war er der Chef seiner Partei. „Fragen Sie den Weiß“, verwies Federico Theilen, der Fraktionsvorsitzende, immer an den rhetorisch beschlagenen Juristen, wenn es um den Zusammenschluss ging.

Und auch an diesem Abend liegt es an Weiß, die Gründe darzulegen, warum die CDU eine Einheitsgemeinde mit Erlensee ablehnt. Die Argumente sind bekannt und drehen sich meist um die Studie, die in Auftrag der beiden Kommunalparlamente erstellt worden war: Unausgegoren und aufgrund der falschen Fragestellungen unvollständig sei sie, führt Weiß aus. Ganz im Sinne der Auftraggeber erstellt. Im Sinne der Befürworter seien auch die Daten ausgewählt worden. Die Fallzahlen der Kriminalitätsstatistik von Erlensee seien veraltet, aktuell dagegen nur die Daten, die die Entschuldung Erlensees durch die Hessenkasse beträfen, behauptet er.

Neuberger sollten für Erlenseer Hallenbad und Bücherei zahlen

Aber gegen die Fusion war Weiß eigentlich auch schon, als die Ergebnisse der Studie noch nicht vorlagen. Auf der Website seiner Bürgerinitiative, die mit dem Ziel angetreten war, kritisch, aber objektiv zu berichten, blieben die Pros in der Rubrik Pro und Contra unbesetzt. „Wir haben halt keine gefunden“, wird er später sagen.

Wenn die Fusion komme, sagt Weiß mit Blick in die Zuschauerreihen, dann werde die Gemeinde anstelle von 23 Neubergen wie bisher künftig von der Stavo in Erlensee regiert, dann fließe das Geld der Neuberger in die Erhaltung des Hallenbads und der Bücherei in Erlensee. Thomas Mutschler, der Fraktionsvorsitzende der SPD, wird diese Ausführungen des Juristen später als polemisch abkanzeln.

„Wir sind in der Pflicht“

Man habe es sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Diesen Satz wählt Weiß genau wie die Vertreter der Neuberger Liste und der Grünen, als diese erklären müssen, warum sie an diesem historischen Abend den Bürgerentscheid opfern werden. „Wir sind in der Pflicht, als Gemeindevertreter eine Bewertung abzugeben. Die Leute haben uns doch gewählt, damit wir Farbe bekennen“, sagt Weiß. Seine Rede wird die längste des Abends sein, sie umfasst fast 20 Minuten. Andreas Kögl, der für die Grünen ans Rednerpult tritt, meint, die Materie sei zu fassettenreich und kompliziert, als das sie ein Bürger verstehe, der sich nicht mit diesem Thema befasse. Und für Jens Feuerhack, den Fraktionsvorsitzenden der Neuberger Liste, geht der ganze Prozess einfach zu schnell. Und auch müsse man an die Bürger denken, die bei einer Fusion ihre Adressen ändern müssten.

Das Schlusswort hält Bürgermeisterin Iris Schröder. Auch langjährige Begleiter sagen, dass sie ihre Bürgermeisterin selten so aufgewühlt gesehen haben. Fassungslos sei sie angesichts der Argumente, die hier ins Feld geführt worden seien, poltert sie. „Wir leben seit Ewigkeiten mit zwei Telefonvorwahlen, da werden die Bürger auch mit einer Adressänderung zurande kommen. Geben Sie die Entscheidung in die Hände der Bürger und entscheiden Sie nicht über sie hinweg“, sagt sie. Doch ihr Appell verhallt ungehört: Mit 13:10 Stimmen wird die Fusion abgelehnt und die Abstimmung über einen Bürgerentscheid damit hinfällig.

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