Er hat kein Parteibuch: Walter Bernges ist dennoch der Kandidat der CDU, in deren Fraktion er Mitglied ist.
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Er hat kein Parteibuch: Walter Bernges ist dennoch der Kandidat der CDU, in deren Fraktion er Mitglied ist.

Der Kandidat der CDU

Bürgermeisterwahl Neuberg: Bernges, der Visionär

  • Holger Weber-Stoppacher
    vonHolger Weber-Stoppacher
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Neuberg – Walter Bernges ist der Kandidat der CDU bei den Bürgermeisterwahlen am 14. März in Neuberg. Beim Spaziergang mit Redakteur Holger Weber berichtet der 64-Jährige, welche Ziele er als Bürgermeister verfolgen würde, wofür er steht und was ihn zur Kandidatur getrieben hat.

Bernges ist schon da. Fünf Minuten vor dem vereinbarten Zeitpunkt. Unter dem Arm trägt er eine Mappe und einen Stapel Wahlflyer. Die verabredete Wanderung über die Neuberger Höhen, die an der Photovoltaikanlage vorbeiführen soll, ist für den 64-Jährigen nur eine Zwischenstation.

Den Wahlkampf schmeißt er alleine

Bernges ist schon seit dem frühen Morgen auf den Beinen, um seine Broschüren zu verteilen. Die wenigen, die noch übrig sind, will er dann auf dem Nachhauseweg in die Briefkästen werfen. Er hat keine Helfer. Im Wahlkampf ist der Mann ein Einzelkämpfer. Zwar gehört Bernges als Parteiloser seit nunmehr zehn Jahren der Fraktion der Christdemokraten im Gemeindeparlament an. Doch aufstellen lassen hat er sich durch die Partei nur deshalb, weil er fürchtete, auf die Schnelle nicht mehr die nötigen Unterschriften zu bekommen, die er als unabhängiger Kandidat gebraucht hätte. Sein Entschluss zu kandidieren, fiel erst kurz vor Toresschluss. Wahr sei aber auch: Die CDU habe ihn ein Jahr lang bekniet, bei der Wahl anzutreten. „Flyer, Plakate, ich zahle das alles aus der eigenen Tasche“, betont er.

Ein Spaziergang über den Höhenweg

Den Weg über die Höhen hat er aus zweierlei Gründen gewählt: Von oben hat man einen guten Blick auf die Simdorn-Schule und die Seniorendependance, also den Teil Neubergs, der zwischen den beiden Ortsteilen Ravolzhausen und Rüdigheim liegt, und den Bernges zum Kern seines Wahlkampfes erkoren hat. Doch dazu später. Grund zwei ist die Ruhe auf dem Feldweg. Da könne man sich in aller Ruhe unterhalten und auch verstehen, ohne dass man sich in Zeiten von Corona zu nah auf die Pelle rücken müsse.

Bernges ist hart im Nehmen

Vor dem Virus habe er gehörigen Respekt, bekennt er. Aber unter den Maßnahmen habe er bisher nicht besonders gelitten. Und wenn man Bernges Kindheitsgeschichte kennt, dann weiß man auch, warum. Vom vierten bis zum 16. Lebensjahr litt er an Nephrose, einer schweren Nierenkrankheit. Zweimal ließen die Ärzte seine Eltern ins Krankenhaus kommen, weil sie glaubten, dass es der kleine Walter nicht schaffen würde. Anderthalb Jahre wurde das Einzelkind zu Hause auf dem heimischen Bauernhof von seiner Außenwelt völlig isoliert. Sein Immunsystem war so geschwächt, dass er auch nicht in die Schule gehen durfte. Ein Privatlehrer kam mehrere Stunden in der Woche ins Haus, um ihn zu unterrichten. „Ich weiß, was ein wirklicher Lockdown ist“, erzählt er, nachdem man das Sportgelände hinter der Simdorn-Schule bereits hinter sich gelassen hat. Seine Rettung wurde ein Medikament aus den USA, für das es damals noch keine Zulassung gab und das ein Studienkollege seines Arztes besorgt hatte. Es war ein Experiment mit einem für Bernges glücklichen Ausgang, er wurde gesund. Und die einzige Spätfolge war, dass er von eher kleiner Statur blieb.

Von Beruf Banker

Die Krankheit war auch der Grund, warum sein Vater ihn nicht als Nachfolger für den Bauernhof in Betracht zog. „Er fürchtete, ich sei der schweren Arbeit körperlich nicht gewachsen.“ Stattdessen stellte er ihn vor die Wahl („Das war ja damals so“): Post, Finanzamt oder Bank? Bernges entschied sich für das seiner Einschätzung nach „kleinste Übel“: die Bank. Und das, obwohl er am liebsten in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Landwirt geworden wäre. Heute noch verbringt er die Zeit am liebsten mit seinen 56 Apfelbäumen.

Bernges hat dann sein ganzes berufliches Leben bei der Volks- und Raiffeisenbank gearbeitet, war nach seiner Lehre in Ravolzhausen unter anderem in Ronneburg, Nidderau und Hochstadt Filialleiter und ist in dieser Zeit – man glaubt es kaum – zehn Mal überfallen worden. Beim spektakulärsten Fall 1995 in Ronneburg wurde er von den Tätern mit vorgehaltener Pistole von zu Hause abgeholt. „Ich hatte gerade unseren Sohn ins Bett gebracht“, erinnert er sich. Über die Entführung wurde auch in den überregionalen Medien groß berichtet.

Der Bankräuber kam zweimal

Dessen nicht genug, stand einer der Täter ein halbes Jahr später wieder in seiner Einfahrt, wieder mit der Pistole in der Hand. Diesmal gelang es Bernges jedoch, den Mann von der Aussichtslosigkeit seines Unterfangens zu überzeugen, sodass er unverrichteter Dinge die Flucht ergriff. Erst später erfuhr Bernges von einem Hauptkommissar, dass die Polizei ihn wegen der Fülle von Überfällen als möglichen Komplizen der Täter in Betracht gezogen hatte. Erst als der Räuber von Ronneburg gefasst wurde und ihn entlastete, nahmen die Fahnder den unbescholtenen Ravolzhäuser aus dem Raster. Heute kann Bernges die Überfälle als Anekdoten abtun, damals jedoch hätten sie ihm nervlich schon zugesetzt, sagt der Vater zweier erwachsener Söhne.

Kennt sich aus in Neuberg: Walter Bernges – hier unterwegs mit Holger Weber – wurde 1956 in Ravolzhausen geboren, eine Hausgeburt. In die Politik mischt er sich seit 2011 ein. Der 64-Jährige war ein entschiedener Gegner der Fusion.

Mittlerweile sind der Bürgermeister-Kandidat und der Reporter auf dem höchsten Punkt der Wanderung angelangt. Die Sicht auf den Ort, der in Bernges Vorstellungskraft einmal das Zentrum Neubergs sein könnte, ist leider durch eine Schonung halb verdeckt. Dort unten will er mit einem Kindergarten, dem gemeinsamen neuen Feuerwehrgerätehaus einer fusionierten Feuerwehr, mit einer Multifunktionshalle und vielleicht auch mit einem neuen Rathaus die Lücke stopfen, die die beiden einst eher in Animositäten vereinten beiden Neuberger Ortsteile noch trennt.

Er glaubt, eine Gemeinde brauche einen Plan

Der Kandidat denkt perspektivisch. Er weiß, dass seine Schaffenszeit als Bürgermeister bei weitem nicht ausreichen wird, um ein solches Projekt in die Tat umzusetzen. Doch Bernges will zumindest die Weichen stellen. Eine Gemeinde brauche eine Vision, einen Plan. Das ist seine feste Überzeugung.

Diese Vision sei es auch gewesen, die ihn dazu gebracht habe, für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren. Vorher war jedoch Folgendes passiert: Sein Antrag, einen Entwicklungsplan für Neuberg zu entwerfen, war nicht bearbeitet worden. Schröder habe befunden, dass sie nicht dafür zuständig sei und den Antrag dem Haupt- und Finanzausschuss zugeschoben. Das sei dann für ihn die Entscheidung gefallen, ins Rennen zu gehen, um als Bürgermeister all das federführend in die Hand zu nehmen und beratungsreif als Vorlage in die Ausschüsse zu geben. „Walter, habe ich mir gesagt, jetzt musst du Farbe bekennen.“

Neue Gewerbeflächen sein Ziel

Als Bürgermeister will er neue Gewerbeflächen an der Gemarkungsgrenze zu Ronneburg schaffen. Und er möchte alten Menschen, denen es zu viel werde, ihren Grund und Boden in Schuss zu halten, in Neuberg eine Alternative bieten. Bernges kennt gleich mehrere prominente Personen aus dem Ort, die aus Altersgründen aus der Gemeinde wegziehen und ihr gewohntes soziales Umfeld verlassen mussten. „Das muss doch nicht sein“, sagt er. Er kann sich vorstellen, in unmittelbarer Nähe zur bereits bestehenden Senioren-Dependance Wohnraum für Senioren zu schaffen. Auch das sei kein Projekt, das von heute auf Morgen umzusetzen sei. Sein ganzes Leben habe er sich als Banker mit Zukunft beschäftigt, schreibt er in seinem Flyer, habe jungen Menschen dabei geholfen, ihre Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen. Jetzt will er den Neubergern dabei helfen, ihre Zukunft zu gestalten. (Holger Weber)

Hier geht es zum Porträt von Melanie Esch (Grüne). Jens Feuerhack (Neuberger Liste) und Jörg Schachtner (SPD)

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