Nicht immer bequem, aber ehrlich: Melanie Esch kandidiert am 14. März für das Bürgermeisteramt in Neuberg.
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Nicht immer bequem, aber ehrlich: Melanie Esch kandidiert am 14. März für das Bürgermeisteramt in Neuberg.

Die Kandidatin von Bündnis 90/Die Grünen

Bürgermeisterwahl Neuberg: Melanie Esch, die streitbare Grüne

  • Yvonne Backhaus-Arnold
    vonYvonne Backhaus-Arnold
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Melanie Esch kandidiert bei der Bürgermeisterwahl am 14. März für Bündnis 90/Die Grünen. Beim Spaziergang mit HA-Redakteurin Yvonne Backhaus-Arnold spricht die 41-Jährige über ihre Motivation, bei der Wahl anzutreten, über ihre Familie und ihre Vorstellung von Politik.

Neuberg – „Aus Liebe zum Leben in Neuberg“ steht auf dem Wahlkampfflyer von Melanie Esch. Dass darauf noch ein Storch mit einem grünen Bündelchen im Schnabel zu sehen ist, passt gleich dreifach, denn Esch lebt nicht nur gern in der 5400-Einwohner-Kommune, sie arbeitet auch als Hebamme und kandidiert bei der Bürgermeisterwahl Mitte März für die Grünen. Um Zeit zu haben für den Spaziergang mit unserer Zeitung, hat die 41-Jährige ihre Familienbesuche extra auf den Nachmittag gelegt,

Treffpunkt ist der Palisadenweg im Neuberger Ortsteil Ravolzhausen. Seit 15 Jahren leben Melanie Esch und ihr Mann Christoph hier. Ihr Haus war damals die Nummer 4 in dem noch jungen Wohngebiet. Am Feldrand entlang führt der Spaziergang Richtung Zentrale Sportanlage. Es ist sonnig und kalt an diesem Vormittag. Die Luft ist klar. Ein Traktor holpert an uns vorbei.

Melanie Esch, die ihr Abitur an der Otto-Hahn-Schule machte, stammt aus einer liberal-konservativen Arbeitgeber-Familie. In der mittelständischen Elektrofirma in Hanau habe sie viel Zeit verbracht, den Großvater als ehrlichen und toleranten Chef kennen und schätzen gelernt. Sie nennt ihn „mein Vorbild“. Heute führt Eschs Vater, gleichzeitig Vorsitzender der Elektroinnung, das Geschäft.

In die Politik ist sie hineingeschlittert

Die Eschs lernen sich in einer Hanauer Tanzschule kennen, leben erst in Rüdigheim, dann bauen sie in Ravolzhausen ihr eigenes Haus. Christoph Esch arbeitet heute als Betriebswirt. Zur Familie gehören die Söhne Bastian (16) und Tobias (8) sowie die 19-jährige Laura mit ihrer drei Monate alten Tochter Emilia. Melanie Esch hat ihre Enkeltochter, weil es plötzlich so schnell ging, zu Hause auf die Welt geholt. „Das war ein ganz besonderer Moment“, sagt die 41-Jährige. Dass ihre Familie hinter der Kandidatur steht, ist Esch wichtig.

In die Politik ist sie hineingeschlittert, als 2009 sämtliche freiwillige Leistungen der Gemeinde gestrichen werden sollten, darunter auch der Hort, den die beiden ältesten Kinder der Eschs damals besuchten. „Ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade meine zweite Ausbildung als Hebamme beendet“, erzählt die gelernte Kinderkrankenschwester und schiebt hinterher, „ich hätte nicht mehr arbeiten gehen können, wenn der Hort geschlossen worden wäre.“

Mit einigen anderen betroffenen Familien, die ebenfalls auf zwei Gehälter angewiesen waren, und über den Elternbeirat bitten sie um ein Gespräch mit der SPD-Bürgermeisterin. „Wir bekamen zu hören, dass der Hort geschlossen werden müsse, es dazu auch keine Alternative gebe“, erzählt Esch. Auch die CDU habe kein Interesse an dem Thema gehabt.

Den Ortsverband der Grünen reaktiviert

Es blieb das Gefühl, selbst etwas tun zu müssen. Und so traten Esch, ihr Mann und einige weitere Mitstreiter im gleichen Alter in die Partei Bündnis 90/Die Grünen ein und reaktivierten gemeinsam mit einigen Altgedienten den Ortsverband. Zwölf Jahre ist das jetzt her und Melanie Esch, die eigentlich nie vor hatte, in die Politik zu gehen oder in eine Partei einzutreten, heute nicht mehr „Grün hinter den Ohren“, wie der Wahlslogan seinerzeit lautete. Seit zehn Jahren sitzt Melanie Esch jetzt in der Gemeindevertretung. Zwei Vertreter stellen die Grünen hier. Die 41-Jährige ist seit drei Jahren Vorsitzende des Sozial-, Kultur- und Sportausschusses und auch sonst qua Amtes in allen Ausschüssen aktiv.

Die Stimme erhoben hat sie erstmals öffentlich und lautstark in der Fusionsdebatte. Gefallen hat das vor allem den Sozialdemokraten nicht. Als eines der Gesichter der Bürgerinitiative „Neuberger für Neuberg“ kritisierte sie die Idee des Zusammenschlusses mit Erlensee, kritisierte, dass es keine Kommunikation und keine Mitsprache gegeben habe. Beim Bürgerentscheid stimmten 70 Prozent der wahlberechtigten Neuberger gegen das Zusammengehen. Dass die gleiche SPD, die sich damals für die Fusion stark gemacht habe, heute die Vorteile Neubergs beschwöre, ist für sie wenig glaubwürdig.

„Da“, sagt Melanie Esch und deutet auf die Zentrale Sportanlage, „sollte schon längst etwas passieren. Wir haben Jahre verloren, auch 2020 ist hier nichts vorangegangen.“ Dass der Bolzplatz jetzt abgerissen werden und dem neuen Feuerwehrstützpunkt weichen soll, ohne alternative Grundstücke zu prüfen, hält die Bürgermeisterkandidatin für einen Fehler. „Der Bolzplatz soll dann irgendwohin kommen. Aber ist das wirklich ein sinnvolles Zusammenrücken der Ortsteile?“, fragt sie.

Im Gespräch: Melanie Esch, Bürgermeisterkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, und HA-Redakteurin Yvonne Backhaus-Arnold beim Spaziergang in Ravolzhausen.

Die Parteigrenzen außer Acht lassen, zusammenarbeiten mit Neuberger Liste und CDU – so stellt Melanie Esch sich die politische Zukunft Neubergs vor. „Anders kommen wir nicht weiter“, glaubt sie. „Wir alle opfern hier unsere Freizeit, engagieren uns für Neuberg.“ Sie findet es gut, dass es vier und damit so viele Kandidaten wie noch nie für die Wahl am 14. März gibt.

Die dreifache Mutter beschreibt sich selbst als offen, geradlinig, authentisch und ehrlich. Menschen ins Leben zu begleiten, einem Paar zu helfen, als Familie anzukommen, dass alles sei für sie Motivation gewesen, den Beruf der Hebamme zu ergreifen. Seit vier Jahren ist Melanie Esch freiberuflich in Vollzeit als Hebamme tätig, hat eine eigene Praxis in Erlensee, die wegen Corona aktuell geschlossen ist. Esch hofft, dass es hier bald weitergehen kann mit Kursen. 60 neue Familien nimmt die Hebamme pro Jahr neu auf, begleitet sie ab dem positiven Schwangerschaftstest bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Auch an Sonn- und Feiertagen ist Esch im Einsatz.

Das Zusammenrücken der Ortsteile als Thema

Die Kommunalpolitik nennt sie ihr Hobby. Sie sei drin in den Themen, habe früher als Elternvertreterin sowohl das Kinderhaus Panama als auch das Tabalugaland kennengelernt und zuletzt für die Bürgerinitiative den Rücken hingehalten. Wer Melanie Esch kennt, weiß, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt, nicht auf Äußerlichkeiten achtet und auch mal auf den Tisch hauen kann. Aber sie hat alle im Blick, bei der Arbeit als Hebamme zum Beispiel nicht nur Mutter und Kind, sondern auch den Vater und überhaupt den Umgang miteinander.

Das Zusammenrücken der Ortsteile und der Ausbau der Interkommunalen Zusammenarbeit sind genauso ihre Themen wie die Jugendarbeit oder die Frage, warum die Toiletten der Mittelpunktschule immer noch nicht saniert wurden. „Außerdem brauchen wir mehr Kitaplätze“, sagt Melanie Esch. Dass jetzt der alte Vorschlag, eine Waldkita zu installieren, von der SPD aus der Schublade geholt werde, findet sie lächerlich. „Wir machen Dinge, ohne zu wissen, ob es überhaupt einen Bedarf dafür gibt.“

Auf dem Rückweg passieren wir Wahlplakat um Wahlplakat. Wie es ausgehen wird am 14. März? Melanie Esch zuckt mit den Schultern, will keine Prognose abgeben. Für sie beginnt jetzt erst mal der Arbeitstag. Die nächste Familie mit Baby wartet. (Von Yvonne Backhaus-Arnold)

Hier geht es zum Porträt von Walter Bernges (CDU). Jens Feuerhack (Neuberger Liste) und Jörg Schachtner (SPD).

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