Geht bald in ihr letztes vollständiges Jahr als Bürgermeisterin: Iris Schröder hat jetzt Bilanz eines schwierigen Jahrs gezogen. Archivfoto: Bender

Neuberg

2019 hat den Blick von Bürgermeisterin Iris Schröder verändert

Neuberg. In der Luft liegt der Duft von Kerzenwachs und Kaffee. Adventsstimmung im Rathaus. Doch der Schein trügt. Die heimelige Atmosphäre ist nur oberflächig, die Anspannung, die ein für die Gemeinde Neuberg ganz besonderes Jahr hinterlassen hat, ist im Obergeschoss des Verwaltungssitzes noch deutlich zu spüren.

Von Holger Weber

Bürgermeisterin Iris Schröder sitzt am Schreibtisch ihres Dienstzimmers. Eigentlich sollte es ein Gespräch über den Haushalt werden, dessen Verabschiedung im Gemeindeparlament im Januar ansteht. Über Projekte, über Ideen und Pläne für die Gemeinde. Doch es kommt anders. Es wird die Bilanz eines Jahres, das den Blick der Sozialdemokratin auf ihre Heimatgemeinde merklich verändert hat. Ein Jahr, in der ihr Ablehnung, teilweise auch Hass entgegengeschlagen ist.

Am Morgen nach dem Bürgerentscheid über die Fusion von Neuberg und Erlensee, da habe sie einen Augenblick überlegt, ob es nicht besser wäre, einfach liegen zu bleiben, nicht mehr ins Rathaus zu gehen. „Ich war kurz davor hinzuwerfen“, sagt die 63-Jährige. Mit 70 Prozent hatten die Neuberger sich am 10. November gegen die Pläne ausgesprochen, mit der Nachbarstadt Erlensee zu fusionieren.

Fusionspläne vorangetrieben

Die Idee war von Schröder und ihrem Erlenseer Amtskollegen Stefan Erb geboren worden. Beide hatten die Fusionspläne über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren vorangetrieben. Sie hatten eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben und für ihre Idee eines freiwilligen Zusammenschlusses bis zuletzt geworben. Im Glauben, ihre beiden Kommunen für kommende, finanziell schwieriger werdende Zeiten zu rüsten. Schröder ist nach wie vor überzeugt, es wäre für Neuberg das Beste gewesen, sich an einen starken, wirtschaftlich prosperierenden Partner zu hängen.

Es sei nicht die politische Niederlage, die sie umtreibe, die ihr in den vergangenen Monaten viele schlaflose Nächte bereitet habe. Damit könne sie gut leben, sagt sie. „Ich kann andere Standpunkte akzeptieren.“ Das müsse man können als gute Demokratin. Was sie verletzt hat, waren persönlichen Anfeindungen. Nicht nur gegen sie selbst. Ihre Familie sei mit in Sippenhaft genommen worden. Im Kindergarten wendeten sich die Kleinen sogar von ihrer vierjährigen Enkelin ab. Ihr Mann, sagt sie, habe sich manchmal nicht mehr getraut, auf die Straße zu gehen. Es gab E-Mails, anonyme Briefe. „Ich weiß jetzt, warum viele Amtskollegen ihren Job niederlegen, weil sie den Druck, die öffentlichen Anfeindungen, teils auch Bedrohungen nicht mehr hinnehmen wollen“, sagt Schröder.

Als Person verändert

Am schlimmsten sei für sie jedoch, dass diese Erfahrungen sie selbst als Person verändert habe: Sie könne das, was passiert sei, nicht einfach so vergessen. Abtun, als sei nichts passiert oder die Dinge an sich abprallen lassen. So wie früher. Es sei ein Gefühl, das eigentlich entgegen ihres Naturells sei: „Ich kann mich im Moment nicht mehr mit allen Menschen in unserer Gemeinde an einem Tisch setzen.“ Sie werde auch nicht mehr alle Veranstaltungen besuchen, bedauert Schröder.

Dass sie an jenem 11. November, also am Tag nach dem Bürgerentscheid, wieder aufgestanden sei, das habe auch etwas mit Loyalität gegenüber ihren Mitarbeitern im Amt zu tun gehabt. Viele von ihnen haben ebenfalls eine schwere Zeit hinter sich, weil auch sie loyal ihrer Chefin gegenüber gewesen seien und dafür die Konsequenzen tragen mussten.

2020 ist ihr letztes vollständige Jahr im Amt als Bürgermeisterin, im Herbst wird ihr Nachfolger gewählt, im März darauf wird Schröder dann nach 17 Jahren in Pension gehen. Es habe Momente gegeben, da habe sie darüber nachgedacht, vielleicht doch noch einmal zu kandidieren. Das kommt für Schröder jetzt nicht mehr Anfrage. Im März 2020 ist Schluss.

Viele Dinge auf den Weg bringen

Allerdings möchte sie in der verbleibenden Zeit noch viele Dinge auf den Weg bringen, sagt sie. Vor allem die Vereine, sollen von der augenblicklich stabilen finanziellen Lage der Gemeinde „endlich einmal profitieren“. Jahre lang habe man angesichts knapper Kassen nur darüber nachgedacht, wo noch Sparpotenzial sei. Jetzt könne und müsse man auch über Investitionen nachdenken. 950 000 Euro erwartet die Gemeinde allein aus der Hessenkasse. Auch Gelder aus dem Kommunalen Investitionsprogramm müssen im Laufe des kommenden Jahres abgerufen werden, damit sie nicht verfallen.

Am Bürgerhaus in Rüdigheim soll im kommenden Jahr das Dach erneuert werden, um die Heimat vieler Clubs langfristig zu sichern. Auch die zentrale Sportanlage liegt Schröder am Herzen, weil Unterstützung für die Sportvereine gleichzeitig auch Hilfe für die Jugendarbeit bedeute. Neue Duschen wird es geben, das Kleinspielfeld und die Laufbahnsollen in Stand gesetzt werden. Iris Schröder beginnt ihre letzte, vielleicht versöhnliche Etappe im Rathaus.

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