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Am zweiten Prozesstag um den Überfall auf die Aral-Tankstelle in Dörnigheim hat unter anderem die Kassiererin ausgesagt.

Tankstellenmitarbeiterin leidet an Schlafstörungen

Prozess um Tankstellen-Überfall: Mitarbeiterin hat Tatnacht noch nicht verarbeitet - Gutachten sorgt für Überraschung

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Auch mehrere Monate nach dem Überfall auf die Aral-Tankstelle in der Kennedystraße steht die Kassiererin J. noch unter dem Eindruck der Tat. Das wurde bei ihrer Aussage am zweiten Prozesstag deutlich.

Außerdem sorgte das psychiatrische Gutachten für Überraschungen. Sie sei generell kein ängstlicher Mansch, so die 38-jährige Maintalerin. Der Überfall am 30. September 2019, bei dem sie von Konstantin K. mit einer Schreckschusswaffe bedroht wurde, habe bei ihr aber für einen Schock gesorgt.

Kassiererin leidet nach Überfall an Schlafstörungen

Sie leide seitdem unter Schlafstörungen, nehme Medikamente gegen die Angst. Außerdem verspüre sie eine innerer Unruhe. Seit dem Überfall ist sie krankgeschrieben, ihrer Arbeit als Verkäuferin will sie nicht mehr nachgehen. Auch das Privatleben hat unter der Tat und ihren Folgen gelitten. Ihre Therapie dauert derweil an, außerdem befindet sie sich auf Jobsuche. „Ich will normal weiterleben“, sagt J.

Da der Tatablauf schon am ersten Prozesstag hinreichend geklärt worden war, musste J. die Tat nicht noch einmal durchleben, die Ansicht der Videoaufnahmen blieb ihr erspart. „Vielleicht geht es Ihnen besser, wenn der Prozess beendet und alles abgeschlossen ist“, so die Hoffnung von Richterin Coretta Oberländer. Schon am Ende der 20-minütigen Aussage hatte man den Eindruck, dass eine große Last von der Kassiererin abgefallen ist.

Der Angeklagte verfolgte die Aussage weitestgehend regungslos, für die Tankstellen-Angestellte hatte er aber eine Entschuldigung parat. „Ich war total verzweifelt, es tut mir sehr leid.“

Psychiatrisches Gutachten überrascht 

Für eine „neue Ausgangssituation“, so Staatsanwalt Martin Links, sorgte das psychiatrische Gutachten von Dr. Jürgen Wettig. Anders als die bisherigen Gutachten – aufgrund diverser Aufenthalte von K. in Kliniken und psychiatrischen Einrichtungen gibt es einige davon – attestierte Wettig dem Angeklagten keine Schizophrenie.

Wahnvorstellungen und Halluzinationen gebe es bei K. ebenso wenig wie die Stimmen im Kopf, die den Angeklagten laut eigener Aussage unter anderem dazu aufgefordert hätten, Menschen zu töten. Stattdessen leide K. an einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung. Diese zeichne sich durch extreme soziale Isolation, mangelnde Impulskontrolle und bizarre Denkmuster aus. Das erklärt auch K.'s massiven Widerstand bei der Festnahme und die Aussage, er wolle sich mit seinem illegalen Waffenarsenal unter anderem gegen Zombies beschützen. K., so die Einschätzung von Wettig, leide außerdem an einer schweren Entwicklungsstörung.

Schwere Entwicklungsstörung des Angeklagten

„Er hat das kindliche Niveau nie verloren“, sagte Wettig, der leitender Abteilungsarzt einer Psychiatrischen Klinik in Eltville ist. Der Verlust seiner Tante, die Trennung der Eltern und seine anschließend überfürsorgliche Mutter begünstigten das zurückgezogene Leben von K. schon als Jugendlicher.

Seiner eigenen Entwicklung wollte der heute 25-Jährige schon früh mit Drogen entgegensteuern – seine Sucht machte dann zahlreiche Therapieversuche zunichte. Auch die verordneten Medikamente wurden durch den übermäßigen Drogenkonsum ihrer Wirkung beraubt. K. zurück in die Realität zu holen gleiche einer „therapeutischen Lebensaufgabe“, so Wettig.

Experte für Unterbringung in psychiatrischem Krankenhaus

Der Experte empfahl nach seiner überarbeiteten Diagnose daher die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gemäß Paragraf 63 des Strafgesetzbuches. Angesichts der neuen Erkenntnisse einigten sich Staatsanwalt Links und Verteidiger Jonas Wohlfarth darauf, die Plädoyers auf einen weiteren Verhandlungstag zu verschieben. Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen.

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