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Wildtierfreunde wildern genesenen Rotmilan wieder aus

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Starthilfe nötig: Sabine Klein von den Wildtierfreunden gibt der Rotmilan-Dame den nötigen Schubs in die Freiheit. Foto: Lennart Nickel
Starthilfe nötig: Sabine Klein von den Wildtierfreunden gibt der Rotmilan-Dame den nötigen Schubs in die Freiheit. Foto: Lennart Nickel

Maintal/Großkrotzenburg. Samstag, 9.30 Uhr. Die Kofferraumtüren des Vans werden geöffnet, die in Transportboxen untergebrachten Protagonisten des Tages fachmännisch begutachtet. Nach dem Okay der Chefin geht es los. Auf einer abgeschiedenen Streuobstwiese soll es passieren.

Von Lennart NickelEntgegen der Erzählweise handelt es sich nicht um das unschöne Finale eines mittelmäßigen Thrillers. Denn was die „Chefin“ Sabine Klein, Mitarbeiter Daniel Heinze und zwei schaulustige Kollegen vorhaben, ist das komplette Gegenteil: Sie wollen zwei vormals verletzten Greifvögeln die Freiheit zurückgeben.

Viele verschiedene Aufgaben

Das ist eine Aufgabe von vielen der Wildtierpflegestation Maintal. Sabine Klein leitet die Station in Dörnigheim und packt natürlich mit an, wenn es um eines der vermutlich schönsten Elemente dieser Arbeit geht.

Allerdings macht gerade der kurz vor der Entlassung stehende Rotmilan den Eindruck, als würde er am liebsten den Kopf in den Sand stecken, wenn es denn welchen in seiner Box gäbe. „Der war wie tot, als wir ihn vor einer Woche von einem Mann gebracht bekommen haben“, erinnert sich Klein. Auf einem Feld bei Nidderau sei er, beziehungsweise sie, wie die Wildtierfreunde herausfinden konnten, gefunden worden.

„Ich habe nicht einmal geglaubt, dass sie die erste Nacht überlebt“, so die 50-Jährige. Die fachsimpelnde Vierer-Gruppe vermutet, dass das Weibchen auf dem Rückweg von Spanien, dem bevorzugten Winterquartier der Rotmilane, bei einem Revierkampf verunglückt ist.

Bis zu 400 Tiere auf Station

Die Greifvogeldame war während ihres zirka einwöchigen Stationsaufenthalts zwar allein untergebracht, aber mitnichten die einzige Patientin gewesen. Zu Stoßzeiten, wie jetzt in der Jungtierzeit, sind mitunter bis zu400 Tiere auf der Wildtierstation. Darunter sind sehr viele Igel, aber auch Wassergeflügel wie Schwäne und Enten, Eulen, Greifvögel oder – wie zuletzt – ein junger Dachs. Auswilderungen wie die des Bussards und des Rotmilan-Weibchens finden immer wieder statt, der richtige Zeitpunkt hänge vom Tier ab, meint Klein.

„Wir setzen die Tiere erst aus, wenn sie fit genug sind. Zur Not lassen wir sie noch zwei bis drei Tage länger auf Station“, erklärt Daniel Heinz. Der 31-jährige Großkrotzenburger arbeitet ehrenamtlich bei den Wildtierfreunden mit. Auf die Genese angesprochen, kann Heinz Erfreuliches berichten. Das Tier habe sich gut gefangen. „Ab dem Tag, als sie wieder stehen konnte, hat sie gefressen.“ Und wie: Bis zu 13 gefrorene Küken täglich habe die Dame verputzt. Doch wie stehen ihre Überlebenschancen außerhalb der fürsorglichen Station? Klein ist zuversichtlich. „Sie wird, denke ich, keine Probleme in freier Wildbahn haben. Derzeit sind genügend Mäuse da!“

Mittlerweile ist es kurz vor 10 Uhr, beinahe windstill und die vergleichsweisen hohen Temperaturen sind ideal, um die Vögel frei zu lassen. Als geeigneten Ort haben sich die Wildtierfreunde eine Streuobstwiese unweit des Oberwaldstadions und neben dem auch als Emma-Süd bekannten Hornsees ausgesucht. In Maintal wildere sie Greifvögel wegen der Krähen ungern aus, so Klein.

Die Balzzeit beginnt

Für das Rotmilan-Weibchen wird nun bald die Balzzeit beginnen. „Vielleicht findet sie einen guten Kerl hier“, bemerkt Klein süffisant. Dafür müsste sie aber erst einmal wieder Aufwind unter den Flügel spüren und etwas mehr Enthusiasmus zeigen.

Denn selbst als die 50-Jährige die Box öffnet und das imposante Tier in den Armen hält, zögert das Weibchen. Doch dann gibt Klein mit einem kleinen Stoß die Starterlaubnis und jegliche Teilnahmslosigkeit weicht einem durch die wiedergewonnene Freiheit erwachten Lebenswillen. Die ersten Flügelschläge wirken noch leicht verdattert. Durch den schnell gefundenen Aufwind fliegt der Rotmilan aber immer sicherer und erkundet die Gegend.

Die vier Beobachter sind sichtlich froh, dass die Greifvogel-Dame das Fliegen nicht verlernt hat, und bewundern ihren Anmut. Der Aphorismus eines unbekannten Autors bestätigt: Eines Vogels Flug durch den weiten Himmel trägt den Schauenden mit. Tatsächlich scheint das Rotmilan-Weibchen sich gen Hanau zu bewegen, wohin es auch für die Wildtierfreunde wieder geht. Nach einem kurzen Blick in den Himmel scherzt Sabine Klein augenzwinkern: „Die ist schneller daheim als wir!“

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