Kein Korn in Sicht: Wird zu früh geerntet, findet der vom Aussterben bedrohte Feldhamster auf den Äckern weder Nahrung für den Wintervorrat noch Schutz vor Feinden. Foto: Manfred Sattler

Maintal

Wachenbucher Landwirt lässt Getreide für Feldhamster stehen

Maintal. Der Hamster kommt nicht hinterher. Der Strukturwandel mit seinen Monokulturen, aber auch klimatische Veränderungen, auf die Landwirte unter anderem mit immer früheren Erntezeiten reagieren, machen dem Nager schwer zu schaffen.

Von Martina Faust

Denn wenn für ihn die Zeit kommt, Vorräte für den Winter anzulegen, sind die Felder bereits abgeerntet. Doch seinen Lebenszyklus und die Aufzucht der Jungtiere kann er nicht beschleunigen. Daher braucht er Hilfe beim Hamstern. Die bekommt er von Landwirten.

Bereits seit 2007 gibt es als Schutzmaßnahme sogenannte Hamsterstreifen. Landwirte lassen im Zuge der Ernte einen Streifen Getreide bis in den Herbst hinein stehen und bieten dem Nager dadurch Nahrung und Unterschlupf. Im Gegenzug gibt es eine Entschädigung aus öffentlichen Fördertöpfen.

Landwirte beteiligen sich an Schutzmaßnahmen

Auch in Maintal beteiligen sich zahlreiche Landwirte an diesen Schutzmaßnahmen, etwa in Wachenbuchen. Schon seit einigen Jahren lässt Martin Stein Hamsterstreifen stehen. Bis zu 15 Prozent der Fläche werden gefördert. In diesem Jahr geht der Wachenbucher erstmals einen Schritt weiter und hat großflächig einen zusammenhängenden Hektar Weizen auf einer sechs Hektar großen Fläche nicht geerntet. Gemeinsam mit Manfred Sattler von der Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterland möchte er beobachten, wie sich diese Maßnahme auf die Hamsterpopulation auswirkt. Denn selbst im ländlichen Raum kämpft der Hamster ums Überleben.

„Im freien Fall“ befinde sich die Entwicklung der Population, sagt Sattler. Drei bis vier Hamsterbaue sollten sich auf einem Hektar finden. In dem Gebiet, das Sattler betreut und das sich von Bergen-Enkheim bis Bruchköbel erstreckt, sind es gerade mal 0,3. „Ganze Populationsräume sind quasi hamsterfrei“, erläutert er. Fündig wird er am ehesten noch in Wachenbuchen im Bereich des Hühnerbergs Richtung Niederdorfelden, in Kilianstädten und Mittelbuchen.

Selten bekommt Sattler jedoch einen Hamster zu sehen. Die Tiere sind nachtaktiv und äußerst scheu. Seine Zählungen stützen sich auf die Baue, die er seit zehn Jahren kartiert. „Es ist erschreckend. Vor fünf Jahren habe ich noch zwischen zehn und 20 Baue auf einem Acker entdeckt. Jetzt ist es mit viel Glück noch einer“, erzählt er.

Profit für Feldhamster

Wesentlicher Grund für diese Entwicklung ist der Strukturwandel in der Landwirtschaft. Der Feldhamster profitiert von kleinen, naturnah bewirtschafteten Feldern und einer strukturreichen Landschaft. Heute jedoch dominieren riesige Monokulturen. In Verbindung mit immer früheren Ernteterminen und effizienten Maschinen, die eine zügige Ernte ermöglichen, findet der Nager von Juli bis Mitte Oktober und damit genau in jenem Zeitraum, in dem er seinen Wintervorrat anlegt, kaum Nahrung und hat zudem keine Deckung zum Schutz vor natürlichen Feinden.

„Der Hamster ist in seinem Lebenszyklus festgelegt. Er kann nicht früher beginnen, Vorräte anzulegen. Denn er ist von Juni bis in den August hinein mit der Aufzucht seiner bis zu drei Würfe beschäftigt“, erläutert Sattler. Doch ein dritter Wurf ist unter diesen Bedingungen kaum möglich und auch die Überlebenschancen der unerfahrenen Junghamster des zweiten Wurfs sind auf den kahlen Äckern sehr gering. „Im vergangenen Jahr kam durch die frühe Ernte aufgrund der Hitze und Trockenheit vermutlich nicht ein einziger Wurf durch“, mutmaßt Sattler. Für das ohnehin bedrohte Tier eine dramatische Situation. „Wenn die Jungtiere als Grundstock der Population wegbrechen, ist das eine Katastrophe“, sagt er.

„Für den Hamster ist jede Woche wichtig. Wie bei einer Frühgeburt“, sagt Sattler mit Blick auf die Ernte und verfügbare Nahrung. Daher begrüßt er, dass es rund 30 Landwirte im westlichen Main-Kinzig-Kreis gibt, die sich gemeinsam für lebendige Felder engagierten und untereinander austauschten. Darunter auch Martin Stein, der gespannt ist, was auf seinem Feld bis Oktober passiert. Dann endet auch die Stoppelruhe und die Äcker werden bearbeitet. „Erfolgt der Bodenumbruch zu zeitig, erwischt man die Tiere. Die brauchen einfach Zeit, um ihren Winterbau in bis zu zwei Metern Tiefe anzulegen. Dort lagern dann auch die anderthalb bis zweieinhalb Kilo Getreide, die der Feldhamster idealerweise sammeln konnte, um gut durch den Winter zu kommen.

Das könnte Sie auch interessieren