Volles Zelt am Kerbmontag: Der letzte Tag der Wachenbucher Kirchweih gilt schon seit Jahren als inoffizieller Wachenbucher Nationalfeiertag. Archivfoto: Kalle

Maintal

Wachenbucher Kerb damals und heute

Für eine knapp 100-Jährige hat sie sich hervorragend gehalten! Spurlos ist die Zeit an ihr dennoch nicht vorübergegangen, und so blickt auch die Wachenbucher Kerb, die in wenigen Tagen wieder beginnt, auf eine wechselvolle Geschichte zurück.

Bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts reicht die Traditionsveranstaltung zurück. „Damals fand am zweiten Sonntag im August die Vorkerb statt, dann kam der Kerbmittwoch und am folgenden Sonntag die Nachkerb“, erzählt Werner Borger. Der gebürtige Wachenbucher kann zwar nicht bis in die 20er Jahre zurückblicken, aber der 72-Jährige erinnert sich noch gut an die Entwicklung der Kerb seit den 50er Jahren.

Aufgewachsen ist Werner Borger auf dem landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern im alten Ortskern, in Alt Wachenbuchen, also dort, wo sich früher das Kerbtreiben abspielte. Das fand nämlich in den Gaststätten „Concordia“ (Alt Wachenbuchen), „Zum Schwanen“ (Schulstraße) und „Pflug“ (Dorfelder Straße) statt. „In allen Sälen spielten damals Kapellen zum Tanz auf“, erzählt Borger. „Die Fahrgeschäfte und Buden standen auf der Straße. Eine Durchfahrt für den Autoverkehr war in dieser Zeit nicht möglich“, blickt Borger zurück und erinnert sich noch gut an die Schiffschaukel, die gegenüber der Gaststätte „Pflug“ am Beginn der Feldstraße aufgebaut war. „Außerdem gab es einen Schießstand, Losbuden, ein Karussell und natürlich Süßwaren.

Nachdem die Gaststätte „Pflug“ für immer ihre Pforten schloss, zog die Kerb nach Alt Wachenbuchen und in die Bachstraße um. „Dort, wo heute das Feuerwehrgerätehaus steht, gab es früher eine Garage für den Autobus, den Leichenwagen und das Feuerwehrauto. Dort wurde das Riesenrad aufgebaut“, erzählt der Ur-Wachenbucher.

Gut in Erinnerung ist ihm die Tradition geblieben, dass die Feuerwehrkapelle am Kerbmittwoch durch das Dorf zog und Eier und Speck sammelte. „Die wurden dann in der ,Concordia' für die Musiker zubereitet. Außerdem fanden am Kerbmittwoch immer eine Feuerwehrübung und der Gickelschlag statt. Das war eine lustige Sache“, schmunzelt Borger. Ein Tontopf wurde auf einem Acker in der Erde vergraben und musste wie beim Topfschlagen mit verbundenen Augen mit einem Dreschflegel getroffen werden. Der Lohn: ein Gickel.

Den Gickelschlag gab es noch bis vor etwa 15 Jahren, ebenso wie die Kerbbeerdigung, die in den 70er Jahren ihren Ursprung hat. Dabei wurde der mit Stroh ausgestopfte Kerbborsch, von einer Trauerprozession begleitet, zur Feuerbestattung auf eine benachbarte Wiese getragen. Die Bestattung wurde irgendwann selbst zum Opfer, ebenso wie der Gickelschlag, und zwar zum Opfer des Erfolgs des Kerbmontags. „Durch den ausgedehnten Frühschoppen am Kerbmontag hatte nachmittags niemand mehr Lust, zum Gickelschlag aufs Feld zu gehen.

Es war zwar eine schöne Tradition, aber irgendwann nicht mehr zeitgemäß“, erzählt Borger ohne Wehmut. Und auch die beliebte Hitparade der Freien Turnerschaft Wachenbuchen am Montagabend, die die Leute in den 90er und Anfang der 2000er Jahre begeisterte, sorgte für schwindendes Interesse am Brauch der Kerbbeerdigung.Dass die Kerb aus der Dorfmitte auf den Festplatz in Feldrandlage zog, verdankt sich dem Mut der Feuerwehr, 1976 ein neues Konzept zu erproben. Damals fand erstmals eine Zeltkerb auf dem Festplatz am Hanauer Weg statt. Ein Entschluss, den manch einer belächelte. Doch schon damals hatte ein Wandel stattgefunden.

Die Gaststätten, die heute längst der Wohnbebauung gewichen sind, spielten für die Kerb keine Rolle mehr. „Ab 1964 fand die Kerb in der Mehrzweckhalle, dem heutigen Bürgerhaus, statt. Dort waren dann auch die Fahrgeschäfte aufgebaut. Schon damals fand die Kerb nicht mehr über einen Zeitraum von zwei Sonntagen statt“, berichtet Borger. Als sich kurz darauf auch die Feuerwehrkapelle auflöste, fand eine weitere Tradition ihr Ende.

Seit 1976 hat die Kerb ihren festen Platz also am Ende des Hanauer Wegs. Dort startet sie am Freitagabend vor dem zweiten Augustwochenende. Während der Freitag- und Samstagabend vor allem den jüngeren Besuchern gehören, eint der Kerbmontag alle Generationen, über die Stadtteilgrenzen hinweg. „Seit etwa zwei Jahrzehnten gilt der Montag als Nationalfeiertag, der vor allem vom Blasorchester lebt“, erzählt Borger. Mit seiner Popularität hat er längst Gickelschlag und Kerbbeerdigung abgelöst und eine neue Tradition begründet, die allerdings die Frage offen lässt: Was treibt der Kerbborsch eigentlich den Rest des Jahres, wenn er nicht mehr eingeäschert wird. . .?

Das könnte Sie auch interessieren