Driss (Felix Frenken) bringt viel Abwechslung und manche Turbulenzen in das Leben des im Rollstuhl sitzenden Philippe (Timothy Peach), dessen wichtigste Bezugsperson bisher seine Sekretärin Magalie (Sara Spennemann) gewesen ist. Foto: Matthias Stutte

Maintal

Volksbühne zeigt Theateradaption von "Ziemlich beste Freunde"

Maintal. Die französische Filmkomödie „Ziemlich beste Freunde“ zog auch in Deutschland Millionen in die Kinos. Entsprechend gespannt war man nun auf die von Gunnar Dreßler erstellte Bühnenfassung, die von der Volksbühne in einer Produktion des Tournee-Theaters Thespiskarren im Bürgerhaus Bischofsheim präsentiert wurde.

Von Jürgen Gerth

Menschen mit Behinderungen verschiedenster Art sollten in einer aufgeklärten und transparenten Gesellschaft einen angemessenen Anteil am öffentlichen Leben einfordern können. Bei körperlichen Behinderungen gibt es dafür eine Vielzahl von technischen Hilfsmitteln zur Erleichterung der Folgen der körperlichen Einschränkungen, bei der notwendigen Hilfe und Pflege täglicher Angelegenheiten dagegen fehlt öfters die notwendige Empathie. Es ist einfacher, die Behinderungen anderer Menschen aus einem gewissen Abstand zu tolerieren, als sich mit ihnen und ihren Problemen dauerhaft auseinander zu setzen.

„Ziemlich beste Freunde“ befasst sich mit diesen Situationen. Übrigens basiert die Story auf einer tatsächlichen Begebenheit. Als Inspirationsquelle diente laut Programmheft das Leben eines Adeligen, der durch einem Gleitschirmabsturz vom Hals an abwärts gelähmt war. In der Komödie, wenn es denn überhaupt eine ist, lernen wir Philippe, einen begüterten, gut situierten Herrn kennen, der im Rollstuhl sitzt und eine neue Pflegekraft benötigt. Trotz seiner Behinderung versucht er, sein Leben mit einer gewissen Seriosität und Souveränität zu gestalten. Seine nicht unattraktive Sekretärin Magalie steht ihm in geschäftlichen Angelegenheiten zur Seite.

Eigentlich wollte Driss nur eine UnterschriftUnter den wenigen Bewerbern tritt auch der Kleinkriminelle Driss in Erscheinung, der, aufgewachsen in den Pariser Banlieus – von Hector Berlioz hat er noch nie gehört – kaum etwas mit der Lebenslage von Philippe anfangen kann und eigentlich nur eine Unterschrift einfordert, um seiner Pflicht, sich um Arbeit beworben zu haben, nachzukommen. Es fällt ihm überaus schwer, in seiner fast kindlichen Naivität die körperlichen Behinderungen richtig einzuschätzen und darauf angemessen zu reagieren. Trotzdem weckt diese frech-dreiste Art das Interesse des Gelähmten und im Laufe der vereinbarten Probezeit kommen sich die beiden unterschiedlichen Einstellungen zum Leben auf wundersame Weise immer näher.

Driss bringt rasante Abwechslungen in den Alltag ein. Sei es durch kleine Exzesse beim Trinken und Essen, sei es durch die Vertiefung möglicher sexueller Vorgänge. Gleichzeitig genießt er den Komfort und gewinnt an fundiertem Selbstbewusstsein, zum Beispiel als naiver Maler. Beide ziehen daraus Vorteile für die Gestaltung des jeweiligen eigenen Daseins. Dies zeigt sich besonders deutlich, als Driss die Pflegestelle aus privaten Gründen – seine familiäre Herkunft ist sehr verworren – aufgeben muss und beide Männer wieder in ihren ursprünglichen Trott zurückfallen, was sich besonders auf Philippe negativ auswirkt.

Eingeschränkte Expressität schade InszenierungVielleicht sind ja beide letztlich aufeinander angewiesen, um ihr Dasein als zwei Randfiguren der Gesellschaft wirklich meistern zu können. Die Inszenierung von Gerhard Hess leidet etwas darunter, dass immer wieder bei der Darstellung der Personen in dem funktionsgerechten Bühnenbild (Cornelia Brey) die eingeschränkte Expressität im Vordergrund steht.

Und Darsteller Felix Frenken gibt dem Driss zu monochrome Züge, ist laut, clownesk und dadurch auch ermüdend-undifferenziert, was zwar seinem biederen Charakter nahekommt, doch wird gerade dadurch letztlich die humane, emphatische Entwicklung, die er durchläuft, verdeckt. Am Ende ähnelt sein Verhalten dem des Anfangs. Trotzdem sind Frenkens mimische und körpersprachliche Ausbrüche wirksam und bringen das Publikum in Bischofsheim immer wieder zum Lachen, vielleicht sogar zum Nachdenken.

Lob für die DarstellerTimothy Peach als Philippe gelingt es intensiver, seine Veränderungen im täglichen Ablauf zu dokumentieren, sowohl was die neuen Aktivitäten wie Autotouren und Gleitschirmerinnerungen als auch die sexuelle Möglichkeiten anbetreffen. Seine Gemütsveränderungen mit den emotionalen Beherrschungsmomenten kommen deutlich zum Tragen. Peach bringt dabei auch die Bedeutung des Rollstuhls immer wieder in die Handlung ein. Sara Spennemann als Magalie (daneben gibt sie noch Kurzauftritte als Prostituierte und Brieffreundin Eleonor – beides von Driss inszenierte Aktionen) verkörpert eine Art Vermittlerperson, die sowohl mit Philippe als auch mit Driss umzugehen versteht, während André Lassen als unbedarfter Pfleger ein Ausrufezeichen setzt.

Der Beifall im nicht ausverkauften Saal des Bürgerhauses dokumentierte nachhaltig, dass sich das Publikum gut unterhalten fühlte.

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