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Volksbühne Maintal: Wandlungsreiche Komödie mit Christine Neubauer und ChrisTine Urspruch in Bischofsheim

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Turbulent und bisweilen reichlich schräg geht es bei (von links) Anna (ChrisTine Urspruch), Guillaume (Moritz Bäckerling) und Celine (Christine Neubauer) zu.
Turbulent und bisweilen reichlich schräg geht es bei (von links) Anna (ChrisTine Urspruch), Guillaume (Moritz Bäckerling) und Celine (Christine Neubauer) zu. © A. Bassimir (TheaterGastspiele Fürth)

Die Volksbühne Maintal präsentierte unter 2G-Regelung und permanenter Maskenpflicht während der gut zweistündigen Aufführung (plus 20-minütiger Pause) die Komödie „Celine“ von Maria Pacôme. Mit dabei bei dieser Produktion der Theatergastspiele Fürth waren die aus dem Fernsehen bekannten Schauspielerinnen Christine Neubauer und ChrisTine Urspruch.

Maintal - Am Ende der Vorstellung erfolgte das Verlassen des gut gefüllten Saals des Bürgerhauses Bischofsheim für das Publikum reihenweise und ohne Zeitdruck. Das Publikum unterstütze die Anweisungen mit Zustimmung. Allerdings war in der Pause freie Gestaltung der Zusammenkünfte möglich. Dies erschien nicht ganz stimmig.

Kommen wir nun zur Handlung auf der Bühne: Eine Komödie basiert ja in den meisten Fällen auf zufälligen Begebenheiten, dem Wendungsreichtum der Ereignisse, gesteuert von zusätzlichen Zufällen und menschlichen Unzulänglichkeiten oder gar Willensbekundungen einzelner Personen.

So tummelten sich im etwas kahlen, modernen Wohnzimmer einer Villa mit grünem Gartenland (Bühne: Elmar Thalmann) nach und nach mehrere Personentypen. Ein Fisch namens Jonas und ein abstraktes Gemälde des Malers Miró vermittelten den ersten Eindruck der etwas durch den Wind gedrehten, attraktiven Hausbesitzerin Celine. Deren Tätigkeit bestand – wie sich sogleich herausstellen sollte – darin, fremde Häuser und Wohnungen auszurauben. Das eigene Haus konnte damit finanziert werden.

Daneben entpuppte sich die mimenhafte Hausdame Anna – auch eine Art Alberich – recht schnell als Spiritus Rector im Haushalt, die, kreativ und körperlich aktiv, die zwischenmenschliche Steuerung der handelnden Personen, besonders ihrer Herrin, lenkte. Dazu gesellte sich der unstrukturierte und unsortierte Jungeinbrecher Guillaume (was sich natürlich besser anhört als der deutsche Name Wilhelm), der weder in der Lage war, die richtige Logistik zu erfassen noch die nervenstarke Celine zu erschüttern. Dazu trug er noch eine Art Sträflingspullover (Kostüme: Thomas Rohmer); alles in allem eine Art Ritter von der traurigen Gestalt. Die beiden Damen entschlossen sich jedoch nach kurzer Klausurtagung, ihn im Geschäft des professionellen Einbruchsgewerbes auszubilden.

Aus dem unfähigen Einbrecher Guillaume wird ein adrett gekleideter Bilderfälscher.
Aus dem unfähigen Einbrecher Guillaume wird ein adrett gekleideter Bilderfälscher. © A. Bassimir (TheaterGastspiele Fürth)

Guillaume fiel dadurch jedoch in einen persönlichen Zwiespalt im Hinblick auf das gestandene Weib Celine. War sie jetzt Madame und Lehrerin oder – obwohl er ihr Sohn sein konnte – gab es eine andere Ebene gemeinschaftlicher Bindung? Anna behandelte auch dieses Problem, mystisch und mehrdeutig. Doch jetzt kam die unerwartete, erwartete Wendung in den Beziehungen der Akteure auf der Bühne. Celines Sohn Pierre erschien und verkündete, dass alsbald seine neue Freundin auftreten würde, um seine Mutter kennenzulernen. Pierre arbeitete als Versicherungsagent und behandelte besonders Einbruchsdelikte.

Natascha ihrerseits war Galeristin und handelte mit modernen Bildern. Jetzt muss man natürlich wissen, dass Guillaume als Einbrecherjungprofi in der Ausbildung eine echte Null war, doch – wie das Leben zumindest in der Komödie so spielt – ein begnadeter Bilderfälscher. So hatte er in seiner Freizeit den (geklauten) Miró haargenau abgemalt. Und noch eine ungeahndete Wendung flog ins Geschehen: Celine hatte einst die Wohnung von Nataschas Eltern ausgeraubt. Und fast das gesamte Diebesgut – natürlich auch der Miró – befand sich noch in ihrem Haus. Warum eine Galeristin gerade den Sohn einer Diebin, der selbst noch im Versicherungsgewerbe tätig ist, als Freund aussucht, zeigt, wie sensationell das Schicksal einen Menschen treffen kann.

Das komödiantische Drama rollte nun auf seinen Höhepunkt zu: Natascha wollte, dass Wilhelm, der unfähige Einbrecher, als Guillaume, der Bilderfälscher, mit ihr nach New York kommt. Dafür blieb Celine von der Polizei verschont und konnte erneut mit Anna, Werkzeug und leeren Koffern auf Tour quer durch die Häuser und Wohnungen in aller Welt ziehen. Schicksal, was willst du denn noch mehr?!

In der spritzigen Inszenierung von Thomas Rohmer gelingt es den Darstellern insgesamt, mit Drive, mimischer Vielfalt und Flexibilität – ohne in vordergründigen Klamauk zu verfallen – auch einige inhaltliche Schwachstellen zu überbrücken. Christine Neubauer wandert zwischen Madame und schwacher Frau hin und her, setzt dabei natürlich auf ihre weibliche Ausstrahlung, die mimische Wandlungsfähigkeit und auch die direkte An- und Aussprache auf allen Niveaufeldern. Sie beherrscht damit die Bühne. Etwas subtiler und hintergründiger agiert ChrisTine Urspruch als Anna, die Strippenzieherin im Hintergrund. Mimik und sprachliche Differenzierung prägen ihre Rolleninterpretation. Als Wichtel qualifiziert sie dabei ihre Selbstreflexion in speziellem Maße.

Terminverschiebung

Die für den 10. Dezember geplante Vorstellung „Die Frank Sinatra Story“ wird ins neue Jahr verlegt. Den Termin gibt die Volksbühne rechtzeitig bekannt. Bereits erworbene Karten behalten ihre Gültigkeit.

Moritz Bäckerling gibt seinem Guillaume die Qualität eines unfertigen jungen Menschen, der eigentlich nicht genau weiß, zu was er fähig ist. Sein Verhaltenspegel springt auf und ab. Man hat etwas Sorge, dass er im zwischenmenschlichen Bereich verschlissen wird. Anders zeigt sich Stefan Pescheck als Sohn einer Täterin: Sein Pierre will selbst die Geschicke lenken und versucht, andere in sein Schicksal einzubinden. Warum bringt er Natascha zu seiner Mutter, obwohl er doch wissen müsste, dass sie die Villa von Nataschas Vater ausgeraubt hat? Insgesamt bleibt die Figur genauso unscharf wie Fee Denise Horstmann als Natascha. Bei ihr beginnt das Problem schon damit, dass sie zwar ein starkes Motorrad fährt und den Helm auch geschickt platzieren kann, allerdings wirkt sie im Finale in Kleidung und Gehabe etwas hausbacken. Aber letztlich hat Natascha das Finale entscheidend geprägt.

Das Publikum der Volksbühne hat sich jedenfalls intensiv unterhalten und Corona für gut zwei Stunden vergessen. Und das ist doch schon etwas in diesen Tagen.

Von Jürgen Gerth

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