+
Weit auseinander: Der 28-jährige Angeklagte wehrt sich mit seinen Verteidigern Marko Spänle (links) und Peter Oberländer (rechts) gegen den Vorwurf des zweifachen versuchten Totschlags.

Auf Distanz zum Angeklagten

Versuchter Totschlag in Wachenbuchen: 28-Jähriger vor Gericht

  • schließen

Es sind schwere Vorwürfe, die Staatsanwalt Markus Jung an diesem Morgen vor der Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht erhebt: Der 28-jährige Florian K. soll am 9. März vergangenen Jahres in Wachenbuchen versucht haben, zwei 17-jährige Jugendliche zu erstechen.

An diesem Abend, gegen 21.40 Uhr, so stellte es die Polizei fest, kommt es an der Straße Zum Hochstädter Rain aus bislang unbekannten Gründen zu einem Aufeinandertreffen. Mehrere Halbwüchsige stehen vor dem als „Schwarzem Loch“ bekannten Wohnblocks und fordern K. auf, aus dem Haus zu kommen. Eine „Aussprache“ steht an. „Mit einem Messer und Pfeffersprays“, so Jung, sei K. vor die Tür getreten und habe sich mit dem 17-jährigen B. in Richtung Feld aufgemacht. 

Dort habe er B. Pfefferspray ins Gesicht gesprüht und bei der anschließenden Auseinandersetzung mit den anderen das Messer gezückt. Zwei weitere Jugendliche werden schwer verletzt. „Zwei Stiche, einer davon zehn Zentimeter tief in den Rücken – ein Stich zirka acht Zentimeter tief in die Brust“, resümiert der Staatsanwalt die Folgen und wertet das als versuchten Totschlag. Mindestens dürfte es sich jedoch um eine gefährliche Körperverletzung handeln. 

Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf die Verhandlung

Der Prozessauftakt an diesem Tag bringt ein Novum, das der Corona-Pandemie geschuldet ist. Erstmals in einem hessischen Landgericht sind Plexiglas-Trennscheiben installiert, die beispielsweise zwischen Staatsanwalt und Protokollantin stehen, weil sonst der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Auch die beiden Verteidiger Marko Spänle und Peter Oberländer sitzen weit auseinander. 

Die Verhandlung geht aber ihren ganz normalen Gang. Die zentrale Frage: Was ist der Hintergrund der blutigen Auseinandersetzung? „Die Beweislage ist sehr indifferent“, fasst Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel die Situation zusammen, nachdem alle Juristen noch einmal hinter verschlossener Tür die Lage erörtert haben. 

Angeklagter spricht über sein bisheriges Leben

Dabei kommen auch Summen ins Spiel. Die Anwälte von K. bieten den Verletzten jeweils 2000 Euro Schmerzensgeld an. Doch der Fall muss zunächst einmal geklärt werden. Und eben das dürfte für die von Wetzel geleitete 1. Schwurgerichtskammer ein harter Brocken werden. 

Der Angeklagte redet zwar am ersten Verhandlungstag wie ein Wasserfall über sein bisheriges, von Krankheit und Arbeitslosigkeit geprägtes Leben. Zur Sache selbst gibt es jedoch keine Angaben. Bis auf einen Hinweis: Seinen Lebensunterhalt habe er irgendwann als „Grasverkäufer“ bestritten, also Cannabis „vertickt“. In Akten des Falls ist von Drogen jedoch nichts festgestellt worden. Wäre da nicht noch eine andere Akte, deren Existenz der Kammer erst ganz kurz vor der Verhandlung bekannt wird: K. ist bereits im Juli 2019 wegen bewaffneten Drogenhandels zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Keine gute Ausgangsbasis.

Zeuge präsentiert neue Version der Geschichte

„Wir haben den Eindruck, dass es auch in diesem Fall um Rauschgiftgeschäfte gegangen sein könnte“, formuliert es die Vorsitzende. B., der erste Zeuge an diesem Tag, bestätigt diesen Verdacht teilweise. „Wir kennen uns vom Rauschgift“, sagt der inzwischen 19-Jährige B.. Er habe bei K. im „Schwarzen Loch“ regelmäßig seine Joints gekauft, gibt er unverhohlen zu. Das ist aber auch alles. 

Denn die weitere Aussage von B. strapaziert die Geduld aller Juristen: Der Zeuge präsentiert eine ganz neue Version des Geschehens. Vor dem Vorfall am Abend sei K. schlecht gelaunt gewesen und habe ihn schließlich mit einer Machete bedroht. Einen Tag nach dem Vorfall gibt er bei der Polizei eine ganz andere Version bekannt: Er habe den Angeklagten auf der Straße getroffen und sei von diesem als „kleiner Spasti“ beleidigt worden. Welche Variante stimmt denn nun? „Das sind zwei völlig verschiedene Geschichten“, merkt die Vorsitzende an. Und bei der Schilderung der eigentlichen Auseinandersetzung redet der Zeuge offenbar wissentlich um den heißen Brei herum. Aber vielleicht besteht ja noch Hoffnung, die wirklichen Hintergründe herauszufinden, denn für die nächsten Verhandlungstage sind noch weitere Zeugen geladen. 

Der Prozess wird am Dienstag, 28. April, fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren