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Tag der Verteidigung: Susanne Niendiek-Liebrucks (rechts) und Rainer Erich Platz, die beiden Rechtsanwälte der Hauptangeklagten Daeng B., sehen keine Beweise für den Vorwurf des Menschenhandels und plädieren auf eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten für ihre Mandantin.

AUS DEM GERICHT

Urteil mit Spannung erwartet: Verteidigung fordert geringere Strafen für die Köpfe der „Thai Connection“

  • vonThorsten Becker
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Dieser Montag steht ganz im Zeichen der Verteidigung. Es ist ein langer Tag vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts, die weiter im Congress Park Hanau verhandelt.

Die Generalstaatsanwaltschaft hat bereits hohe Freiheitsstrafen gegen die mutmaßlichen Köpfe der „Thai Connection“ beantragt. Vor allem das Duo Susanne Niendiek-Liebrucks und Rainer Erich Platz, die beiden Pflichtverteidiger der Haupt‧angeklagten, Daeng B., legen sich ins Zeug. Für B., die wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution bereits einschlägig vorbestraft ist, steht viel auf dem Spiel. Allen voran zerpflückt Platz eloquent die Beweisaufnahme und verweist darauf, dass keinerlei Gewalt im Spiel gewesen sei. Den Frauen und Transsexuellen sei „der Geschäftszweck klar gewesen“, dass es sich bei den Reisen nach Deutschland um Prostitution handelt. „Sie sind also nicht über den Zweck der Reisen nach Deutschland getäuscht worden. Viele haben gewusst, dass sie schnell gutes Geld verdienen können“, so der Strafverteidiger, der zudem auf die „prekäre wirtschaftliche Situation in Thailand“ verwies

. Der Vorwurf des Menschenhandels sei daher nicht beweisen. Der Rechtsanwalt geht aber auch den Ursachen für diese exotische Form der Prostitution auf den Grund: „Es sind doch am Ende deutsche weiße Männer, die diese Situation ausnutzen“, so Platz, der weitere Hilfsbeweisanträge stellt. Für den Fall einer Verurteilung wegen Menschenhandels fordert er, die in den Akten vermerkten Freier sowie die Mitarbeiter der Gesundheits- und Ordnungsbehörden als Zeugen vernehmen zu lassen. Dies könnte als Beweis dienen, dass die Frauen keineswegs unterdrückt worden sind. „Oder kann es vielleicht sein, dass diese Behörden nicht genau hingeschaut haben?“ 

Einer der Verteidiger soll sein Plädoyer im Büro vergessen haben

D. sei daher nur wegen Förderung der Prostitution und Einschleusung in vier Fällen zu verurteilen, so Platz, der eine Gesamt‧freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten forderte. Ihr Partner Martin J. (66) ist nach Ansicht seiner Verteidiger nur wegen Beihilfe schuldig. Gegen ihn soll deshalb eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verhängt werden. 

Auch für die beiden Schwestern Malai M. und Mali M., die an der Wilhelm-Röntgen-Straße in Dörnigheim das Bordell „Sun-Thai“ betrieben hatten, fordern die Pflichtverteidiger mildere Strafen von jeweils drei Jahren. Etwas holprig ist das Plädoyer von Matthias Ganser, der nach eigenen Angaben seine „Aufzeichnungen“ für die alles entscheidende Verteidigungsrede an diesem 42. Verhandlungstag im Büro „vergessen“ habe. 

Generalstaatsanwaltschaft warf Angeklagten „erhebliche kriminelle Energie“

Dafür greift er vor allem die Nebenklage an und kritisiert in einem Rundumschlag „die Presse“, die die Angeklagten als „böse, tätowierte Zuhältertypen“ dargestellt habe. „Sie ist keine typische Zuhälterin“, meinte er mit Blick auf die zierliche Maintaler Bordellbetreiberin Mali M., die eine Freiheitsstrafe „nicht über drei Jahren“ erhalten sollte. „In Maintal war es nicht so schlimm“, schränkt auch Rechtsanwalt Arne Farwig-Brückmann ein, der weitaus besser vorbereitet ist und darauf verweist, dass die Schwestern zuvor selbst als Prostituierte gearbeitet hätten. Die Geschäftskontakte mit den Köpfen der „Thai Connection“ in Siegen hätten erst später begonnen. Die Aufnahme der „Ladyboys“ in das „kleine Bordell in Maintal“ sei eine „Erweiterung des Angebots“ gewesen. „Ich bitte um die mildeste denkbare Strafe“, bat Farwig-Brückmann die Kammer. 

Am Prozesstag zuvor sah es Kathrin Rudelt als Vertreterin der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt in ihrem Plädoyer für erwiesen an, dass die fünf Angeklagten über Jahre hinweg deutschlandweit Bordelle durch Menschenhandel und Zwangsprostitution betrieben hätten. Sie warf den vier thailändischen Frauen und dem Deutschen „erhebliche kriminelle Energie“ vor. 

Schwestern sollen im Auftrag von B. die Prostituierten unterdrückt haben

Rudelt forderte für die Hauptangeklagte Daeng B., den mutmaßlichen Kopf der „Thai Connection“, eine Freiheitsstrafe von neun Jahren und drei Monaten und für Martin J. eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Beide hätten den bundesweiten Bordellring geleitet und mit Hintermännern in Thailand erschlichene Touristenvisa aus dem Schengenraum eingesetzt, um die Prostituierten einzuschleusen. Zudem hätten sie fiktive Visa- und Reisekosten von jeweils rund 15 000 Euro von den Prostituierten verlangt. Dies hätten ihre „Schulden dann in den Bordellen abarbeiten müssen. 

Für die Schwestern Malai M. und Mali M., die gemeinsam ein Bordell in der Dörnigheimer Wilhelm-Röntgen-Straße betrieben und dort im Auftrag von B. Prostituierte unterdrückt und um ihr Geld gebracht haben sollen, fordert die Staatsanwältin jeweils dreieinhalb Jahre Haft. 

Eine Kurierfahrerin und „Hausdame“ soll zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt werden. Ihre Verteidiger plädierten auf ein Jahr auf Bewährung. Rudelt sah ebenfalls keine körperliche Gewalt, betonte jedoch, die Opfer seien psychisch unter Druck gesetzt worden. Nun beraten die Richter unter dem Vorsitz von Andreas Weiß. Das Urteil wird mit Spannung für Mittwoch, 3. Juni, erwartet.

 

Der Fall: „Thai Connection“ 

Juni 2016: Die Hanauer Kripo nimmt ein Bordell an der Wilhelm-Röntgen-Straße in Maintal unter die Lupe. Drei Prostituierte ohne gültige Papiere werden aufgegriffen. Die Ermittler sind auf ein bundesweit agierendes Netzwerk im illegalen Rotlichtmilieu gestoßen. 

Februar 2017: Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt übernimmt den Fall. 

18. April 2018: Bei einer bundesweiten Razzia werden 62 Bordelle, Wohnungen und Büros durchsucht und sieben Verdächtige festgenommen. 

21. Mai 2019: Vor der 5. Großen Strafkammer am Landgericht Hanau beginnt der Prozess gegen die fünf mutmaßlichen Köpfe der Thai-Connection. 

Juni bis August: Ehemalige Prostituierte sagen aus. 

August/September: Ermittler berichten über ihre Undercover-Einsätze.

September: Die mutmaßlichen Betreiberinnen des Bordells in Maintal sagen aus und belasten die Hauptangeklagte, Bundespolizisten berichten über die Telefonüberwachung. 

Oktober: Ermittler der Hanauer Kripo berichten, wie der Fall ins Rollen kam.

November/Dezember: „Nicht offen ermittelnde Polizisten“ (Noeps) sagen aus, Details zur Razzia werden bekannt. 

Januar/Februar 2020: Die Vorwürfe zu Steuer- und Abgabenhinterziehung werden unter die Lupe genommen. März: Nach 40 Verhandlungstagen legt die Hauptangeklagte ein Geständnis ab. April/Mai: Wegen der Corona-Pandemie ist der Mammutprozess unterbrochen. 

12. Mai: Die Staatsanwaltschaft plädiert und fordert Freiheitsstrafen zwischen neun Jahren für die Hauptangeklagte und zwei Jahren für eine Mittäterin. 

25. Mai: Die Verteidiger plädieren auf deutlich geringere Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr sowie fünf Jahren und drei Monaten. 

Der Prozess wird am Mittwoch, 3. Juni, fortgesetzt. thb

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