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Ursula Illert liest an Einstein-Schule aus dem Roman „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun

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Die Schüler der Einstein-Schule hören gebannt zu. Sie beschäftigen sich derzeit intensiv mit der NS-Zeit und auch den lokalen Bezügen zu Maintal.
Die Schüler der Einstein-Schule hören gebannt zu. Sie beschäftigen sich derzeit intensiv mit der NS-Zeit und auch den lokalen Bezügen zu Maintal. © Bettina Merkelbach

Maintal – Hat Hitler nur Radieschen und Schwarzbrot gegessen, um schön und schlank zu sein, weil er so oft fotografiert wurde? Wie sollte man bei den mehr geschrienen als gesprochenen Reden der NS-Größen im Radio etwas verstehen? Wie erklärte sich eine 19-Jährige die NS-Zeit?

Diesen Fragen näherten sich Schüler der Albert-Einstein-Schule (AES) mit Irmgard Keuns Roman „Nach Mitternacht“ an. Im Rahmen der Reihe „Frankfurt liest ein Buch“ war am vergangenen Donnerstag die Schauspielerin und Sprecherin Ursula Illert im Atrium des Gymnasiums zu Gast. Die Frankfurterin wählte für ihre Lesung die zentrale Passage des Romans: der Besuch Hitlers auf dem Opernplatz in Frankfurt im März 1936, den die Hauptfigur Sanna unfreiwillig aus nächster Nähe miterlebt.

Illert ließ durch ihre lebendige Lesung die Machtinszenierung der Nazis vor den Augen der jugendlichen Zuhörer auferstehen, die Irmgard Keun aus Sicht ihrer Protagonistin mit naiv-gutmütigem Blick schildert. Keuns Protagonistin Sanna war aus Köln vor ihrer „Tant Adelheid“ geflohen, die sie wegen scheinbar kritischer Äußerungen über Nazigrößen an die Gestapo verraten hatte.

In Frankfurt lebt sie einem Kreis von Künstlern und Akademikern, die in dem Versuch, sich den Repressalien der Nazis zu entziehen, die Nacht zum Tag machen. Doch der politische und gesellschaftliche Druck wird zu groß: Sanna verlässt Deutschland.

Irmgard Keun ging selbst ins niederländische Exil, nachdem ihr Antrag um Aufnahme in die „Reichsschrifttumskammer“ abgelehnt wurde. Ihre Bestseller „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ standen seit 1935 auf der „Schwarzen Liste“ und durften in Nazi-Deutschland nicht gelesen werden. Kein Wunder: Keuns Frauenfiguren sind selbstbewusst, schlagfertig und streben nach finanzieller Unabhängigkeit – ein Bild, das in der nationalsozialistischen Ideologie keinen Platz hatte.

Ihr Episodenroman „Nach Mitternacht“ erschien 1937 in den Niederlanden. Er spielt an zwei Tagen in Frankfurt, lebt aber von zahlreichen Rückblenden. Die Lebenslust der weiblichen Hauptfigur Sanna und ihrer Freunde trifft auf die Kälte und Menschenfeindlichkeit des NS-Regimes. Sanna selbst wird von der Gestapo verhaftet, ihr Geliebter muss fliehen.

Den schleichenden Verlust von Sannas Lebensfreude erzählt Keun in ihrer ganz eigenen, humorvoll scharfen Umgangssprache. Detaillierte Betrachtungen alltäglicher Begebenheiten zeichnen ein Bild des Lebens im Deutschland der 1930er Jahre, in dem ein freies Leben nicht möglich ist. Wie etwa die Beobachtung zweier Damen, die im Café Esplanade Apfelkuchen essen und sich zum Hitlergruß erheben, als das „Horst-Wessel-Lied“ im Radio kommt. Oder das kleine Mädchen, das sich mit einem riesigen Blumenstrauß den Weg durch die jubelnde Menge am Straßenrand bahnt und doch von Hitler ignoriert wird – präzise beobachtete Alltagsszenen, hinter deren Banalität und Witz Keun die Bedrohlichkeit des NS-Regimes versteckt und damit eine ebenso bedrückende wie satirische Chronik der Zeit schafft.

Schauspielerin und Sprecherin Ursula Illert hat die zentrale Passage des Romans für ihre Lesung ausgewählt.
Schauspielerin und Sprecherin Ursula Illert hat die zentrale Passage des Romans für ihre Lesung ausgewählt. © Bettina Merkelbach

Mit den Themen Emigration und Verfolgung haben sich die Schüler der AES auch ganz konkret in ihrer Heimatstadt auseinandergesetzt. Maria Rauch, Joseph Stern, Isaak Schönfeld, Lothar Strauß sind die Namen, die auf großen Plakaten zu lesen sind. Die Jugendlichen haben sich auf Spurensuche begeben und ihre Lebensläufe rekonstruiert. Mit Quellen, die ihnen das Brüder-Schönfeld-Forum zur Verfügung gestellt hatte, gingen die Mädchen und Jungen der zehnten Klasse auf historische Recherche in Maintal, suchten die Stolpersteine und ehemaligen Wohnorte der vom NS-Regime Verfolgten auf. Auch der Maintaler Kommunistin Käthe Jonas ist ein Plakat gewidmet, auf dem ihre wichtigsten Lebensstationen nachvollzogen werden können. In Kürze wird dazu ein Podcast veröffentlicht, den die Jugendlichen aufgenommen haben, um die Stolpersteine auf Maintals Bürgersteigen akustisch erlebbar zu machen.

Von Bettina Merkelbach

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