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Über die Schulter geschaut bei Jagdpächter Bruno Kemmerer

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Beim Ansitz müssen sich Jagdpächter Bruno Kemmerer und Redakteurin Martina Faust ruhig verhalten und Geduld üben, wenn sie ein Wildtier sehen wollen. Kemmerer verbringt fast jeden Tag in seinem Revier. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, einen Hochsitz zu bauen. Fotos: Axel Häsler
Beim Ansitz müssen sich Jagdpächter Bruno Kemmerer und Redakteurin Martina Faust ruhig verhalten und Geduld üben, wenn sie ein Wildtier sehen wollen. Kemmerer verbringt fast jeden Tag in seinem Revier. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, einen Hochsitz zu bauen. Fotos: Axel Häsler

Maintal. Dicke Regentropfen prasseln auf das dichte grüne Blätterdach, fern grollt der Donner. Vom Konzert des warmen Sommerregens abgesehen ist es still. Mucksmäuschenstill.

Von Martina Faust

Eine Ruhe, die selten und kostbar geworden ist in einer Zeit, in der wir ständig von Geräuschen umgeben sind. Und es wäre sicher noch ruhiger, wäre ich nicht da, die Bruno Kemmerer munter Löcher in den Bauch fragt.

Bruno Kemmerer ist Jagdpächter in Wachenbuchen. Gemeinsam mit Ludwig Fix und Hans Puth betreut er ein rund 700 Hektar großes Revier. An diesem warmen, wenn auch etwas nassen Sommerabend darf ich ihm beim Ansitz über die Schulter schauen. Ansitz, das ist die häufigste Jagdart, bei der ein Jäger mitunter Stunden auf einem Hochsitz verbringt und dem Wild auflauert, das ihn auf der erhöhten Position nicht wahrnimmt, wenn er sich ruhig verhält. Kurzum: wenn er keine neugierige Redakteurin im Schlepptau hat.

Rettung, Pflege und Fütterung der Tiere gehören auch zu seinen Aufgaben

Aber so erfahre ich immerhin, dass die Jagd nur eine von einer recht langen Liste an Aufgaben eines Jagdpächters ist. „Dort drüben“, sagt Kemmerer und deutet aus dem Seitenfenster des Hochsitzes auf eine kleine Lichtung, „haben wir einen Wildacker angelegt. Wir haben unter anderem Buchweizen, Klee und Hafer ausgesät. Außerdem gibt es eine Salzlecke für das Wild“, erklärt er. Sechs solcher Wildäcker gibt es in seinem Revier.

Auch um die Fütterung der Rebhühner und Fasane kümmern sich die drei Pächter, ebenso um die nächtliche Zählung der Hasen, die zweimal jährlich – im Frühjahr und Herbst – erfolgt, oder die Rettung der Rehkitze vor der Mahd. Dafür marschierte Kemmerer auch schon mal Stunde um Stunde vor dem Mähdrescher her, weil das Kitz immer wieder in den Wald sprang, dann aber doch in der Wiese Deckung suchte. Und sie weisen Malbäume für die Wildschweine aus, an denen die ihr juckendes Fell schubbern können. „Mit ihren kräftigen Hauern können Wildschweine die Rinde der Bäume beschädigen. Daher streichen wir geeignete Bäume mit Buchenholzteer, ein Geruch, den die Tiere mögen“, erläutert der Wachenbucher. Auf diese Weise wird eine Vorauswahl getroffen.

Wildschweine halten den Jäger auf Trab

Überhaupt halten die Schwarzkittel die Jäger ordentlich auf Trab. „Wir sind manchmal nur wegen der Schweine unterwegs“, erzählt der 69-Jährige, der seit 30 Jahren Jäger ist und seitdem kaum einen Tag nicht draußen, in seinem Revier, verbracht hat. Er ist eben ein Naturmensch. Aber schließlich gibt es auch immer etwas zu tun – nicht zuletzt durch die Schweine. Denn zu den Aufgaben der Pächter gehört es, die Äcker der Landwirte zu schützen, quasi das Büfett, an dem sich die Schweine gerne und häufig gütlich tun.

„Wir müssen dann die Äcker reparieren. Oder wir zäunen sie mit Elektrozaun ein und legen uns auf die Lauer. Wir können aber nur laut sein und dürfen nicht schießen“, erläutert Kemmerer. Schließlich machen sich die Schweine bevorzugt nachts über die Felder her und dann haben die Jäger zu wenig Sicht für einen sicheren Schuss. Dabei dürfen Wildschweine aufgrund der Schweinepest mittlerweile ganzjährig geschossen werden, sogar führende Bachen, also Muttertiere mit Jungen. „Das machen wir aber nicht“, sagt Kemmerer.

"Die Schreie eines verletzten Rehs vergisst man nicht"

Überhaupt darf ein Jäger nicht einfach schießen, was ihm vor die Flinte läuft. Im Frühjahr und Sommer haben die Wildtiere Schonzeit. Dann kommen die Jungtiere zur Welt und werden aufgezogen. „Von September bis Januar ist Jagdzeit“, sagt Kemmerer. Aber auch dann darf er nicht einfach abdrücken. Die Quoten sind festgelegt und werden von der Unteren Jagdbehörde in einem Abschussplan vorgegeben, der alle drei Jahre auf der Grundlage eines Verbissgutachtens durch Pächter und Förster im jeweiligen Revier erstellt wird. „Je stärker der Verbiss an den Bäumen ist, desto mehr Rehwild darf geschossen werden“, erläutert der Jagdpächter.

In diese Abschussliste wird auch das sogenannte Fallwild eingerechnet, also Wildtiere, die bei Autounfällen ums Leben kommen. Für Kemmerer die Momente, die ihm unter die Haut gehen, mehr noch als das Aufbrechen und Ausnehmen des Wilds nach erfolgreicher Jagd. „Die Schreie eines verletzten Rehs vergisst man nicht“, sagt er. Während wir leise plaudern, tippt mich der Jäger unvermittelt an und deutet in den Wald.

Auch die Hochsitze müssen in Schuss gehalten werden

Absolut geräuschlos springt ein Reh mit seinem Kitz durchs Unterholz. Einige Meter weiter stehen zwei weitere Tiere in der Deckung. Kemmerer reicht mir das Fernglas. Tatsächlich, da gucken zwei große Augen genau in unsere Richtung. „Aber das Tier ist vollkommen entspannt“, interpretiert Kemmerer die Körpersprache. Offensichtlich lässt sich das Reh nicht von unserer Unterhaltung stören. Es werden allerdings die einzigen Wildtiere sein, die wir in den zwei Stunden zu Gesicht bekommen, die wir bis zum Einbruch der Dunkelheit auf dem Hochsitz verbringen.

Den müssen die Pächter selbst in Schuss halten. Insgesamt 25 davon stehen im Wachenbucher Revier. Meistens an sogenannten Wechseln. „Das sind eingefahrene Wege, die vom Wild regelmäßig genutzt werden“, sagt Kemmerer. Auf dem Weg zum Hochsitz haben wir einen solchen Wechsel passiert. Dort war das Grün jenseits des Wirtschaftsweges niedergedrückt und im weichen Waldboden waren deutlich Spuren zu sehen.

Duftmarken sollen Wildtiere von Straßen fernhalten

Nicht selten queren Wildtiere an diesen Wechseln auch viel befahrene Straßen, wie die K 872 zwischen Wachenbuchen und Wilhelmsbad. Dort errichten die Jagdpächter regelmäßig Duftzäune. „Alle 30 Meter sprühen wir auf die Bäume einen Schaum, den wir mit einer Flüssigkeit impfen“, erläutert Kemmerer. Diese Flüssigkeit sei eine übel riechende Mischung aus Fuchs, Mensch, Bär, „so ziemlich alles, was fürchterlich stinkt“, schmunzelt er. Aber es wirkt.

Zum Schutz der Rehe und anderer Wildtiere richten die Pächter auch auf ihren gepachteten Äckern Feldholzinseln an. „Damit das Wild im Feld Deckung findet“, erklärt Kemmerer. Doch alle Deckung nutzt nichts, wenn Jagd ist. Etwa die Drückjagd im November in Kooperation mit benachbarten Revieren. Diese zu organisieren, eine Streckenliste zu erstellen und ebenso die Trichinenschau, um sicherzustellen, dass das Wildbret frei von Trichinen, einem Virus ist, gehört zu den Aufgaben der Jagdpächter. Und die sind bei der Ausübung ihres Hobbys weit davon entfernt, wahllos Wildtiere zu erschießen. Ihnen geht es um das Gleichgewicht, um die Gesundheit des Waldes und seiner Bewohner.

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