Das Hanauer Justizzentrum. Archivfoto: David J. Kirchgeßner

Maintal/Hanau

"Thai-Connection"-Prozess: Hanauer Rotlicht-Ermittler berichtet

Maintal/Hanau. Groß, muskulös, durchtrainiert. In Jeans und Turnschuhen erscheint Herr B. als Zeuge vor der 5. Großen Strafkammer am Hanauer Landgericht.

Von Thorsten Becker

Denn Herr B. (39) besucht recht oft Bordelle und Terminwohnungen in der Region. Und genau über diese „Besuche“ soll er der Kammer unter dem Vorsitz von Andreas Weiß berichten, die den Mammutprozess um Menschenhandel, Zwangsprostitution, Ausbeutung und Steuerhinterziehung gegen die mutmaßlichen Köpfe der „Thai-Connection“ verhandelt.

Es ist nicht auf Anhieb zu erkennen: Von Beruf ist B. Kriminalpolizist, die Bordellbesuche sind Teil seines Jobs, denn er gehört zum Kommissariat 12, kurz „Sitte“ genannt. Deshalb trägt er auch keine Uniform. „Da sind oft Türspione oder Überwachungskameras, das würde sofort erkannt werden, dass wir von der Polizei sind, wenn wir klingeln. Dann öffnet sich die Tür nicht“, sagt B. – der seine Besuche nicht ankündigt.

Etwa im Mai 2016, als er zusammen mit Kollegen das „Sun-Thai“ an der Wilhelm-Röntgen-Straße unter die Lupe nimmt. „Wir kontrollieren regelmäßig die Bordelle und Terminwohnungen“, berichtet er aus seiner Arbeit als Rotlichtermittler.

An diesem Tag treffen die Ermittler auf „Michelle“ und „Sofia“ sowie einen Transsexuellen. „Alle drei hatten thailändische Pässe mit abgelaufenen Visa.“ Die drei Prostituierten werden mit auf die Wache genommen. „Aussagen haben sie nicht gemacht.“ Danach ist das ein Fall für die Ausländerbehörde.

Doch Herr B. klingelt wenige Wochen später erneut in Dörnigheim an dieser Tür. „Es hat etwas gedauert, bis geöffnet wurde. Wir haben aber Geräusche gehört.“ Als dann die Angeklagte M. öffnet, will sie die Beamten abwimmeln: „Es sind keine Frauen da.“

"Illegale Prostituierte versteckt"

Doch die „Sitte“ lässt sich nicht hinter die Fichte führen. „Frau M. wirkte sehr nervös.“ B. schöpft Verdacht: „Wir haben die Wohnung durchsucht, es bestand Gefahr im Verzug.“ Und die Kriminalisten schauen genau hin, lassen sich nicht täuschen. Im Dachgeschoss blicken sie ins Bad und sehen einen roten Vorhang, der vor einer Wand eigentlich keinen Sinn macht. Dahinter befindet sich eine geheime Tür: „In einem kleinen Raum, in der Dachschräge, waren drei illegale Prostituierte versteckt“, fasst B. zusammen. Und es gibt auch ein Wiedersehen.

Erneut treffen sie auf „Michelle“. Seltsam: Hätte diese Frau nicht längst nach Thailand abgeschoben werden sollen? Wie er denn darauf gekommen sei, dass in der Wohnung etwas zu finden sei, will Kathrin Rudelt von der Generalstaatsanwaltschaft wissen. „Wissen Sie, das ist so ein Bauchgefühl.“

Also keineswegs Kommissar Zufall, sondern kriminalistischer Spürsinn und die akribische Arbeit der Hanauer Kripo haben dazu geführt, dass es im April 2018 zu einer der größten Razzien kommt und ein bundesweites Rotlicht-Netzwerk ausgehoben wird.

In ein Wespennest gestochen

Mit dazu beigetragen hat die Hanauer „Sitte“, weil sie die Festgenommenen eingehend befragt, denn die Beamten sind immer auf der Suche nach Anhaltspunkten für Zwangsprostitution. „Leider sagen uns die meistens nichts“, berichtet B., doch an diesem Tag ist das anders. „Einer der Transsexuellen hat zunächst gezögert, dann aber berichtet, dass er nicht freiwillig in Deutschland sei, unter Druck gesetzt und ausgebeutet werde.“

B. und seine Kollegen wissen an diesem Tag noch nicht, dass sie quasi in ein Wespennest gestochen haben. Sie beginnen wie in einem Puzzlespiel, tragen Informationen zusammen. Das ist im September 2016. Als sie das Handy des illegalen Transsexuellen auswerten, finden sie Fotos von anderen Bordellen. Offenbar Erinnerungsfotos.

42 Prozesstage geplant

„Wir haben schnell erkannt, dass es sich um Bordelle in Siegen und vielen anderen Städten handeln müsste.“ B. und seine Kollegen erkennen aber auch, dass der „Fall entschieden zu groß für unsere kleine Abteilung ist.“ So wandern die ersten Erkenntnisse der Hanauer „Sitte“ an die Bundespolizei und die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. In der riesigen Akte des Hanauer Landgerichts sind die schriftlichten Berichte von B. ab Seite 5 zu lesen. Inzwischen umfasst die Hauptakte rund 6700 Seiten.

Und es ist nicht absehbar, dass der Mammutprozess ein schnelles Ende nimmt, trotz der Teilgeständnisse der beiden Maintaler Bordellbetreiberinnen.

So geht der 21. Verhandlungstag vorüber, insgesamt sind 42 Prozesstage geplant gewesen. Also wäre eigentlich Halbzeit. Rund eineinhalb Stunden diskutiert die Kammer daher mit Anklägern und Verteidigern hinter verschlossenen Türen, um das Mammutverfahren eventuell zu beschleunigen. „Eine Verständigung ist bislang nicht erzielt“, fasst der Vorsitzende Richter Weiß zusammen.

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