Ein Hauch von James Bond wehte bei der Fortsetzung des Thai-Connection-Prozess' durch das Hanauer Landgericht. Symbolfoto: Kirchgeßner

Maintal/Hanau

Thai-Connection-Prozess: Ermittler plaudert aus dem Nähkästchen

Maintal/Hanau. Die Spannung ist zurück im Mammutprozess um die fünf mutmaßlichen Köpfe des Menschenhändlerrings Thai-Connection. Denn ein Hauch von James Bond weht an diesem Tag durch den hochsommerlich-stickigen Verhandlungssaal des Hanauer Landgerichts.

Von Thorsten Becker

Bildanalysen, „verwanzte“ Wohnungen, Peilsender an den Autos, angezapfte Telefone, Minikameras. Ausgefeilte Mittel, komplizierte Technik und raffinierte Tricks sollen im Kampf gegen ein straff durchorganisiertes Netzwerk aus Menschenhändlern helfen. Als Bond-Darsteller könnte Marcel M. locker durchgehen. 41 Jahre, durchtrainiert, leger gekleidet. Immerhin ist er einer der „Commander“, die gegen die international agierende Thai-Connection ermittelt haben. „Wir haben wochenlang observiert, es waren viele verdeckte Ermittler im Einsatz.“

Um seinen Einsatzbericht, den M. an diesem Tag vor der 5.  Großen Strafkammer abgibt, würden sich Krimi-Autoren alle Finger lecken. Nur: So schnell wie bei „007“ geht das alles nicht. In der Realität haben M. und seine Kollegen von der Spezialeinheit der Bundespolizei über ein Jahr Arbeit in den Fall gesteckt.

Polizeispitzel aus dem Milieu

M. kennt sich aus, hat bereits mehrfach Straftaten im Rotlichtmilieu verfolgt. Denn er plaudert aus dem Nähkästchen einer gut aufgebauten Ermittlungsarbeit: „Wir hatten drei Ansätze. Die Erkenntnisse der Hanauer Polizei nach den Durchsuchungen im Maintaler Bordell, die Festnahmen von zwei Prostituierten am Flughafen in Hannover und die Informationen einer VP.“ VP steht für „Vertrauensperson“ – ein Polizeispitzel aus dem Milieu, ein Insider.

Und dann beginnen M. und seine Kollegen mit einem gigantischen Puzzlespiel. „Wir hatten den Verdacht, dass viel mehr dahintersteckt.“ So wird eine Kurierfahrerin des Netzwerks gestoppt und deren Navigationsgerät ausgelesen.

Von Saarbrücken bis Bangkok

„Nach Siegen und Maintal hatten wir auf einmal Hinweise auf die Bordelle im Rodgau, in Speyer, in Saarbrücken.“ Längst ist der Fall zu diesem Zeitpunkt in den Händen der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt.

Die Ermittlungen reichen bis nach Bangkok. „Alle Prostituierten hatten Touristenvisa. Sogar Hotels und Reiserouten sind vorbereitet worden, um diese Dokumente zu erschleichen.“

Ausnahmslos handelt es sich dabei um Schengen-Visa aus Spanien oder der Tschechischen Republik. Kein einziges Dokument der Deutschen Botschaft. Warum? Das fragt der Vorsitzende Richter Andreas Weiß nach. M. kann nur vermuten: „Vielleicht hatten die Angst, dass die Deutsche Botschaft in Bangkok strenger kontrolliert.“

Fahnder haben sich als Freier ausgegeben

Um wen es sich bei den Prostituierten, die meist „Künstlernamen“ tragen, handelt, wird von der Bundespolizei in Potsdam ermittelt. Dort werden unter Einsatz moderner Bildanalysetechnik die Fotos von den Visa-Dokumenten mit den Bildern aus den Rotlicht-Portalen im Internet abgeglichen.

Und dann ordnet Polizeihauptkommissar M. auch noch „Noep“- Einsätze an. Eine schöne Umschreibung dafür, dass die zivilen Ermittler auch in Maintal im Bordell selbst ermittelt haben. „Nicht offen ermittelnde Polizeibeamte“ steckt hinter dieser Abkürzung. Klartext: Die Fahnder haben sich als Freier ausgegeben und wollten schauen, wer als „Hausdame“ das Sagen hat.

Schließlich kommt der Tag, an dem die Beweise aus Sicht der Ermittler ausreichen. Zugriff! Als es am 18. April 2018 zum bislang größten Einsatz der Bundespolizei mit über 1500 Einsatzkräften kommt, ist M. wieder als „Commander“ im Einsatz, koordiniert die Durchsuchung von bundesweit inzwischen 62 Bordellen.

250 000 Euro gefunden worden – in zwei Kühltruhen

Daher weiß der 41-Jährige sehr viel, was bislang im Mammutverfahren noch gar nicht bekannt war. „Bei den Durchsuchungen sind in Siegen rund 250 000 Euro gefunden worden – in zwei Kühltruhen.“ Dass es in diesem Fall um sehr viel Geld geht, bestätigt M. ebenfalls: „Nur im Ermittlungszeitraum dürfte es um fünf Millionen Euro gegangen sein – aber das ist das unterste Minimum der Schätzung.“ Jährlich soll es sich um 50  eingeschleuste Frauen und Transsexuelle gehandelt haben.

Dass „Mae“, die 62-jährige Hauptangeklagte, alle Fäden in der Hand gehalten hat, daran besteht für M. kein Zweifel: „Wie lange das schon ging, können wir nicht sagen. Aber sie hat ja Erfahrung, wurde 2011 bereits verurteilt zu viereinhalb Jahren Haft – wegen Menschenhandels.“

„Die Freier wollen immer wieder frisches Blut“

Bemerkenswert ist an diesem Tag, dass der Polizist als Erster im Gerichtssaal darüber spricht, weshalb es überhaupt zu Verbrechen wie Menschenhandel oder Zwangsprostitution kommen kann. „Das sind die Markterfordernisse“, formuliert es M. drastisch, „die Freier wollen immer wieder frisches Blut.“

Mit der Aussage des ersten Ermittlers hat das auf insgesamt 42 Verhandlungstage angesetzte Mammutverfahren ein neues Kapitel aufgeschlagen. In den 13 Verhandlungstagen zuvor waren ausschließlich die mutmaßlichen Opfer aus Thailand vernommen worden (wir berichteten). In den kommenden Tagen werden weitere Ermittler auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen.

Termine bis Ostern 2020

Dass es nicht so schnell nach einem Ende des Verfahrens aussieht, machte der Vorsitzende Richter bereits eingangs deutlich.

„Bitte erschrecken Sie nicht, aber die Kammer möchte bald auch weitere Termine für das kommende Jahr festsetzen – an Ostern 2020 sollte es aber erledigt sein“, so Weiß, der bei einem rein formalen Hinweis an die Verteidiger zur beantragten Akteneinsicht erkennen lässt, wie umfangreich das Verfahren ist: „. . . das ist auf Blatt 6689 der Akte.“

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