Manchen plagt die innere Zerrissenheit, andere haben viel Energie und Willensstärke: Das Gefühlsspektrum von in Maintal lebenden Flüchtlingen ist breit. Vier von ihnen haben dem TAGESANZEIGER ihre Situation geschildert (von links: Shaima Karimi, Muska Nawabi, Fachdienstleiter Thorsten Buld, Behnam Kazemi und Abrham Haile). Foto: Pongratz

Maintal

"Tag des Flüchtlings": Geflüchtete erzählen über ihr Leben

Maintal. 410 Geflüchtete leben zurzeit in der Stadt Maintal. Etwa die Hälfte besitzt ein Bleiberecht, die anderen etwa 200 Personen warten auf die Entscheidung in ihren Verfahren. Der heutige internationale „Tag des Flüchtlings“ war ein Anlass für unsere Zeitung, die Flüchtlingsunterkunft in Dörnigheim zu besuchen.

Von Ulrike Pongratz

Thorsten Buld, Leiter des Fachdiensts Asylbewerberbetreuung, erläuterte hierzu manchen Hintergrund. Muska Nawabi und Shaima Karimi aus Afghanistan, Abrham Haile aus Eritrea und Behnam Kazemi aus dem Iran sprechen gut bis sehr gut Deutsch, dennoch: Über persönliche Hoffnungen, Gefühle und Ziele Auskunft zu geben, ist etwas anderes, als auf dem Markt einzukaufen. Buld und Übersetzer David Tesfagerges geben Sicherheit. Der Familienvater Abrham Haile aus Eritrea ist seit sie-ben Jahren auf der Flucht, seit vier Jahren lebt er in Maintal. Er fühle sich sehr wohl hier, erzählt Abrham in noch etwas unsicherem Deutsch, habe einen guten, fast freundschaftlichen Kontakt zu „seinem Betreuer“. „Wir haben unsere Büros direkt in den Unterkünften“, erklärt Buld.

Ohne Freunde und Familie

Der fast 40-jährige Abrham Haile könnte sich eigentlich glücklich schätzen: Er ist als Flüchtling anerkannt, ein Status, um den ihn viele beneiden. Er hat eine eigene kleine Wohnung gemietet und arbeitet in einem Hanauer Unternehmen in der Montage. Dennoch wird Abrhams Stimme leise, er antwortet stockend, gefragt nach Freunden und Familie Frage. Er kenne einige Menschen aus Eritrea hier, habe gute Bekannte über die Kirchengemeinde gefunden – nur seine Frau und seine drei Kinder müssten in Äthiopien bleiben, wo sie inzwischen leben würden, aber seine Kinder gingen dort nicht zur Schule. Abrham Haile sorgt sich. „Es fehlt eine amtliche Heiratsurkunde“, erklärt Buld, „Abrham Haile besitzt nur ein kirchliches Dokument. Er hat alles versucht, sogar ein DNA-Test wurde durchgeführt, der seine Vaterschaft bestätigt hat.“ Abrham Haile will vorerst in Maintal bleiben, er fühlt sich wohl und sicher hier, trotzdem bleibt er innerlich zerrissen.

Aus der jungen, lebhaften Muska Nawabi sprudeln die Worte nur so heraus – so schnell kann niemand schreiben. Die 20-jährige Afghanin hat in ihrer Heimat mit einem Jurastudium begonnen, sie spricht Dari, Persisch und Pashtu sowie Englisch, Russisch und Deutsch. Vor zwei Jahren und acht Monaten sei sie mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen, erinnert sich die junge Frau. Während ihrer Familie ein dreijähriger Aufenthalt möglich sei, habe sie lediglich eine einjährige Frist erhalten.

Deutsch mit HIlfe des Internets lernen

„Jetzt läuft ein neues Verfahren“, so Buld. Der jüngere Bruder lernt in der Intensiv-Klasse über die Schule die deutsche Sprache, Muska, damals 17 Jahre alt, ergreift selbst die Initiative. „Ich habe Deutsch zunächst im Internet gelernt und mich dann zu einem Sprachkurs angemeldet.“ Die Abschlussprüfung hat sie bestanden, Muska hat inzwischen ein Sprachlevel erreicht, mit dem sie ein Studium aufnehmen will. Über das „Academic Welcome Program“ für hochqualifizierte Flüchtlinge will sie versuchen, an der Goethe-Universität das Studium wieder auf-zunehmen. „Das größte Problem ist unsere Wohnsituation“, sagt Muska Nawabi, „wir wohnen zu viert in einem Zimmer. Der eine will lernen, der andere Musik hören. Mein Vater bräuchte nach seiner Herzoperation sehr viel mehr Ruhe.“ Trotz aller Unsicherheit, die kleine zierliche Frau will weiterlernen, mit Energie und Willensstärke wird sie ihren Weg finden.

Shaima Karimi lebt mit ihrer Familie seit zweieinhalb Jahren in Maintal. Die 47-jährige Mutter von sechs Kindern lernt gerade Deutsch. „Zweimal in der Woche gehe ich in den Kurs, mache meine Hausaufgaben, kaufe ein, koche und putze“, sagt sie auf die Frage nach ihrem Tagesablauf. Mit vier Kindern bewohnen Shaima und ihr Mann zwei Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft. Es gibt eine große Gemeinschaftsküche. Die beiden Jüngsten gehen noch zur Schule, ein Sohn hat die Schule abgeschlossen und sucht Arbeit, die Tochter macht eine Ausbildung in Frankfurt. Ihre älteste Tochter lebt noch in Afghanistan, ein Sohn arbeitet in Oldenburg.

Schwierige Situationen für Kinder

„Flüchtlinge mit fehlender Bleibeperspektive haben es schwer, die deutsche Sprache zu lernen“, sagt Buld. Vor allem die Kinder würden oft in schwierige Situationen geraten, denn sie sprächen durch Kita und Schule hervorragend Deutsch und müssten daher oft ihre Eltern bei offiziellen Terminen oder Arztbesuchen unterstützen, gingen dann nicht zur Schule. Die Jüngeren seien damit auch einfach überfordert.

Behnam Kazemi aus dem Iran ist 26 Jahre alt und hat bereits ein Studium in Maschinenbau abgeschlossen, was allerdings hier nicht anerkannt wird. In Babenhausen hätte er Wohnung und Lehrstelle gefunden, durfte aber den Main-Kinzig-Kreis aufgrund seines Status nicht verlassen. Seit November 2015 lebt Behnam in Deutschland, sein Verfahren läuft noch, denn der junge Iraner hat nach Ablehnung geklagt. Er lässt sich auch durch Rückschläge nicht unterkriegen. Seinen Deutschkurs hat Behnam Kazemi mit „gut“ bestanden, er macht gerade den Führerschein und hat bereits in Frankfurt einen neuen Arbeitgeber gefunden. „Einfach nur zu Hause bleiben, ist langweilig“, sagt Behnam, „Ich habe viele Freunde hier, bin in der Kirchengemeinde aktiv. Ich hoffe einfach, dass alles gut geht – für mich und alle Flüchtlinge.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema