Tatort: Die Agip-Tankstelle Am Kreuzstein in Bischofsheim wurde am 6. Mai 2020 überfallen. Dem Angeklagten werden noch weitere Überfälle vorgeworfen. Bisher gibt es aber nur Indizien.
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Tatort: Die Agip-Tankstelle Am Kreuzstein in Bischofsheim wurde am 6. Mai 2020 überfallen. Dem Angeklagten werden noch weitere Überfälle vorgeworfen. Bisher gibt es aber nur Indizien.

Aus dem Gericht

Prozess um Tankstellenüberfall: Staatsanwältin fordert lange Haftstrafe - Verteidiger plädiert auf Freispruch

  • Michael Bellack
    vonMichael Bellack
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Es sind viele Indizien, die im Prozess um den Überfall auf die Agip-Tankstelle in Bischofsheim den Ausschlag geben werden. Denn trotz der Aussagen der überfallenen Tankstellenmitarbeiterin und diverser Gutachter zu Größe und Bekleidung des Täters, gibt es noch kein eindeutiges Indiz für die Täterschaft des Angeklagten Patrick B. Das erklärt die gänzlich unterschiedlichen Forderungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung am Dienstag.

Maintal/Hanau – Fest steht, dass zumindest vieles für eine Täterschaft von B. spricht. Von der Kassiererin wurde er belastet, auch die Ergebnisse der Gutachten, die sich auf die Bilder der Überwachungskamera stützen, lassen diesen Schluss zu. Größe, Bekleidung, auffällige Augenpartie – B. könnte der Mann sein, der auf den Bildern der Kamera vom 6. Mai 2020 zu sehen ist. Er könnte der Räuber sein, der eine Waffe zückt, die junge Frau zur Herausgabe von 1530 Euro zwingt und anschließend ruhigen Schrittes die Tankstelle verlässt.

Staatsanwältin ist von Schuld des Angeklagten überzeugt

Davon überzeugt ist Staatsanwältin Ines Roser. Sie sieht die B. vorgeworfene Tat durch die Beweisaufnahme als bestätigt an, auch wenn es leichte Unstimmigkeiten gibt. Zum Beispiel betrifft das einen möglichen Cut an der Augenbraue, den die Mitarbeiterin laut eigener Aussage wahrgenommen, gegenüber der Polizei jedoch nicht erwähnt hatte.

Die bei B. gefundene Bekleidung wertet Roser zudem als Indiz gegen den Angeklagten. Zu Lasten von B. werden die schweren psychischen Folgen für die Frau ausgelegt, wobei diese nicht mehr eindeutig auf den Überfall vom Mai 2020 zurückgeführt werden können. Schließlich wurde sie im März dieses Jahres erneut überfallen. Auch diese Tat wird B. vorgeworfen, allerdings wird sie in einem gesonderten Verfahren verhandelt. Nicht unerwähnt lässt Staatsanwältin Roser in ihrem Plädoyer die polizeiliche Akte von B., der siebenfach vorbestraft ist. Unter anderem wegen schwerer Körperverletzung.

Staatsanwältin fordert sechs Jahre Haft

Roser wirft B. schwere räuberische Erpressung vor und fordert sechs Jahre Haft für den 27-Jährigen B. Auch die Rechtsanwältin der Nebenklage, Gabriele Berg-Ritter, hat „keinen Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten“. Die Tat sei durch die Vielzahl der Indizien eindeutig nachgewiesen. Sie stellt keinen Antrag auf eine Strafzumessung, aber der Angeklagte soll die Kosten der Nebenklage übernehmen.

Gänzlich anders sieht das allerdings B.’s Verteidiger Christian Heidrich. „Es gibt keine Beweise, die für die Täterschaft meines Mandanten sprechen“, stellt er direkt zu Beginn seines Plädoyers klar und gibt damit eindeutig die Richtung vor. „Wir müssen viel mit Indizien und Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Und die Realität ist oft anders als die Wahrscheinlichkeit“, sagt Heidrich.

Verteidiger verweist auf mögliche andere Tatverdächtige

Die Täterschaft seines Mandanten könne nicht zweifelsfrei festgestellt werden, zumal auch mögliche andere Tatverdächtige infrage kommen könnten. Einer davon, ein früherer Verdächtiger, sitzt am dritten Prozesstag auf dem Zeugenstuhl. Er war zwischenzeitlich von der Polizei als Täter ausgeschlossen worden, ein Muttermal an der Wange, das sowohl beim Täter als auch bei B. festgestellt wurde, machte ihn jedoch wieder interessant für den Prozess.

Ins Visier der Ermittler war er nach Hinweisen aus dem Umfeld der Tankstellenmitarbeiterin geraten, die Bilder von der Überwachungskamera weitergeleitete und so nach dem Täter gesucht hatte. Und tatsächlich: Die Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen. „Ich war selbst verblüfft und finde auch, dass er mir ähnlich sieht“, sagt der Zeuge zu den Bildern der Überwachungskamera. Hörensagen, Mutmaßungen und Vermutungen innerhalb von Bischofsheim führten dann dazu, dass es beim Verdächtigen eine Hausdurchsuchung gab und sein Telefon überwacht wurde.

Allerdings – und das ist entscheidend – kann der Verdächtige ein Alibi vorweisen. Zur Tatzeit war er arbeiten, was auch anhand der Zeiterfassung in der Firma belegt wird. Zudem ist er merklich größer als der beschriebene Täter und der Angeklagte B. „Er ist als Täter auszuschließen“, stellt Richter Dr. Sascha Rüppel klar.

Viele Indizien aber keine Beweise

Auch ein möglicher dritter Verdächtiger machte in Bischofsheim die Runde. Für Verteidiger Heidrich ein klares Zeichen, dass die Täterschaft seines Mandanten „nicht zweifelsfrei festgestellt werden kann“. Es gebe zwar Indizien, aber keine Beweise. Er fordert daher einen Freispruch.

Entscheiden muss jetzt die 7. Große Strafkammer, die sich angesichts der möglichen Konsequenzen dafür auch genug Zeit nehmen möchte. Das Urteil ist für Dienstag, 20. April, angesetzt.

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