Seit 2003 in Bischofsheim zu Hause: Der aus Berlin stammende Ewart Reder.
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Seit 2003 in Bischofsheim zu Hause: Der aus Berlin stammende Ewart Reder.

Schriftsteller

„Poesie ist Kopf-Yoga“: Gedichtband des Bischofsheimers Ewart Reder regt zum Nachdenken an

  • Lars-Erik Gerth
    VonLars-Erik Gerth
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Maintal – Die Vorfreude auf Samstagabend ist groß bei Ewart Reder. Dann nämlich kann der seit 2003 in Bischofsheim lebende Schriftsteller endlich seinen im Juni erschienenen Gedichtband „Die hinteren Kapitel der Berührung“ in einer Lesung vorstellen.

Corona hat seit März 2020 auch vielen in der Kultur Tätigen das Leben schwer gemacht. Das gilt für Schauspieler und Sänger, aber eben gleichermaßen für Schriftsteller. Die Möglichkeiten, ihre neuen Werke bei Veranstaltungen zu präsentieren, fielen über anderthalb Jahre der Pandemie zum Opfer. Erst langsam finden jetzt wieder Lesungen statt.

„Und ich habe das Glück, dass ich ‘Die hinteren Kapitel der Berührung’ am 9. Oktober um 19 Uhr bei den Seligenstädter Literaturtagen 2021 vorstellen kann“, so der gebürtige Berliner im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Lesung findet im Edith-Stein-Saal des St. Josefshauses in der Jakobstraße 4 in Seligenstadt statt.

Die knapp 130 Gedichte, die sich auf 200 Seiten wieder finden, sind in einem für Reder besonderen Zeitabschnitt entstanden. „Ich bin seit zehn Jahren bekennender Nichtautofahrer und in dieser Zeit habe ich die Gedichte geschrieben, die Eingang in mein neues Buch gefunden haben“, berichtet der Wahl-Maintaler, der am Bruchköbeler Lichtenberg-Oberstufengymnasium Geschichte und Deutsch unterrichtet.

Ewart Reder ist, seitdem er freiwillig auf das Auto verzichtet, viel mit der Bahn unterwegs. Entsprechend führt ihn der Weg häufig zum Bischofsheimer Bahnhof. Und da verwundert es kaum, dass er diesen auch literarisch verarbeitet hat. So findet sich auf Seite 133 das immerhin vierseitige Gedicht mit dem Titel „Der Bahnsteig. Ein Zoo“. Wenn jemand, der diesen Bahnhof ebenfalls öfters nutzt, Reders Text liest, wird er aus dessen Zeilen vermutlich nicht sofort erkennen, dass es sich um den Bischemer Bahnhof handelt. Denn die Namen Maintal oder Bischofsheim finden sich in dem Gedicht nicht. Zu lesen sind dort hingegen zu Beginn folgende Zeilen:

„Gehwegplatten als Grundform wachsen zur Standfläche. Goldakazien am Rand sammeln sich zu einem Wäldchen.“

Eine durchaus nicht alltägliche Ortsbeschreibung für den wenig anheimelnd wirkenden Bischofsheimer Bahnhof, der seit einiger Zeit übrigens offiziell nur noch als „Haltepunkt Maintal-West“ bezeichnet wird.

Dass Ewart Reder Poesie als „Kopf-Yoga“ bezeichnet, die quasi den Geist oder die Gedanken eines Menschen in Bewegung hält, wird gerade in diesem Gedicht immer wieder deutlich. Einfach zum Nebenbeilesen geeignet – beispielsweise während eines Fernsehabends – ist die Lyrik des Maintaler Autors nicht. Da sind schon Nachdenken und durchaus auch Fantasie gefragt, wenn es in diesem Bahnhofsgedicht an anderer Stelle heißt: „Die Normalgruppe immer janusköpfig die Blicke parallele Vektoren: entweder – oder ergeben das Soziogramm: Wer weicht wessen Blick aus? Der Weggucker sieht zur Strafe das Nichtgewählte.“

Nach einiger Überlegung könnte man schon darauf kommen, dass Reder hier beschreibt, wie sich Wartende am Bahnhof verhalten, es manche dabei nicht gerne haben, wenn sie jemand direkt anschaut.

Wie bereits der Titel des Gedichtbands verrät, spielen darin Berührungen eine wichtige Rolle. Dies ist gerade in der jetzigen Corona-Zeit ein interessanter Gegensatz, in der man doch angehalten ist, direkten Kontakt zu anderen zu vermeiden, um nicht mit dem Virus angesteckt zu werden. Dazu stellt Reders Schriftstellerkollegin Margot Ehrich auf dem Klappentext des Buches Folgendes fest: „Der Titel deutet es an: Lesende tasten hier zurück ins Leben, aus der eingeübten Hygienedistanz wieder heraus, haben Berührung mit der Welt und das fühlt sich gut an. Ein Buch zur rechten Zeit also.“

Gedichte stellen für Reder auch einen Gegenpol zu unserer hektischen, immer schneller und oberflächlicher werdenden Zeit dar. „Gedichte haben Geduld“, findet der bekennende Eintracht-Fan, der sich am vergangenen Sonntag natürlich riesig über den völlig überraschenden 2:1-Sieg der Adlerträger bei den Bayern gefreut hat.

Zeit und Muse sollte man sich auf jeden Fall bei der Lektüre der 200 Seiten nehmen. Schnell wird der Leser dabei übrigens feststellen, dass der 64-Jährige kein großer Fan der Interpunktion ist. Manche Gedichte erstrecken sich über eine oder gar mehrere Seiten und man findet erst ganz am Schluss einen Punkt. Und mit Kommata hat es Ewart Reder ganz offensichtlich überhaupt nicht. Denn selbst bei der dritten genauen Durchsicht ist mir in keinem der Gedichte eines begegnet.

Ein sicherlich nicht alltägliches Stilmittel, das dem Leser die zusätzliche Aufgabe gibt, die Zeilen in den richtigen Zusammenhang zu stellen. So lauten die ersten fünf Zeilen von „Ruhelos“:

„Ich bin das Tier das schreibt und danach unzufrieden wartet dass die Unzufriedenheit vergeht mit einem Körper der nichts kann was noch oft gebraucht würde ungefragt gibt er seine Kommentare ab zum Wechsel von Stoffen und Worten im Fleisch.“

Entsprechend spannend dürfte Reders Vortrag seiner Texte in Seligenstadt werden. Und wer dafür keine Zeit hat, kann sich den Termin einer weiteren Lesung vormerken: Am Mittwoch, 1. Dezember, um 19 Uhr präsentiert der Bischofsheimer seinen Gedichtband im Haus der Stadtgeschichte in Offenbach. Und für Februar 2022 ist eine gemeinsame Lesung mit dem in Neuberg lebenden Schriftsteller Horst Samson als „Kick-off“ der neuen Veranstaltungsreihe „Literaturszene Hanau“ geplant.

Von Lars-erik Gerth

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