Ist in seinem Element, sobald er am Live-Pult im Bürgerhaus steht oder an der Konsole, wo die so genannte Post-Production stattfindet: Boris Kreuter hat das Maintaler Parlamentsfernsehen gegründet. Foto: Rainer Habermann

Maintal

Parlamentsfernsehen: Boris Kreuter macht Lokalpolitik erlebbar

Maintal. Boris Kreuter hat sein Projekt des Hessischen Parlament-Fernsehens auf kommunaler Ebene verdoppelt. Existiert seit Juni 2012 das Maintaler Stadtparlaments-TV, so kommt 2020 ein Pendant aus einem Gemeindeparlament hinzu: dem Niederdorfeldener.

Von Rainer Habermann

„Wir haben schon um das Jahr 2006 herum begonnen, uns für die Idee einer Aufzeichnung und Live-Übertragung von Stadtverordnetenversammlungen im Internet stark zu machen“, erinnert sich der 49-jährige gebürtige Braunschweiger, der in Frankfurt aufgewachsen ist.

Seit 2010 lebt er in Maintal, hat einen heute 15-jährigen Sohn, Jonathan Kreuter, der bereits sehr erfolgreich in Papas Fußstapfen getreten ist, wie Jonathan zusammen in einer Gruppe mit fünf weiteren Neuntklässlern der Albert-Einstein-Schule (AES) beweist. Sie gewannen kürzlich mit ihrem „Luther“-Film den Publikumspreis beim ersten Maintaler Kurzfilmfestival. „Er braucht den Papa nicht mehr für seine Filmprojekte, die macht er ganz alleine“, sagt Kreuter. „Na ja, bei der Technik borgt er sich hin und wieder etwas bei uns aus.“

Selbst politisch engagiert und interessiert

Boris Keuter war jahrelang im Stadtelternbeirat aktiv. „Es war mein Herzenswunsch, mit meiner Familie in Maintal zu leben“, erzählt er bei unserem Besuch in seinem Studio in Bischofsheim, gleich neben der Post. „Und wenn man – wie ich – auch an der Maintaler Politik interessiert ist, als Elternbeirat, dann trifft man zwangsläufig auf viele Ehrenamtliche. Das sind Stadtverordnete wie auch Gemeindevertreter nun mal alle. Dies vergessen manche Leute in der Schärfe der Diskussionen vor allem in den sozialen Medien.“

Seit etwa 2007/2008, „baggerte“ Kreuter bei den Verantwortlichen für seine Idee, durch Übertragung der lokalen Parlamentsdebatten ins Internet für mehr Transparenz, und somit auch für mehr Bürgerinteresse an der Lokalpolitik zu sorgen. Bei Bürgermeistern, in den Fraktionen, bei sonstigen Entscheidungsträgern.

2012 startete die erste Übertragung

Es ist eine Geschichte des zähen Widerstands, sagt Kreuter, denn in diesen Jahren war das Internet noch mehr oder weniger eine unbekannte Wüste, mit der kaum jemand ernsthaft etwas anfangen wollte. Es dauerte schließlich auch noch viele Jahre, bis Kreuter die Fraktionen des Maintaler Stadtparlaments überzeugt hatte.

Nicht zuletzt den damaligen CDU-Bürgermeister Erhard Rohrbach: Im Juni 2012 startete die erste Folge des Maintaler Stadtparlamentsfernsehens im Internet, mit einer Aufzeichnung der Debatten und Beschlüsse. Damals ein Novum in der Landesgeschichte.

Kommunalpolitik live im eigenen Wohnzimmer

Wie zäh diese Überzeugungsarbeit vonstatten ging und geht, zeigen alleine schon die Zeiträume. Bis 2019 hat immerhin die zweite Kommune nach Maintal mit der Firma Kreuters einen Vertrag geschlossen. In der letzten Parlamentssitzung des Jahres beschlossen die Gemeindevertreter Niederdorfeldens mehrheitlich, dass künftige Versammlungen medial vorbereitet, aufgezeichnet, durch Interviews erweitert und live ins Internet gestreamt werden dürfen.

Für eine Dauer von zunächst zwei Jahren. „Im Vorgang und Nachgang zu Parlamentssitzungen wollen wir dazu beitragen, dass Kommunalpolitik für die Bürger erlebbarer, anfassbarer, durchschaubarer wird. Selbst vom heimischen Bildschirm im Wohnzimmer aus“, kommentiert Kreuter den Grundgedanken seines „Parlamentsfernsehen Hessen“, wie die Webseite titelt. „Medienkompetenz trifft Politik – Kommunalpolitik erlebbar machen“: so lautet sein Slogan.

Interesse an Politik soll gesteigert werden

Und auch wenn die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung eine feste Größe zu sein scheint, so erhoffen sich manche – Filmemacher wie Kommunalpolitiker – doch etwas mehr Interesse für das, was letztlich Basis jeglicher Entscheidung vor Ort ist: die Parlamentsdebatten und Abstimmungen. Schließlich sind es die gewählten Vertreter des Volkes, die hier über Baumaßnahmen, Grund- und Gewerbesteuer, Kita-Plätze und andere Zukunftsentscheidungen diskutieren und votieren.

Es hat lange gedauert, bis diese Transparenz auch auf kommunaler Ebene zugelassen wurde. Vor noch gar nicht ferner Zeit (etwa ab 2013) wurden erst die Geschäftsordnungen diverser Stadt- und Gemeindeparlamente geändert, um Aufzeichnungen von Sitzungen und auch der sonstigen Gremien zuzulassen. Eine gewisse Scheu ehrenamtlicher Kommunalpolitiker vor der Digitalisierung, davor, sich „im Fernsehen“ vielleicht zu blamieren, mag dabei keine unwesentliche Rolle spielen; zumal in Zeiten von Social Media.

Auch damit weiß der 49-jährige Filmemacher umzugehen. Immerhin seit 1985, seit einem Praktikum im Hessischen Rundfunk (HR) ist er als Produzent im Geschäft mit seiner „Trickfilmkinder GmbH“ und Ablegern wie „Parlamentsfernsehen Hessen“. Dass er überwiegend mit jungen Talenten arbeitet, hat Tradition. Jungreporter stellen unverblümt Fragen, sagt er, es kommt nicht auf absolute Perfektion an, sondern auf Lebendigkeit, Frische, Authentizität.

Sieben Kommunen in den Startlöchern

Boris Kreuter ist in seinem Element, sobald er am Live-Pult im Bürgerhaus steht und die Technik leitet, oder an der Konsole in Bischofsheim, wo die sogenannte Post-Production stattfindet. Oder auf der „Loriot-Couch“ in seinem Studio auf der Gäste Platz nehmen für Interviews. Mit seinem Team von Jungfilmern und Professionals hat er noch viel vor. „Wir sind seit längerem mit Akquisiteuren unterwegs in Hessen“, erzählt er.

„Sieben weitere Kommunen, außer Maintal und Niederdorfelden, stehen quasi in den Startlöchern für eine professionelle Übertragung ihrer Parlamente. Mit einer weiteren Stadt in Mittelhessen sind die Verhandlungen sehr weit fortgeschritten. Wir hoffen, bis Ende 2021 insgesamt 20 hessische Kommunen von unserer Arbeit überzeugen zu können. Dann aber machen wir einen Break, denn wir wollen mit unserem Service Qualität bieten und kontrolliert weiter wachsen. Dabei spielt natürlich der Datenschutz für uns eine ganz wesentliche Rolle. Deshalb setzen wir auch nicht einfach auf Facebook, denn dort ist das so eine Sache, mit dem Datenschutz“, sagt Kreuter.

›› parlamentsfernsehen-hessen.de

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