Reich und bunt ist der Fundus an Kostümen, den der HMV auf dem Dachboden aufbewahrt und schneidert. Fotos: Mike Bender

Maintal

Bei den Nähfrauen des Humor-Musik-Vereins muss es bunt sein

Maintal. Es waren die Affen. Darin sind sich alle einig. Als die Tänzer des Männerballetts entschieden, sich in Primaten zu verwandeln, war von den Nähfrauen des Humor-Musik-Vereins (HMV) „Edelweiß“ Kreativität und schneiderisches Geschick gefragt.

Von Martina Faust

Die Kostüme, die aus unzähligen Lagen zweifarbiger Stofffransen bestehen, nötigen mir größten Respekt ab. Als unerfahrener Näh-Neuling freue ich mich ganz besonders, der Gruppe über die Schulter schauen zu dürfen.

Das Bühnenprogramm beim HMV ist echte Handarbeit – vom gesprochenen Wort über die Kulissen bis hin zu den Kostümen. Rund 70 davon nähen Christine Misiewicz, Margit Heide, Angela Cercas Laura Rodriguez und Dani Sessner und Annelie Sessner. In jeder Kampagne! Im April geht es los. Dann beginnt die kreative Vorarbeit, wenn die Gruppen mit ihren Themen und Ideen auf die Nähfrauen zukommen.

Für die Damenriege liegen die Vorteile von selbst beschneiderten gegenüber gekauften Kostümen klar auf der Hand: Es sind maßgeschneiderte Unikate, deren Verarbeitung oft deutlich besser ist – zu günstigeren Preisen. „Wenn ich bei gekauften Kostümen sehe, wie sie verarbeitet sind und was sie kosten, das steht in keinem Verhältnis“, schüttelt Misiewicz den Kopf. Nein, dann nähen, plaudern, diskutieren und lachen sie doch lieber einmal wöchentlich für die gute Sache.

Kostüme im Kopf entwerfen

„Wir entwerfen die Kostüme zunächst im Kopf und auf dem Papier, schauen nach passenden Farben und geeigneten Stoffen. Dann fertigen wir ein Probekostüm an, das später in die Serienproduktion geht“, erzählt Christine Misiewicz. Sie ist der Kopf der Gruppe, die sich vor rund 20 Jahren zusammengefunden hat, nachdem jeder allein „vor sich hingewurschtelt hat“. Seitdem ist das Schneidern der Kostüme ein wöchentliches geselliges Event.

Jeden Mittwochabend kommen die Nähfrauen für zwei, drei Stunden in der Geschäftsstelle des HMV im „Neuen Bau“ zusammen. Kurz vor den Sitzungen wird die Nähstube auch schon mal zum Erstwohnsitz, wenn das Gespann täglich zusammenkommt. „Weil wir sonst nicht wissen, was wir abends machen sollen“, bemerkt Angela Cercas trocken und erntet schallendes Lachen. Keine Frage, die Frauen verstehen sich und haben Spaß – trotz Akkordarbeit bei Wasser und (Honig)brot im Nulllohnsektor. Bezahlt wird mit der Begeisterung der Aktiven und dem Applaus des Publikums.

Den haben die Kostüme wahrlich verdient, die ich im Fundus auf dem Dachboden bestaunen darf. Ein aktuelles Stück bekomme ich an diesem Abend nicht zu sehen. Weil es das noch nicht gibt. „Wir fangen ja jetzt erst mit dem Nähen an“, erklärt Misiewicz. Deshalb rattert die Nähmaschine von Dani Sessner an diesem Abend auch als einzige. Die anderen Frauen sind mit dem Zuschnitt beschäftigt. „Die Vorarbeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Das Nähen selbst geht dann ganz flott“, sagt die „Chefin“.

Ich staune über die Akkuratesse der Frauen. „Wir müssen so ordentlich arbeiten. Die Kostüme sind in den letzten zehn Jahren immer anspruchsvoller geworden. Wenn wir nicht sauber arbeiten, wirkt das Ergebnis nicht“, erfahre ich.

Grundlage ist das Schnittmuster

Grundlage für jedes Kostüm ist ein Schnittmuster, das auf die benötigte Größe kopiert wird. Dann beginnt die kreative Arbeit der Frauen. Sämtliche Verzierungen und individuellen Anpassungen nehmen sie selbst vor. Unabhängig vom modischen Zeitgeist gibt es dabei eine Konstante: „Bunt und viel Glitzi-Glitzi“, lacht Angela Cercas. Schließlich muss es auf der Bühne ein echter Hingucker sein. Entsprechend groß ist der Vorrat an Paillettenstoffen und -bändern. Alles andere wird im Großhandel oder online gekauft.

Für mich schlägt die Stunde der Wahrheit. Ich bin schließlich nicht nur zum Schauen, sondern auch zum Nähen gekommen. Aber das Können der Frauen – hier werden privat auch Ball- und Hochzeitskleider genäht – wirkt respekteinflößend auf jemanden, der simple Halstücher und Baby-Pumphosen nach Augenmaß näht, und auch das erst seit einigen Monaten. „Ich habe genauso angefangen“, macht mir Christine Misiewicz Mut und nimmt routiniert die entsprechende Einstellung an meiner Nähmaschine vor. Ich spüre Druck auf meinen Schultern und bitte sicherheitshalber um ein Projekt, bei dem ich wenig Schaden anrichten kann. „Ach, uns passieren auch noch manchmal blöde Fehler. Das kommt halt, wenn man babbelt“, sagt Angela Cercas.

„Bis zum Start der Kampagne bin ich fertig. Also, 2020 natürlich“

Mein Gesellenstück wird das Säumen der Einzelteile einer Hose. Misiewicz rattert die erste Seite runter. Zack, fertig. Ganz so schnell geht es bei mir nicht. Aber meine Zuversicht ist grenzenlos. „Bis zum Start der Kampagne bin ich fertig. Also, 2020 natürlich“, sage ich.

Gegen 22 Uhr wird aufgeräumt und zusammengepackt. Einige nehmen noch „Hausaufgaben“ mit. Schnell verging die Zeit und ich habe tatsächlich einiges gelernt. „Wenn Du magst, komm wieder, dann zeige ich Dir, wie Du eine Hose nähst“, meint Dani Sessner. Und wer weiß, vielleicht mache ich das sogar. Bis dahin übe ich weiter mit Baby-Pumphose und bestaune die Kostüme bei den Sitzungen der Humoristen. Dann werden einige der Nähfrauen selbst auf der Bühne stehen, andere hinter den Kulissen wirken. Nadeln und Faden haben sie immer dabei. Sicherheitsnadeln eben.

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