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Tatort am Ortsrand von Wachenbuchen: Die Anwohner sind froh, dass inzwischen Ruhe eingekehrt ist, seitdem die Polizei den schwunghaften Marihuana-Handel von Florian K. beendet hat.

Wahlloser Messerangriff oder eine Notwehrsituation?

Messerstecherei in Wachenbuchen: Staatsanwalt fordert drei Jahre Haft für 28-jährigen Angeklagten

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Geht es nach Staatsanwalt Markus Jung, dann muss der 28-jährige Florian K. wegen der Messerstecherei im März 2018 in Wachenbuchen für drei Jahre hinter Gitter. Dieses Strafmaß beantragt der Ankläger in seinem Plädoyer vor der 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht.

Jung wertet das Tatgeschehen als gefährliche Körperverletzung, lässt den ursprünglichen Vorwurf des versuchten Totschlags aber fallen. 

K. soll nach einem Streit zunächst einen Kontrahenten Pfefferspray ins Gesicht gesprüht haben. Anschließend, so ist Jung überzeugt, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit weiteren Gegnern. K. zückt schließlich ein Messer und sticht wahllos um sich. Bei dem Vorfall am 9. März 2018 sind zwei junge Männer schwer verletzt worden. „Das sind erhebliche Verletzungen. Der Angeklagte hat wahllos um sich gestochen und die Opfer verletzt. Das hätte schlimmer ausgehen können“. so der Staatsanwalt. 

Tat geschah im Jahr 2018

Der Verteidiger hingegen hat eine andere Sicht der Dinge: Er sieht den Angriff mit dem Pfefferspray als erwiesen an. Den Messerangriff bewertet Rechtsanwalt Marko Spänle jedoch als Notwehrhandlung. Sein Antrag an die Kammer: eine Bewährungsstrafe „unter zwei Jahren“. Am vierten Verhandlungstag werden zuvor noch mehr Details über den Angeklagten bekannt, der vor der Kammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel versucht, den mittelloser Hartz-IV-Empfänger zu geben, der von seiner Ehefrau monatlich mit „80 Euro“ unterstützt wird. 

Im Jahr 2018 stellt sich die Situation noch ganz anders dar: Nach dem Vorfall im März scheint K. weiterhin munter gedealt zu haben und dabei beträchtliche Einnahmen gezielt zu haben. Denn fünf Monate später schlagen die Drogenfahnder am Ortsrand von Wachenbuchen zu und finden jeden Menge Marihuana sowie fast 2500 Euro, die aus diesen Drogengeschäften stammen. Dafür ist der 28-Jährige bereits im Juli vergangenen Jahres zu einer Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Danach hat er offenbar zum ersten Mal seit längerer Zeit etwas gearbeitet – seine 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit habe er bereits abgeleistet. Der Prozess stößt im kleinsten Maintaler Stadtteil unterdessen auf großes Interesse. 

Augenzeugin berichtet: „Der Drogenhandel war äußerst lukrativ“

Vor allem rund um den Tatort, dem seit Jahrzehnten als „Schwarzes Loch“ bezeichneten Mehrfamilienkomplex am Hochstädter Rain scheinen die Anwohner heilfroh zu sein, dass K. inzwischen weggezogen und Ruhe eingekehrt ist. Eine Augenzeugin berichtet: „Der Drogenhandel war äußerst lukrativ – ‧dickes Motorrad, ständig wechselnde Autos.“ Die „geschäftlichen Aktivitäten“ hätten in der Nachbarschaft „viel Ärger“ verursacht.

„Da ging es zeitweise zu wie in einem Taubenschlag, wenn die vielen Jugendlichen und seine Klienten sich ihren Nachschub holten“, erinnert sich eine Anwohnerin, wie bedauert, dass der Ausdruck „Schwarzes Loch“ immer noch eingebürgert sei, obwohl die Wohnanlage vor mehr als 15 Jahren von ihrer namensgebenden Außenfassade aus schwarzen Eternitplatten endlich befreit wurde. Seitdem herrscht ein freundlicher Anstrich vor – alles sieht inzwischen gepflegt und sauber aus.

 

Der Fall 

9. März 2018: In den Abendstunden kommt es in Wachenbuchen zu einer Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen und Florian K., der drei Kontrahenten mit Pfefferspray und einem Messer schwer verletzt haben soll. 

23. April 2020: Prozessauftakt. K. wird wegen versuchten Totschlags vor dem Schwurgericht angeklagt. Zahlreiche Zeugen sagen aus und präsentieren sehr unterschiedliche Versionen des Tatablaufs. 28. April: Der Angeklagte bestätigt, Pfefferspray und Messer eingesetzt zu haben, und präsentiert seine Version, die er als Notwehr beschreibt. 

5. Mai: In den Plädoyers fordert die Staatsanwaltschaft drei Jahre Haft, die Verteidigung eine Bewährungsstrafe. 

Das Urteil wird am Donnerstag, 7. Mai, um 11.30 Uhr verkündet. 

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