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Keine Notwehr, sondern gefährliche Körperverletzung: Der 28-jährige Drogendealer K. ist vom Landgericht Hanau wegen der Messerstecherei in Wachenbuchen verurteilt worden.

„Das hätte tödlich enden können“

Messerstecherei in Wachenbuchen: 28-Jähriger muss drei Jahre ins Gefängnis

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„Das war keine Notwehr, denn Sie haben mit dem Pfefferspray angefangen.“ Zu diesem zentralen Ergebnis ist die 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht gekommen und hält den 28-jährigen Florian K. wegen gefährlicher Körperverletzung in vier Fällen für schuldig.

Die Konsequenz: K. wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Kammer unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel hat diesen Fall aus dem März 2018 sehr genau unter die Lupe genommen, denn ursprünglich war K. wegen versuchten Totschlags angeklagt. 

In einer Auseinandersetzung mit einer Gruppe von sechs jungen Männern hatte der 28-Jährige Pfefferspray und ein Messer eingesetzt und seine Kontrahenten zum Teil erheblich verletzt. „Das war keine Tötungsabsicht, aber Sie wollten Rache nehmen, weil Sie angegriffen worden sind“, so Wetzel in der Urteilsbegründung. Eines der Opfer erlitt eine Lungenverletzung. „Das hätte tödlich enden können“, stellte die Vorsitzende fest. Das Geschehen in Wachenbuchen aufzuklären ist für die Kammer trotz des Teilgeständnisses von K. eine sehr knifflige Sache. Denn laut Wetzel sei die Beweislage „indifferent und heterogen“. Das ist sehr juristisch-diplomatisch ausgedrückt. 

„Sie sind in den Teufelskreis des Drogenhandels geraten“

Es könnte auch heißen: Die Zeugen haben teilweise gelogen, dass sich die Balken biegen. „Das war für uns eine echte Herausforderung, denn jeder der Zeugen hat hier seine eigene Geschichte erzählt.“ Daher, so Wetzel, sei die Aufklärung eine „echte Herausforderung“ gewesen. Das wahre Motiv für die Eskalation der Gewalt ist von allen Beteiligten zudem ziemlich heruntergespielt worden. So behaupteten die Zeugen unisono, es sei um Beleidigungen und eine „Aussprache“ gegangen. „Das glauben wir nicht. Wir gehen davon aus, dass der Drogenhandel des Angeklagten das Motiv gewesen ist“, stellt die Vorsitzende fest und betont, dass K. nach diesem Vorfall munter weitergemacht habe, Cannabis in umfangreichem Stil zu verkaufen. Erst im August 2018 ließ die Kripo den „Gras“-Dealer hochgehen. 

„Sie sind in den Teufelskreis des Drogenhandels geraten – das ist keine berufliche Perspektive“, stellt Wetzel fest. Das Vorhaben des Angeklagten, er woll künftig in der „Vermögensberatung“ einem ordentlichen Beruf nachgehen, zweifelte die Kammer ebenfalls an: „Vielleicht keine besonders gute Idee von Ihnen.“ 

K. ist bereits vorbestraft

Die Richter folgen in ihrem Urteil dem Plädoyer von Staatsanwalt Markus Jung, der eine Freiheitsstrafe von drei Jahren beantragt hatte. Der Verteidiger von K. hatte dagegen eine geringere Gesamtstrafe und für die Messerstiche einen Freispruch wegen Notwehr gefordert. Dass es schließlich zu der dreijährigen Freiheitsstrafe kommt, liegt vor allem an der Vorverurteilung durch das Amtsgericht Hanau. 

K. ist bereits im Juli 2019 wegen Drogenhandels zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Hinzu kommt noch ein Strafbefehl, weil der 28-Jährige versucht haben soll, einen Drogenfahnder zu nötigen. Die komplette Freiheitsstrafe wird K. nicht absitzen müssen, weil ihm das Gericht drei Monate erlassen hat. Das, so die Landgerichtspräsidentin, habe mit der ungewöhnlich langen Verfahrensdauer zu tun. „Dafür können Sie nichts. Das hat mit der Belastungssituation der Strafkammer zu tun. Das Verfahren hat ein bisschen zu lange gedauert“, so Wetzel abschließend.

 

Der Fall

9. März 2018: In den Abendstunden kommt es in Wachenbuchen zu einer Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen und Florian K., der drei Kontrahenten mit Pfefferspray und einem Messer schwer verletzt haben soll. 

August 2018: Die Hanauer Kripo lässt F. hochgehen und stellt in dessen Wohnung Cannabis und Waffen sicher. 

Juli 2019: F. wird vom Amtsgericht Hanau zu eineinhalb Jahren Haft wegen Drogenhandel verurteilt. 

23. April 2020: Prozessauftakt. K. wird wegen versuchten Totschlags vor dem Schwurgericht angeklagt. Zahlreiche Zeugen sagen aus und präsentieren sehr unterschiedliche Versionen des Tatablaufs. 

28. April: Der Angeklagte bestätigt, Pfefferspray und Messer eingesetzt zu haben, und präsentiert seine Version, die er als Notwehr beschreibt. 

5. Mai: In den Plädoyers fordert die Staatsanwaltschaft drei Jahre Haft, die Verteidigung eine Bewährungsstrafe. 

7. Mai: Der 28-Jährige wird wegen gefährlicher Körperverletzung in vier Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.

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