Das Landgericht in Hanau. Foto: David Kirchgeßner

Hanau/Maintal

Mammutprozess um Menschenhandel: Verfahren beginnt nächste Woche

Hanau/Maintal. Menschenhandel, Einschleusung, Zwangsprostitution, Zuhälterei, Ausbeutung und Steuerhinterziehung – die Liste der vorgeworfenen Verbrechen ist sehr lang. Vor dem Hanauer Landgericht beginnt in der kommenden Woche das Verfahren gegen führende Mitglieder der „Thailand-Connection“.

Von Thorsten Becker

Vier thailändische Frauen und ein deutscher Mann im Alter zwischen 49 und 64 Jahren müssen sich dann vor der 5. Großen Wirtschaftsstrafkammer verantworten. Sie sollen laut Anklage die Drahtzieher in Maintal gewesen sein. Vor mehr als einem Jahr hatte die Polizei bundesweit zugeschlagen: Rund 1500 Polizisten, darunter mehrere Spezialeinheiten sowie zahlreiche Zollbeamte hatten bei einer Großrazzia am frühen Morgen des 18. April 2018 die organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu unter die Lupe genommen.

Ein Großaufgebot durchsuchte auch im Maintaler Westend ein Bordell. Dabei stellten die Beamten zahlreiches Beweismaterial wie Computer oder Festplatten sicher. Insgesamt wurden in zwölf Bundesländern 62 Objekte ins Visier genommen. Die Staatsanwaltschaft Hanau ist sogar der Initiator der Großrazzia gewesen. Denn die Ermittler hatten bereits ein Jahr zuvor einen Anfangsverdacht, dass es sich um ein größeres Netzwerk handeln könnte.

Drahtzieher der „Thailand-Connection“ in Untersuchungshaft

Bei einer Durchsuchung in Maintal im Februar 2017 wurde festgestellt, dass sich zahlreiche Thailänderinnen illegal in Deutschland aufhielten. So wurde aus dem Hanauer Ermittlungsverfahren ein bundesweiter Fall, der von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt übernommen wurde.

Wie ein Gerichtssprecher auf Anfrage bestätigte, sitzen die fünf Angeklagten bereits seit über einem Jahr in Untersuchungshaft. Die mutmaßlichen Drahtzieher der „Thailand-Connection“ sollen sich nun ab Dienstag nächster Woche verantworten.

Dass es ein Mammutverfahren geben dürfte, ist ziemlich sicher: Insgesamt listet die Anklage 343 Straftaten auf, darunter 39 Fälle von Einschleusung. Neben Frauen sollen auch mehrere Transsexuelle in dem Maintaler Bordell zur Prostitution gezwungen worden sein.

Nach Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft, die auch vor dem Hanauer Landgericht die Anklage vertreten wird, seien Transsexuelle mit hohen Verdienstmöglichkeiten als Prostituierte nach Deutschland gelockt und systematisch ausgebeutet worden. Doch das ist noch nicht alles: Die Generalstaatsanwaltschaft hat weitere schwere Geschütze aufgefahren und ebenso schwere Wirtschaftsstraftaten angeklagt. So geht es um das Vorenthalten und die Veruntreuung von Arbeitsentgelt, Sozialbeiträgen sowie Steuerhinterziehung in Höhe von insgesamt rund 1,4 Millionen Euro.

Diplomaten sollen Prozess verfolgen

Allein ein Blick auf das Papier zeigt, dass es ein langes Verfahren werden dürfte. So umfasst die Anklageschrift fast 80 Seiten, die komplette Akte, die der Kammer vorgelegt wurde, befindet sich in rund 140 Ordnern. Die 5. Große Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Andreas Weiß hat bereits 42 Verhandlungstage anberaumt. Von Dienstag an soll bis kurz vor Weihnachten ‧verhandelt werden. Im Gerichtssaal könnte es recht eng werden, denn die fünf Angeklagten haben insgesamt zehn Verteidiger. Damit der Prozess nicht platzt, hat das Gericht neben zwei regulären auch zwei Ersatzschöffen bestellt.

Ziemlich sicher ist, dass das Landgericht zudem „hohen Besuch“ in den Zuschauerreihen bekommen wird. Nach Informationen dieser Zeitung werden auch Diplomaten des Königlich-Thailändischen Generalkonsulats den Prozess verfolgen. Allerdings wohl nicht nur, weil es um die Interessen der angeklagten Thailänder geht. Bereits vor wenigen Wochen hatten Konsulatsmitarbeiter einen Prozess vor dem Landgericht Baden-Baden verfolgt und die Informationen an die Behörden in Bangkok weitergegeben.

Thailand will kooperieren

Wie das „Badische Tagblatt“ berichtet, sollen diese Informationen genutzt werden, um Ausbeutung zu verhindern. Von thailändischer Seite wurde dabei betont, dass „in vollem Umfang mit deutschen Behörden gegen jeglichen Menschenhandel zwischen beiden Staaten“ kooperiert werden soll.

In dem Prozess in Baden-Baden, der ebenfalls als Konsequenz der Großrazzia im April vergangenen Jahres geführt wurde, ging es um zwei Thai-Bordelle in Rastatt. Die Hauptangeklagte wurde wegen Menschenhandels zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Der auf 42 Verhandlungstage terminierte Prozess beginnt vor der 5. Großen Wirtschaftsstrafkammer am Dienstag, 21. Mai, um 9 Uhr im Saal A 216 des Hanauer Landgerichts.

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