Hat vor fünf Jahren die Maintaler Ökosophen ins Leben gerufen: Rolf-Dewet Klar. Er kritisiert das stetige Wachstum auch in Maintal und sorgt sich um die Kultur.
+
Hat vor fünf Jahren die Maintaler Ökosophen ins Leben gerufen: Rolf-Dewet Klar. Er kritisiert das stetige Wachstum auch in Maintal und sorgt sich um die Kultur.

Unbequeme Fragen stellen

Maintaler Ökosophen feiern fünfjähriges Bestehen - Stopp des Wachstums gefordert

  • VonBettina Merkelbach
    schließen

Maintal – Die Frankfurter Schule von Horkheimer, Adorno und Habermas dürfte vielen, die sich mit Philosophie und Sozialwissenschaften beschäftigen, ein Begriff sein – die Maintaler Schule kennen dagegen wohl nur wenige.

Unter diesem Namen versammeln sich seit fünf Jahren philosophisch Interessierte rund um den Gründer Rolf-Dewet Klar. Am vergangenen Samstag hat die Schule der sogenannten Ökosophie – einer Zusammensetzung aus Philosophie und Ökologie – im Garten von Familie Klar in Bischofsheim den fünften Jahrestag ihrer Gründung gefeiert. Kernpunkt der philosophischen Richtung, die in Deutschland bislang eher unbekannt ist und sich als Avantgarde versteht, ist die Kritik am Wachstum des Kapitalismus.

„Wir kritisieren die uferlose Ausbreitung der Megastädte und das krankhafte Wachstum, mit dem wir die gesamte Oberfläche des Planeten ramponieren“, bringt Klar die Kapitalismuskritik auf den Punkt.

Ökosoph fordert: Wachstum stoppen und Kultur wiederbeleben

Er beschäftigt sich zeitlebens philosophisch, ist viel gereist und hat die Welt durchradelt. Aufs Autofahren verzichtet der 83-Jährige der Umwelt zuliebe. Die zunehmende Anzahl der Autos ist Klar ohnehin ein Dorn im Auge: Jeder Zweite besitze und fahre ein Auto, was sich alleine in Maintal zu einer Zahl von über 20 000 Fahrzeugen summiere. Die Frage, was aus seiner Wahlheimat wird, stehe oft im Mittelpunkt seiner Überlegungen. „Maintal stirbt und wird zur nichtssagenden Vorstadt Frankfurts“, prophezeit Klar.

„Die Landwirtschaft ist fast vollständig verschwunden, es gibt keine Kultur mehr, keine Kneipen. Trotzdem wird weiter gebaut, gebaut, gebaut.“ Die aktuelle Pandemie sieht er als Folge des Industriesystems. „Es ist ein Ungleichgewicht zwischen Mirko- und Makroebene entstanden. Das wird bestraft“, sagt Klar. „Wir brauchen eine neue Lebensweise ohne Überproduktion. Doch damit stehen wir Ökosophen im Konflikt mit der Mehrheit der Gesellschaft.“ Seine Forderung: „Wir müssen das Wachstum stoppen und die Kultur wiederbeleben.“

Gründer der Ökosophen von der Lokalpolitik enttäuscht

Der Bischofsheimer war auch lokalpolitisch aktiv, zunächst bei den Grünen, dann als Mitbegründer der Wahlalternative Maintal (WAM), für die er in den ehrenamtlichen Magistrat gewählt wurde. „Mich hat die Entwicklung der Grünen enttäuscht, vor allem die Spaltung in ‘Fundis’ und ‘Realos’. Ich wollte was Neues anfangen“, sagt Klar heute. In der Maintaler Politikszene bestens vernetzt, sind die Ökosophen auch Anziehungspunkt für einige Fraktionsmitglieder, die wie Gerd Robanus (WAM), Christian Wolf (WAM) und Klaus Gerhard (FDP) philosophische und ökologische Themen diskutieren. Hier ist jeder willkommen, der mitreden möchte.

Dabei sind die Ökosophen weder dogmatisch noch missionarisch. In unregelmäßigen Abständen treffen sich anlassbezogen Gleichgesinnte und arbeiten seit ihrer Gründung vor fünf Jahren an einem „Fließmanifest“, in dem sie ihre zentralen Einstellungen festhalten und im Lauf der Zeit weiterentwickeln. „Rund 190-mal haben wir uns zusammengefunden, mal sind wir 20, mal zehn, mal drei“, erzählt Rolf-Dewet Klar, der sich mittlerweile aus der Politik wieder zurückgezogen hat. „Ich bin kein Kommunalpolitiker“, sagt er und sieht seine Stärke in der Analyse und der Diskussion philosophischer Fragen.

„Stellen Fragen, die keiner hören will“

Die Ökosophen verstehen sich als Freidenker. Philosophische Vorbilder gibt es nicht viele. „Die ökosophische Frage ist neu und philosophisch noch kaum behandelt“, erklärt Klar, der sich als Pionier und Schöpfer des Begriffs Ökosophie sieht. Wenn er seine Ideen und Impulse in Diskussionen einbringe, werde er oft belächelt und als Fantast bezeichnet. Doch bei den Teilnehmern der Treffen überwiege die Neugier. „Wir machen auf unangenehme Themen aufmerksam und stellen Fragen, die keiner hören will“, ist seine Devise für die Zukunft. (Von Bettina Merkelbach)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema