„Das Kokain ist der entscheidende Faktor“: Der psychiatrische Gutachter macht den Drogenmissbrauch für die Schüsse an der Berliner Straße mitverantwortlich. Symbolfoto: David Ebener/dpa
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„Das Kokain ist der entscheidende Faktor“: Der psychiatrische Gutachter macht den Drogenmissbrauch für die Schüsse an der Berliner Straße mitverantwortlich. Symbolfoto: David Ebener/dpa

„Das war eine toxische Beziehung“

Gutachter macht klare Aussage im Prozess um Kopfschuss in Maintal

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Bei der Suche nach den Hintergründen für die Schüsse auf eine 26-jährige Frau an der Berliner Straße ist die Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht am Donnerstag einen entscheidenden Schritt weitergekommen.

Maintal/Hanau - Dafür sorgt an diesem Tag Dr. Jürgen Wettig, der psychiatrisch-forensische Experte, der sein Gutachten erstattet und damit verdeutlicht, welche schlimmen Folgen der Drogenmissbrauch haben kann. Wettig sieht den Drogenkonsum des Paars als Hauptursache für die brutale Tat in der Nacht zum 2. September 2019 in Dörnigheim, die er „eindeutig als Beziehungstat“ einstuft.

Kokain hat das Wesen verändert

„Das Kokain ist der entscheidende Faktor“, so der Oberarzt der Vitos-Klinik im Rheingau. Er beschreibt den Angeklagten Afewerki W. (37), den er eingehend untersucht hat, als eher zurückhaltenden, freundlichen und aufgeschlossenen Mann einstuft, der als Energieelektroniker und Industriearbeiter früher ein ordentliches Leben geführt habe. Das ist keineswegs nur die Einschätzung des erfahrenen Neurologen und Psychiaters. Mehrere Zeugen, darunter ehemalige Mannschaftskameraden aus dem Fußballverein, haben den Angeklagten als friedfertig charakterisiert: „Er konnte keiner Fliege etwas zuleide tun“ (wir berichteten).

Doch die Zeugen haben auch beobachtet, dass sich W. in den Monaten vor der Tat verändert habe. Könnten die Drogen die Ursache gewesen sein? Dr. Wettig ist sich in diesem Punkt sehr sicher: „Der Angeklagte ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie sich ein Mensch unter Kokaineinfluss verändert.“ Bei dem gefährlichen weißen Pulver handele es sich um eine „stark abhängig machende Droge“, die Reize verstärke.

„An die Beziehung geklammert“

Auf der anderen Seite habe auch die Beziehung des Paars eine wichtige Rolle gespielt. Die 26-Jährige habe die Partnerschaft eher dominiert und sogar das Geld von W. verwaltet. „Da haben sich zwei gefunden, die Spaß an der Droge hatten“, sagt Wettig. Zunächst sei eine Gewaltbereitschaft nicht vorhanden gewesen. Doch dann habe sich das Blatt gewendet. Als aus trauter Zweisamkeit mit Drogen und Sex schließlich eine On-off-Beziehung wurde, sei W. damit nicht klar gekommen. Der Rauswurf aus der Wohnung habe ihn gekränkt. „Er hat sich an die Beziehung geklammert.“

Dadurch habe an diesem Abend eine Kombination aus Sucht und Affektstörung zu der Tat geführt, als W. ein Telefonat eines vermeintlichen Nebenbuhlers mit der Frau bemerkt habe. „Dann nahmen die Dinge ihren Lauf“, sagt Wettig, der davon ausgeht, dass W. den anderen Mann zur Rede stellen will und auf dem Weg von einer 24-Stunden-Bar am Opel-Eck zur Berliner Straße zunächst auf seine Freundin schießt. Das Verhalten nach der Tat sei jedoch „sehr sprunghaft“. W. liefert die bislang verschwundene Tatwaffe bei einem stadtbekannten Drogendealer ab, lässt sich Geld geben und kehrt in die Bar zurück, um an einem Spielautomaten zu zocken. Dies alles seien starke Indizien dafür, dass W. unter dem Einfluss der Drogen gehandelt habe, die auch in seinem Blut festgestellt worden waren.

Gutachter empfiehlt Drogenenzug

Für den Gutachter steht daher fest: „Das war eine toxische Beziehung.“ Er stuft W. zum Zeitpunkt der Tat als vermindert schuldfähig ein und empfiehlt dem Gericht, den Angeklagten – abgesehen von einer Freiheitsstrafe – in den Maßregelvollzug einzuweisen. Eine Drogentherapie sei erfolgversprechend, so der Gutachter. „Er erfüllt alle Kriterien, die das Gesetz verlangt“, ist sich Wettig sicher, „wenn er weiter Kokain konsumiert, besteht die Gefahr, dass er wieder Straftaten begeht.“

Projektil bleibt im Schädel stecken

Zuvor benennt Gerichtsmediziner Dr. Mattias Kettner die Fakten, dass W. während der Tat definitiv unter Drogeneinfluss gestanden habe. Er hat auch die Auswirkungen des Kopfschusses untersucht, den die 26-Jährige erlitten hatte. Das Projektil war im Schädel steckengebleiben, ohne jedoch bleibende Schäden zu verursachen. Im konkreten Fall habe keine akute Lebensgefahr bestanden, attestiert Kettner. Allerdings sei die Kugel, die mit 100 Metern pro Sekunde aufgeprallt sei, „potenziell lebensgefährlich“. Der Prozess wird am Dienstag, 9. März, fortgesetzt. (Von Thorsten Becker)

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