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Maintaler in aller Welt: Vanessa zur Lienen studiert in Jyväskylä

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Atemberaubende Kulisse: Bei ihrem Masterstudium an der Universität im mittelfinnischen Jyväskylä ist die Maintalerin Vanessa zur Lienen nicht weit von den Nordlichtern entfernt. Schon immer ist die 25-Jährige fasziniert von dem skandinavischen Land. Foto: Jaakko Pylkkö (PRIVAT)
Atemberaubende Kulisse: Bei ihrem Masterstudium an der Universität im mittelfinnischen Jyväskylä ist die Maintalerin Vanessa zur Lienen nicht weit von den Nordlichtern entfernt. Schon immer ist die 25-Jährige fasziniert von dem skandinavischen Land. Foto: Jaakko Pylkkö (PRIVAT)

Maintal. Schon lange begeistert sich die 25-jährige Maintalerin Vanessa zur Lienen für Finnland. Nachdem sie bereits ein Auslandssemester dort absolvierte, legt sie nun ihren Master komplett im finnischen Jyväskylä ab. Wir haben mit ihr über das Leben dort, ihre Erfahrungen und ihre Begeisterung für dieses Land gesprochen.

Woher kommt deine Begeisterung für Finnland?Mit sechs Jahren habe ich mich in Ville Valo von der Band HIM verknallt. Ich habe dann gemerkt, dass da mehr gute Bands aus Finnland kommen, weshalb ich begonnen habe, mich damit zu beschäftigen. Auch in der Schule war ich bekannt dafür, dass ich voll auf Finnland abfahre.

Du machst deinen Master in Finnland. Wie kam es dazu?Ich habe in Göttingen Finnougristik, auch finnisch-ugrische Philologie, und Kulturanthropologie und europäische Ethnologie studiert. Im Herbst 2016 habe ich dann ein Auslandssemsester in Jyväskylä gemacht. Ein paar Monate nach meinem Aufenthalt dort bekam ich dann eine Mail von der Uni mit dem Hinweis auf Masterstudiengänge. Ich habe mich dann für „Intercultual Communication“ entschieden.

Wieso Intercultual Communication?Ich dachte „Warum eigentlich nicht?“. Ich wollte die Sprache weiter studieren, aber in Deutschland ist das nicht so häufig vertreten. Und im Masterstudium muss man sich ja auf eine Sache konzentrieren. Das wollte ich bei Finnisch jetzt nicht unbedingt machen, da ich das für die Zukunft nicht für so gut halte. Intercultural Communication verbindet alles, was ich vorher gemacht habe und es macht beruflich mehr Sinn. Zudem kann ich in Finnland trotzdem meine Sprachkenntnisse verbessern.

Was ist Finnougristik genau?​Finnougristik kann man als Linguistik sehen, wie Germanistik oder Skandinavistik nur mit einer anderen Sprachfamilie. Diese beinhaltet Finnisch, Ungarisch, Estnisch und so kleinere andere Sprachen, die unter anderem im Baltikum und Russland vorkommen.

Wolltest du das schon immer studieren?Also nach dem Abitur begann ich zunächst BWL in Marburg zu studieren. Da mir Mathe aber nicht so liegt, habe ich das dann doch abgebrochen. Nach einem Jahr Pause bin ich nach Göttingen, wo ich mit dem Studium im Herbst 2014 begonnen habe.

Wieso hast du ein Jahr Pause gemacht?Die Pause hatte mehrere Gründe. Zumindest konnte ich die Zeit nutzen, um mir genau zu überlegen, was ich genau machen will. In dieser Zeit habe ich gejobbt. Außerdem konnte ich die Zeit zum Reisen nutzten. Nach Finnland selbst bin ich dann zufällig durch das Online-Spiel „League of Legends“ gekommen. Weil alle anderen Nicknamen schon vergeben waren, habe ich halt einen finnischen Namen verwendet. Relativ schnell wurde ich dann auf Finnisch angeschrieben. Durch Zufall bin ich dann in so eine finnische Spielergruppe reingerutscht. Und dann im Januar 2014 spontan einfach mal nach Finnland geflogen, um die zu besuchen. Das war das Beste, was mir hätte passieren können.

Wieso war das das Beste, was dir hätte passieren können?Wegen der Mutter des einen Freundes, den ich besucht hatte. Sie sprach praktischerweise fließend Deutsch. Innerhalb der letzten Jahre hat es sich so entwickelt, dass sie so etwas wie meine finnische Mama geworden ist. Sie ist immer für mich da. Hilft mir Kontakte zu knüpfen oder steht immer für Fragen zur Verfügung. Ich habe auch schon mehr als einmal Weihnachten dort gefeiert oder die Familie besucht, obwohl mein Kumpel gar nicht da war. Die Mutter hat mich auch schon einmal hier besucht und sich mit meiner Oma angefreundet. Die schreiben heute noch viel auf WhatsApp. Irgendwie ist das eine merkwürdige Konstellation.

Was sind denn Dinge, die dir in Finnland aufgefallen sind?Die Preise sind ein großer Unterschied. Ich kann mir kaum vorstellen, wie manche Studenten in Finnland dauernd betrunken sein können, bei den Preisen. Für eine Flasche Jägermeister zahlt man dort beispielsweise um die 40 Euro. Aber irgendwie schaffen die das trotzdem. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Menschen dort allgemein besser mit der Natur umgehen.

Und im alltäglichen Leben?Bargeldloses Bezahlen ist sehr stark verbreitet. Das ist für mich etwas umständlich. Wie viele andere Deutsche auch, bin ich eher ein Freund von Bargeld. Das fühlt sich irgendwie sicher an.

Hattest du während des Studiums irgendwelche Probleme?Probleme gab es während des Auslandssemesters nur wegen ungarisch. In meinem Studium musste ich die Sprache über zwei Semester belegen. Und während meiner Zeit in Finnland wäre das erste Semester gewesen. Normalerweise wurde auch immer ein Ungarischkurs angeboten, nur ausgerechnet in der Zeit, in der ich dort war, nicht. Also musste ich mir Ungarisch selbst aus dem Lehrbuch beibringen und, als ich zurück war, einen Test schreiben, dass ich den Ansprüchen genüge. Sonst hätte sich mein Studium verzögert. Aber ich habe bestanden.

Wie reagieren die Finnen auf Fremde?Die Finnen sind immer sehr irritiert, dass sich jemand für ihr Land interessiert. Besonders irritiert sind sie, wenn man dann etwas auf Finnisch sagt. Die Finnen denken eher in die Richtung „Wieso sollte jemand finnisch lernen wollen? Es gibt doch nur so wenige Finnen und die können alle Englisch.“

Hast du ein besonderes Erlebnis, von dem du erzählen kannst?Ja, erst letzte Woche wurde ich von Finnen angesprochen „Findest du Marienhof [die Fernsehserie] gut?“. Ich war völlig irritiert. Das ist bei uns ja schon seit Jahren abgesetzt. Und dann fangen die an das Titellied zu singen und zu erzählen, dass sie voll auf Frank Töppers abfahren.

War die Entscheidung schwer jetzt für längere Zeit da zu bleiben?Ich hatte immer den Wunsch nach Finnland zu ziehen. Daher kam mir das Angebot der Uni schon sehr gelegen. Außerdem war ich gerade in der Phase, in der ich nicht wusste, was ich nach meinem Bachelorstudium machen wollte. Wenn ich nicht nach Finnland gegangen wäre, bin ich mir sicher, dass ich nicht direkt meinen Master angefangen hätte. Aber es gab nichts, was mich hätte zweifeln lassen.

Man sagt, dass Studenten in Finnland vom Staat Geld bekommen. Stimmt das?Ja, das ist richtig. Und im Gegensatz zum Bafög in Deutschland muss das Geld auch nicht zurückgezahlt werden. Jeder bekommt hierbei die gleiche Summe, es sind jedoch noch Zuschüsse für Mietkompensation möglich.

Gilt das für jeden Studenten?Für Austauschstudenten gibt es diese Unterstützung nicht, da man dafür im Sozialsystem registriert sein muss. Wenn man länger dortbleibt, registriert ist und eine Identifikationsnummer erhalten hat, reicht das jedoch auch noch nicht aus. Die genauen Voraussetzungen kenne ich noch nicht.

Was ist das Besondere an dieser Identifikationsnummer?Man hat seine Sozialnummer und mit der kann man sich überall identifizieren. Selbst auf Behörden reichen diese Nummer und eine Bankverbindung. Mehr brauchst du einfach nicht. Auch, wenn du irgendwo anrufst; du gibst deine Nummer an und dann wissen die alles, was sie wissen müssen.

Ist das nicht datenschutztechnisch bedenklich?Datenschutz ist schon gegeben. Man darf sie halt nur niemand Unbefugten weitergeben. Die Nummer besteht aus deinem Geburtsdatum, drei weiteren Zahlen und einem Buchstaben. Die muss man einfach wissen und nicht weitergeben.

Gibt es denn etwas, das du vermisst, wenn du in Finnland bist?Meine Badewanne (lacht). Spaß beiseite: Die haben da nur diesen megasüßen Cider. Daher erzähle ich immer allen von dem leckeren, hessischen Apfelwein.

Das Interview führte Jan Max Gepperth.

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