Mehr Zusammenarbeit: Anahit Schäfer (FDP) möchte über Parteigrenzen hinweg agieren.
+
Mehr Zusammenarbeit: Anahit Schäfer (FDP) möchte über Parteigrenzen hinweg agieren.

Frauen in der Maintaler Politik

„Wir Frauen haben keine Lobby“: Anahit Schäfer (FDP) will parteienübergreifend arbeiten

  • vonBettina Merkelbach
    schließen

Als ehrenamtliche Stadträtin kennt Anahit Schäfer den Maintaler Politikbetrieb wie ihre Westentasche. Zur kommenden Kommunalwahl am 14. März kandidiert die selbstständige Schneiderin auf Listenplatz vier für die Freien Demokraten, die derzeit vor allem durch ihr Nein zum Neubau des Bischofsheimer Bürgerhauses präsent sind. Ihre Heimatstadt aufzuwerten, Begegnungsorte und Plätze zu schaffen, an denen Familien mit Kindern ebenso wie Jugendliche und ältere Menschen zusammenkommen, spielen, entspannen, miteinander Zeit verbringen, ist Schäfers zentrales politisches Ziel.

Maintal – „Maintal schöner machen“, lautet daher ihr Wahlslogan. Inspirationen hat die 50-jährige gebürtige Armenierin auf vielen Reisen rund um den Globus gesammelt. „Es muss nicht sein, dass Maintaler immer zu Ausflügen nach Frankfurt oder Hanau aufbrechen. Wir können hier vor Ort kleine Attraktionen im Stadtbild etablieren, die man auch auswärtigen Gästen zeigen möchte, ohne dafür riesige Summen zu investieren“, sagt Schäfer. „Das kann zum Beispiel ein Wasserspielplatz am Mainufer sein oder ein Ort, an dem Street-Art-Künstler und Jugendliche kreativ werden können. Kunst zum Anfassen sozusagen.“ Neubauprojekte, für die man solche Plätze mit einplanen kann, gebe es in Maintal mehr als genug.

Dass sie sich hier als ehrenamtliches Magistratsmitglied aktiv mit einbringen kann, betrachtet sie nicht als Selbstverständlichkeit. „In der ehemaligen Sowjetunion, hinter dem Eisernen Vorhang hatten wir kaum Zugang zu politischen Informationen“, berichtet sie aus ihrer Jugend. „Hier habe ich schnell gemerkt, dass Politik ganz anders funktioniert.“

Entscheidung zur FDP erfolgte unabhängig von ihrem Mann

Sie wuchs in einer Provinzstadt in der Nähe der georgischen Grenze auf und begann nach der Schule ein Chemiestudium. In ihrer Freizeit näht sie leidenschaftlich gerne, seit sie ein junges Mädchen war. Als sie ihr Studium Mitte der 1990er Jahre beendete, tobte in ihrem Heimatland der Bergkarabach-Krieg, ein Konflikt mit Aserbaidschan um die Region Bergkarabach im Kaukasus. Jobaussichten als Chemikerin hatte sie keine. Daher machte sie das Hobby zum Beruf. „Mir standen alle Möglichkeiten offen, und es machte mir Spaß“, erzählt sie rückblickend. 2006 kam ein Jobangebot aus Deutschland. Zwei Jahre später kam sie nach Groß-Gerau. Nach Maintal zog sie, als sie den heutigen FDP-Fraktionsvorsitzendem Thomas Schäfer heiratete. Die beiden haben eine zehnjährige Tochter. Derzeit lernen und arbeiten alle drei zuhause. Anahit Schäfer hat ihr eigenes Modeatelier, ihr Geschäft läuft trotz Lockdown gut.

Für die FDP hat sie sich jedoch unabhängig von der Parteizugehörigkeit ihres Mannes entschieden, sagt sie. Mit der damals wenige Monaten alten Tochter begleitete sie Thomas Schäfer zum FDP-Bundesparteitag, ihr politisches Interesse wuchs. „Ich habe mir die Wahlprogramme einiger Parteien genau angeschaut – und mich vor allem auch als Geschäftsfrau mit der FDP am stärksten identifiziert.“

Schäfer fordert eine politische Plattform, um Frauen zusammenzubringen

Seit 2014 ist sie deutsche Staatsbürgerin und kann sowohl selbst wählen als auch gewählt werden. Bei der vergangenen Kommunalwahl wurde die Frage an sie herangetragen, ob sie das Amt der ehrenamtlichen Stadträtin übernehmen wolle. Sie willigte ein und ist seitdem Mitglied des Magistrats, der neben der hauptamtlichen Bürgermeisterin und dem Ersten Stadtrat aus acht ehrenamtlichen Stadträtinnen und Stadträten besteht – ein Amt, das sie gerne ausübt, weil sie im Vorfeld der Entscheidungen des Stadtparlaments entscheidende Arbeit leisten kann. Mittlerweile ist die Politik neben der Schneiderei zu ihrer zweiten Leidenschaft geworden. „Das politische Engagement eröffnet mir die Möglichkeit, mit anderen zusammen Probleme zu lösen“, bringt sie ihre Motivation auf den Punkt.

Warum hier nicht mehr Frauen aktiv mitmischen, versteht sie nicht. „Wir Frauen haben keine Lobby“, ist ein Erklärungsversuch. Gerade jungen Frauen fehle neben Familie und Beruf oft die Zeit, vor allem, solange die Kinder noch klein sind. „Was wir in Maintal außerdem brauchen, ist eine politische Plattform, die Frauen aus verschiedenen Fraktionen und Parteien zusammenbringt“, nimmt Schäfer sich vor. (Von Bettina Merkelbach)

Das könnte Sie auch interessieren