Tat 2017, Prozess 2021: Vier Angeklagte haben vom späten Prozessbeginn profitiert.
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Tat 2017, Prozess 2021: Vier Angeklagte haben vom späten Prozessbeginn profitiert.

Haftstrafen für vier Angeklagte

Urteil im Prozess um Raub und Entführung in Maintal: Spätes Verfahren ein Glück für die Täter

  • Michael Bellack
    vonMichael Bellack
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Die Mühlen der Justiz mahlen bekanntlich länger. Manchmal mahlen sie zu lange, das weiß auch Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel, als sie in Saal 216 des Landgerichts Hanau das Urteil verliest. Ein Urteil, in dem die Angeklagten wohl verhältnismäßig glimpflich davonkommen.

Maintal/Hanau – „Ich ärgere mich darüber“, macht Wetzel deutlich. „Es ist nicht in Ordnung, dass ein Verfahren über drei Jahre dauert.“ Die vier Angeklagten dürften das anders sehen. Schließlich wirkt sich die überlange Verfahrensdauer zu ihren Gunsten aus. Das hat zum einen rechtliche Gründe, zum anderen hat aber auch das Quartett seinen Beitrag geleistet.

Die Zeit zwischen der Tat im Juli 2017 und dem Verfahren, das Anfang dieser Woche begonnen hat, haben die Angeklagten genutzt. Sie sind nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und haben für sich bessere berufliche Perspektiven geschafften. Sie haben ihr in unruhigen Bahnen verlaufenes Leben umgekrempelt, beschlossen, dass es so nicht weitergeht. Eine Chance, die sie nicht gehabt hätten, hätte der Prozess schon kurz nach der Tat begonnen. Das macht auch Wetzel deutlich: „Hätten wir hier 2018 gesessen, hätte es gerauscht“, sagt sie und führt den Angeklagten das mögliche Strafmaß vor Augen: „Deutlich über fünf Jahre.“

Stattdessen verkündet Wetzel für die vier Angeklagten Freiheitsstrafen in Höhe von zwei Jahren und acht Monaten, zweimal drei Jahren und einmal drei Jahren und zwei Monaten. Neun Monate davon – auch das ist der langen Verfahrensdauer geschuldet – werden bereits als vollstreckt gewertet. Für die zugrundegelegten Tatbestände des erpresserischen Menschenraubs und des schweren Raubs sieht das Gesetz einen Strafrahmen zwischen fünf und 15 Jahren vor, jedoch wertet das Gericht die Tat als minderschweren Fall. Auch das wäre in den Jahren zuvor wohl nicht so gewesen.

Mit zwei Jahren und acht Monaten kommt der Maintaler Ö., laut Wetzel der „Spiritus Rector“, also die treibende Kraft hinter der Aktion, noch am besten davon. Mit seiner Zahlung an das Opfer habe er den materiellen Schaden wieder gutgemacht, Täter-Opfer-Ausgleich nennt man das. Zudem befindet er sich in einem festen Arbeitsverhältnis, als einziger der vier Angeklagten saß er in U-Haft und musste eine Zeit lang eine Fußfessel tragen. An alle Auflagen hat er sich tadellos gehalten. Das wertet das Gericht strafmindernd.

Alle vier Verteidiger hatten auf Freiheitsstrafen von maximal zwei Jahren plädiert, die zur Bewährung ausgesetzt hätten werden können. Das jedoch hätte Wetzel nicht für vertretbar gehalten. „Der Strafanspruch gerät hier in Schieflage zugunsten der Angeklagten“, so die Landgerichtspräsidentin.

Denn trotz all der bürokratischen Verzögerungen gilt es die schwere des Verbrechens zu beachten. Zum Nachteil der Angeklagten hat die Kammer unter anderem die brutale Vorgehensweise der Täter gewertet, auch die heftige verbale Aggression. „Wir schlachten dich ab“, hatte der Fahrer M. dem Opfer gedroht. Dazu fand Wetzel deutliche Worte: „Das steht auf der untersten Stufe, das geht gegen die Menschenwürde und ist eine andere Dimension.“

Auch die von den Verteidigern angeführte „kurze Bemächtigungsdauer“ ließ Wetzel nicht gelten. Das Opfer wurde mindestens 45 Minuten lang im Auto festgehalten, dabei wurde ihm ein Messer an den Hals gedrückt, er wurde permanent bedroht. Die Bezeichnung „kurz“, sei daher in Relation zu sehen. „45 Minuten Todesangst sind verdammt lange“, betonte Wetzel. Zum Glück für die Angeklagten hat sich das Opfer, das schon zuvor unter Panikattacken litt, mittlerweile von dem Vorfall erholt. Dennoch hat das Opfer dafür fast zwei Jahre gebraucht. Vor einem oder zwei Jahren hätte die Aussage des Opfers die Angeklagten vermutlich tiefer in den Schlamassel gerissen.

Dass die Täter umfassenden Geständnisse abgelegt und ehrliche Reue gezeigt haben, ist ein weitere positiver Aspekt. So gibt Wetzel den vier Männern eine optimistische Prognose mit auf den Weg, macht sie unter anderem auf die Möglichkeiten des offenen Vollzugs und der Haftverkürzung aufmerksam. Dafür hat sie sogar Kontakt zur JVA Frankfurt aufgenommen, wie sie erklärt. Sie bietet außerdem, das geht weit über ihre beruflichen Verpflichtungen hinaus, auch weitere Kontaktvermittlung an. Ein Angebot, das sie im Jahr 2018 mit Sicherheit nicht gemacht hätte. (Von Michael Bellack)

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