Der Bauplan der jüdischen Schule wurde im Juni 1882 gezeichnet.
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Der Bauplan der jüdischen Schule wurde im Juni 1882 gezeichnet.

Geschichte

Sensationsfund in Wachenbuchen: Bauplan von 1938 zerstörter jüdischer Schule aufgetaucht

  • vonBettina Merkelbach
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Ein Ofen, eine Küche, Treppe, Stühle und Tische in Sitzreihen, fast kann man vor dem inneren Auge Schüler dort sitzen und schreiben sehen. „Die Details sind erstaunlich“, sagt Herbert Begemann mit Blick auf die vor ihm liegende Zeichnung. Was er vor sich hat, ist nichts weniger als ein Sensationsfund. Genauer gesagt die Kopie eines solchen. Denn von dem Gebäude, das der Plan so detailgetreu abbildet, gab es bislang keinen historischen Beweis, dass es tatsächlich existierte, kein Foto, keine zeichnerische Abbildung. Jetzt, ziemlich genau 82 Jahre nach ihrer Zerstörung durch die Nationalsozialisten am 9. und 10. November 1938, ist erstmals ein Plan der Israelitischen Schule Wachenbuchen aufgetaucht.

Maintal – Gefunden hat diesen Plan der Historiker Dr. Wolfgang Fritzsche aus Gustavsburg, der aktuell zu Juden im Main-Kinzig-Kreis forscht und sich mit dem Fundstück beim Brüder-Schönfeld-Forum meldete. Der Maintaler Verein, den es seit 2009 gibt, fördert das Andenken an Verfolgte, vom allem in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft, und hat die Biografien vieler Maintaler Juden rekonstruiert.

Gezeichnet wurde der Plan im Juni 1882, als die ursprünglich einstöckige Schule, die an der früheren Hauptstraße – heute Alt Wachenbuchen – stand, um eine Lehrerwohnung im zweiten Stockwerk erweitert werden sollte. „In der rechten unteren Ecke steht die Baugenehmigung für den Ausbau“, erklärt Herbert Begemann, Vorsitzender des Maintaler Vereins Brüder-Schönfeld-Forum. Ursprünglich erbaut wurde das Schulhaus 1850 bis 1852.

„Das Tolle an dem Plan ist, dass er nicht nur zeigt, was zusätzlich gebaut wurde, sondern auch den Zustand davor. Man sieht also genauso, wie das Gebäude vor 1882 ausgesehen hat“, so Begemann. „Das ist schon ein sensationeller Fund, der all das beantwortet, was wir bislang nicht wussten. Etwas Vergleichbares haben wir bislang nicht ausgehoben.“ Und das obwohl er seit vielen Jahren in Archiven forscht und selbst den Plan des nicht realisierten Ausbaus der Synagoge aufgespürt hat.

Gebäude wurde im Zeitraum vom 8. bis 10. November 1938 verwüstet und vollständig zerstört

Besonders interessant sei die Lage des Frauenbads, der sogenannten Mikwe, die nicht in oder bei der Synagoge, sondern im Schulhaus untergebracht war. „Wegen ihrer Lage in der Tiefe des Grundwasserspiegels muss man davon ausgehen, dass wesentliche Teile noch im Boden erhalten sind“, sagt Begemann, der sich seit vielen Jahren für die Erinnerungskultur in Maintal einsetzt. Der Original-Bauplan ist im DIN-A2-Format und befindet sich derzeit noch im Landesarchiv Marburg, soll aber ins Stadtarchiv Maintal umziehen, wo er der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Herbert Begemann und sein Verein fördern seit 2009 das Andenken an Verfolgte.

Das Schulgebäude wurde am 8., 9. und 10. November 1938 verwüstet und dem Erdboden gleich gemacht. Schon am Vortag der Novemberpogrome, bei denen Juden in ganz Deutschland und Österreich Opfer von Gewalt und Zerstörung wurden, hatten örtliche SA-Männer und deren Helfer die Inneneinrichtung der Synagoge und das Schulhaus vollkommen zerstört. „Mit der Zerstörung wurde auch die Erinnerung an die Schule gelöscht“, bedauert Herbert Begemann. „Es gibt ein einziges Schwarz-Weiß-Bild aus der Luft, das ein Gebäude mitten auf der Straße erahnen lässt. Sonst gibt es kein Zeugnis darüber, wie das Schulhaus aussah – bis auf diesen Plan jetzt.“

Der jüdische Lehrer Leo Sonneberg wurde angegriffen, gedemütigt und aus dem Ort vertrieben. Hunderte Schaulustige sahen zu. Während die Synagoge erhalten blieb und während des Kriegs zeitweise als evangelische Kirche diente, die von Bomben zerstört worden war, gab es für das zerstörte Schulhaus bis dato kein Zeitzeugnis. Es wurde wenige Tage nach dem Pogrom vollständig niedergerissen.

Schule befand sich neben der ehemaligen Synagoge

Nach Kriegsende standen 15 Einwohner wegen ihrer Beteiligung vor Gericht. 13 wurden wegen Landfriedensbruch und teilweise auch wegen Körperverletzung zu Haftstrafen verurteilt.

Wo bis vor 82 Jahren die Kinder der jüdischen Wachenbuchener Familien lernten, ist heute der Asphalt der Hainstraße, an der Einmündung zur Straße Alt Wachenbuchen. Die Schule stand neben der ehemaligen Synagoge. Hier in der Hainstraße lebten die meisten jüdischen Bewohner des kleinsten Maintaler Stadtteils. Geschäftsleute, Viehhändler, Metzger. In den Vorkriegsjahren 1937/1938 übersiedelten viele nach Frankfurt, einige emigrierten ins Ausland. Die letzten in Wachenbuchen lebenden Juden verließen ihre Heimat bis zum Sommer 1940. Die meisten der nach Frankfurt übersiedelten Maintaler wurden 1941/1942 ins besetzte Osteuropa, vor allem nach Minsk, deportiert und ermordet. Drei Stolpersteine erinnern in der Hainstraße an den damals vertriebenen Lehrer Leo Sonneberg, seine Frau Hedwig und deren Sohn Paul. Leo und Hedwig Sonneberg starben 1941 im polnischen Ghetto Lodz.

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