Genau erfasst: Die Überwachungskamera der überfallenen Tankstelle hat den Räuber aufgezeichnet. Ein Gutachter hat ein besonderes Merkmal erkannt – das passt aber nicht nur zu dem Angeklagten.
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Genau erfasst: Die Überwachungskamera der überfallenen Tankstelle hat den Räuber aufgezeichnet. Ein Gutachter hat ein besonderes Merkmal erkannt – das passt aber nicht nur zu dem Angeklagten.

Aus dem Gericht

Prozess um Tankstellenüberfall nimmt überraschende Wende

  • Michael Bellack
    vonMichael Bellack
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In den Prozess gegen einen mutmaßlichen Tankstellenräuber aus Maintal kommt neue Bewegung. Ein zuvor als Täter ausgeschlossener Verdächtiger wird noch einmal ganz genau unter die Lupe genommen.

Maintal/Hanau - Das war das Ergebnis des zweiten Tags im Prozess auf die Agip-Tankstelle Am Kreuzstein im Mai 2020, der nach rund anderthalb Stunden bereits beendet war. Ausschlaggebend für die Entscheidung des Gerichts war ein Foto des Verdächtigen, das der ermittelnde Polizeibeamte vorgelegt hatte. Auch wenn das Bild bereits mehrere Jahre alt ist, war auf der Wange des Mannes ein Leberfleck zu erkennen – und dieser könnte neuen Schwung in den Fall bringen.

Denn am ersten Prozesstag hatte ein Gutachter das Muttermal mithilfe der Bilder der Überwachungskamera beim Täter und auch beim Angeklagten Patrick B. ausgemacht. Ein individuelles Merkmal, was den Tatverdacht gegen B. aus Sicht des Gerichts noch einmal erhärtete. Dass jetzt ausgerechnet bei einem vormals Verdächtigen ebenfalls dieses Muttermal erkannt wurde, ist durchaus kurios.

Früherer Verdächtiger sieht Angeklagtem ähnlich

Verdächtigt wurde der Mann von der Polizei bereits nach dem Tankstellenüberfall im Mai 2020. Damals hatten Hinweise aus dem privaten Umfeld zu ihm geführt. Grund dafür ist eine nicht von der Hand zu weisende Ähnlichkeit sowohl mit dem Mann auf den Bildern der Überwachungskamera als auch mit dem Angeklagten.

„Es gibt eine Ähnlichkeit, wegen der Augenpartie haben wir das aber wieder ausgeschlossen“, erklärt der leitende Ermittler. Die Polizei hatte im Zuge der Ermittlungen das Handy von T. überwacht, mögliche Hinweise zu einer Tatbeteiligung ergaben sich jedoch nicht. An den Aufzeichnungen der Telefonüberwachung zeigte sich vor allem Verteidiger Christian Heidrich sehr interessiert. Die rund 400 Seiten werden sich Heidrich sowie das Gericht und die Staatsanwältin Ines Roser noch einmal genau anschauen.

Angeklagter und Verdächtiger wohnten in der Nähe des Tatorts

Auch das Alibi des früheren Verdächtigen kommt auf den Prüfstand. Im Zuge der Ermittlungen wurde ein Arbeitszeitnachweis vorgelegt, vollständig überprüft wurde das jedoch nicht.

Ebenfalls kurios: Sowohl der Angeklagte als auch der Verdächtige haben zum Tatzeitpunkt im näheren Umfeld der überfallenen Tankstelle in Bischofsheim gewohnt. „Wenn also die ersten Streifen vor Ort sind, kann der Täter schon längst daheim sein“, so der Polizeibeamte. Gefahndet wurde nach der Tat auch mit einem Hubschrauber – allerdings ohne Erfolg.

Angeklagtem werden weitere Überfälle vorgeworfen

Das ominöse Muttermal sorgt nun dafür, dass der Prozess nicht mehr wie geplant vor Ostern beendet wird. „Vor einem Urteil müssen wir Alternativtäter tragfähig entlasten“, erklärte der vorsitzende Richter Dr. Sascha Rüppel, „aktuell ist das zu wenig tragfähig.“ Mit Blick auf den Angeklagten B. fügte er hinzu: „Wir machen das mit großer Sorgfalt. Denn wir wissen, was für Sie im Gesamtpaket auf dem Spiel steht.“

Denn B. sitzt in Untersuchungshaft, weil ihm zwei weitere Überfälle auf Tankstellen in Maintal Anfang März vorgeworfen werden. Erneut soll er die Agip-Tankstelle und eine Woche später die Shell-Tankstelle Am Kreuzstein überfallen haben. Dabei lautet Vorwurf jedoch versuchter Mord.

Polizei findet nach Überfall keine Waffe

Im jetzt laufenden Verfahren kommt für B. eine Verurteilung wegen schwerer räuberischer Erpressung in Betracht. Denn ob die Waffe, mit der B. die Angestellte bedroht hat, geladen war oder nicht, konnte nicht bewiesen werden. „Wir müssen also davon ausgehen, dass sie ungeladen war“, erklärte Rüppel.

Eine Waffe war in geladenem Zustand bei B.’s Festnahme im Anschluss an die Tankstellenüberfälle Anfang März dieses Jahres sichergestellt worden. Bei den Ermittlungen zur Tat im Mai 2020 wurde keine Waffe gefunden. „Das ist die gleiche Waffe“, legte sich der Polizeibeamte fest. Auch die Tankstellenangestellte, die gleich zweimal überfallen wurde, hatte das gegenüber der Polizei bestätigt.

„Was für und gegen den Angeklagten spricht, wurde schon alles gesagt“, erklärte Rüppel. Jetzt kommt es auf den Verdächtigen und dessen Alibi an. Der nächste Prozesstag ist für den 13. April angesetzt, dann sind auch Plädoyers und Urteil geplant – wenn nicht wieder ein Muttermal dazwischenkommt. (Michael Bellack)

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