Tatkräftig haben die Mitglieder des Winzervereins am vergangenen Wochenende bei der Weinlese mit angepackt.
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Tatkräftig haben die Mitglieder des Winzervereins am vergangenen Wochenende bei der Weinlese mit angepackt.

Vereinsleben

Oechslegrad macht Vorfreude: In Hochstadt geht die Weinlese in den Endspurt

Alle Jahre wieder kommt zwar ganz bestimmt das Christuskind, aber auch die Ernte reifer Trauben, genannt Lese. Genau so gespannt wie Kinder auf das warten, was im Dezember unterm Weihnachtsbaum hervorschimmert, starren Winzer im Herbst auf das Refraktometer: „Wie viel Oechsle hat er dieses Jahr, der Wein?“ Die Bestimmung des Oechslegrads von Traubensaft dient dazu, Rückschlüsse auf die vermutliche Qualität eines Weines zu erlauben. Letzten Endes hängt die Güte des edlen Tropfens noch von viel mehr Faktoren ab als nur der reinen Oechslezahl.

Maintal – Das Know-how hinter dem, was an den Weinbergen wächst und dem, was als Rebensaft schließlich des Genießers Augen, Gaumen und Zunge erfreut, erklären Gerhard Koffler und seine Truppe vom Ersten Hochstädter Winzerverein. Ihre Saison 2020 beginnt mit der Traubenlese, die am vergangenen Wochenende bereits zu Ende ging. Nun ist das Keltern an der Reihe, also die Verwertung der Massen von Trauben im Winzerhof an der Bischofsheimer Straße, das Auspressen und schließlich die Abfüllung in Fässer und später in Flaschen. Jetzt schon versichern der Vereinsvorsitzende sowie die Winzer Renate und Egon Fromm und Ingo Bujok: „2020 wird ein sehr guter Weinjahrgang.“

Diese Einschätzung manifestiert sich hauptsächlich am Riesling, der wohl bekanntesten Rebsorte in hiesigen Gefilden überhaupt. Was an den Vereinshängen Am Hohen Rain in Hochstadt sonst noch so wächst und gedeiht, sind die Rebsorten Johanniter, Gutedel und Vitis riparia, eine Wildrebe, aus welcher der legendäre „Rote Hochstädter“ gekeltert wird. Außerdem weitere wie Cabernet cortis, Dornfelder, eine recht frühe Traube, die auch in Hochstadt als erste abgelesen wurde, oder Regent. „Der Riesling hat eine hervorragende Qualität, bedingt durch den recht sonnigen und regenarmen Sommer“, erklärt Koffler. Was des Bauern Leid ist des Winzers Freud, könnte man sagen. „Der Säureanteil im Traubensaft ist relativ gering und nicht mehr so dominant wie in früheren Jahren, wo er schon mal bei 13, 14 Prozent lag. Diesmal messen wir unter zehn Prozent“, sagt Renate Fromm, „im wahren Leben“ zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Vereinigung von rund 100 Hobby-Winzern in Maintal. Von denen viele ihre Rebstöcke an den Vereinshängen mit traumhaftem Fernblick auf die Frankfurter Skyline pflegen, einige aber beispielsweise auch an ihren heimischen Garagenwänden züchten.

Trauben vom Maintaler Weiberg haben weit mehr als 90 Oechsle

Die diesjährige, wieder extrem trockene Witterung schlägt sich im Oechslegehalt der Rieslingtrauben nieder. „Früher haben wir uns über 80 Oechslegrade schon gefreut“, erinnert sich Bujok. „Heute messen wir weit mehr als 90 Oechsle“, stellt er beim Blick durchs Refraktometer fest. Die Oechslezahl, benannt nach dem deutschen Mechaniker und Erfinder Ferdinand Oechsle, sagt etwas über das Mostgewicht und damit den natürlichen Mineralien- und Zuckergehalt des Traubensafts aus. Am Refraktometer lässt sich die Dichte eines Tropfens über die Lichtbrechung auf einer Skala ablesen. Wobei eben für die Güte des späteren Weines noch viele weitere Faktoren wie Alkoholgehalt, Säureanteil oder anderes eine Rolle spielen. Der Cabernet cortis, eine sehr pilzresistente und deshalb beliebte rote Rebsorte, die ebenfalls bereits abgelesen ist, hat laut Koffler in diesem Jahrgang 119 Oechsle. „Das ist extrem, wir waren alle baff“, kommentiert Fromm.

„Ein sehr guter Jahrgang“: Durch den trockenen Sommer haben die Trauben, die in Hochstadt wachsen und jetzt gelesen wurden, weit über 100 Oechslegrad.

„Wir“ – das sind die Hochstädter Winzer, von denen jeder ein gutes dutzend Rebstöcke am Hohen Rain bewirtschaftet. Dadurch bleibt auch die Arbeit überschaubar, der Weinanbau wird nicht zur Plackerei, sondern bietet einen hohen Spaßfaktor. Zu kämpfen hatten die Hobbywinzer in diesem Frühjahr und Sommer lediglich mit dem „falschen Mehltau“; einer Pilzsorte, welche im Gegensatz zum „echten“ die Trockenheit liebt und zu weißlichen Verfärbungen auf den Blättern führt. Aber er lässt sich auch recht gut bekämpfen: beispielsweise mit einem Pflanzensud aus Ackerschachtelhalm, der regelmäßig auf befallene Reben verspritzt wird.

Erst der Alkohol der Gärung löst die Farbstoffe für den Rotwein

Rotwein wird nicht notwendigerweise aus roten Reben gemacht, wie die Winzer erklären. Nahezu alle Weintrauben haben helles Fruchtfleisch, ihr Saft ist in der Regel weiß. In der Haut sitzt der (natürliche) Farbstoff, und je nachdem, wie viel davon nach der Maische, also dem Brei aus Fruchtfleisch, Stielen und Kernen, der beim Pressen zunächst entsteht, auch im Most vergärt, entscheidet über die Farbe des Weines. Erst der Alkohol, der sich bei der Gärung entwickelt, löst die Farbstoffe aus der Haut.

Umgekehrt kann auch aus dunkelroten, „schwarzen“ Trauben ein klarer, heller Weißwein gekeltert werden: ein so genannter „Blanc de Noirs“.

Wer möchte, kann in ein paar Tagen beim „Federweißen“, dem trüb-beigefarbenen jungen Wein, der erst noch einer werden will, aber doch schon so einiges an Pro mille gebunkert hat, raten, ob er später zu Rot- oder Weißwein wird. Schmecken sollen alle Sorten jedenfalls in diesem Jahr wieder hervorragend – das versprechen die Mitglieder des Ersten Hochstädter Winzervereins.

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