Antonia Conversano-Grimm vor einem Gemälde, das ihr Heimatdorf in Italien zeigt.
+
Antonia Conversano-Grimm vor einem Gemälde, das ihr Heimatdorf in Italien zeigt.

Maintal ist bunt

Zwischen Handkäs’ und Mozzarella: Antonia Conversano-Grimm kann schon lange Hessisch „babbeln“

  • vonBettina Merkelbach
    schließen

„Italien wird für mich wie Maintal immer Mittelpunkt meines Lebens bleiben“, sagt Antonia Conversano-Grimm. Vor ziemlich genau 55 Jahren, am 28. Juli 1965, kam sie mit ihren Eltern und Schwestern aus Campomaggiore nach Frankfurt.

Maintal –Alles, was die fünfköpfige Familie damals dabeihatte, passte in zwei Koffer. „Das war ein Kulturschock“, erinnert sich die Italienerin. Ihr Geburtsort ist eine kleine Gemeinde mit knapp 900 Einwohnern, die östlich von Neapel und südwestlich von Matera in der Region Basilikata in Süditalien liegt. Ihre Eltern waren Landwirte, und sie sahen für ihre drei Töchter in ihrer Heimat keine Zukunft.

Acht Jahre ist Antonia alt, als ihre Eltern nach Deutschland aufbrechen. Sie wohnen hinter der Alten Oper, die Kinder besuchen die italienische Schule in Bockenheim. Vor dem Schulweg haben sie Angst. Draußen spielen dürfen sie nicht. „In Campomaggiore haben wir nur ab und zu ein Auto gesehen“, erinnert sie sich daran, wie hart für die Landkinder der Kontrast zum Großstadtleben war.

Ihren Mann lernt sie in der Pizzeria ihrer Schwestern in Maintal Bischofsheim kennen

Durch ihren Ehemann Hartmut wurde die Italienerin ins Maintaler Vereinsleben eingeführt und eine begeisterte Fastnachterin.

Ihre Eltern finden Arbeit in der Societäts-Druckerei und im Fechenheimer Schwimmbad. Hier, in Fechenheim, schlagen sie neue Wurzeln. Antonias Schwestern gründen Gastronomiebetriebe in Maintal. In der schwesterlichen Pizzeria in Bischofsheim lernt Antonia ihren Mann Hartmut – Hardy – Grimm kennen, ein echtes Maintaler Urgestein.

„Mit so einem Vereinsmenschen als Partner fiel mir die Integration hier nicht schwer“, sagt Antonia rückblickend. Hartmut ist im FSV Bischofsheim, in der Feuerwehr, in der Karnevalsabteilung Blau-Weiß aktiv und Hausmeister der Erich-Kästner-Schule – und er ist in ihrer Heimat mittlerweile genauso zuhause wie sie hier.

„Wenn man sich der Lebensart nicht versperrt, sondern mitmacht, integriert man sich automatisch“, verrät er das gemeinsame Integrationsgeheimnis. Durch seine Frau war er direkt mittendrin im italienischen Geschehen. „Ich bin mitgepilgert und wurde zum Spanferkelgrillen eingeladen – und das, obwohl ich nicht gerne Tomaten esse“, verrät Hardy Grimm lachend. In diesem Jahr ist er sogar ohne seine Frau nach Italien gereist, die wegen Corona lieber zuhause geblieben ist und den Sommer mit dem kleinen Enkelsohn in Bischofsheim verbracht hat.

Ein Leben zwischen Maintal und Kalabrien

Das Paar heiratet 1977 und bekommt – wie Antonias Eltern – drei Töchter, die heute 38, 33 und 31 Jahre alt sind. Obwohl ihre ganze Familie mittlerweile hier lebt, bleibt die Frau aus der Basilikata ihrer Heimat treu und kauft eine Wohnung in Kalabrien. Ein Drittel des Jahres verbringt das Ehepaar dort – wenn es sie nicht in entferntere Länder zieht. „Im Winter Karneval, im Sommer reisen“, fasst die passionierte Fastnachterin ihren Lebensstil zusammen. 2003 wurden die beiden sogar als blau-weißes Prinzenpaar gefeiert. Seitdem ist sie selbst für die Fastnachtsmajestäten zuständig. „Ich trage die Prinzenpaare auf Händen“, sagt sie.

Kurz nach der Ankunft in Deutschland: Antonia Conversano sitzt stolz auf der Motorhaube des elterlichen Wagens.

Ob sie je zurück nach Italien wollte? „Diese Frage hat sich mir nie gestellt, weil meine engste Familie immer hier war“, erklärt die Wahl-Maintalerin heute. Engen Kontakt pflegt sie zu ihren Schulfreunden, die ähnliche Einwanderergeschichten teilen. „Wir haben alle dasselbe Trauma erlebt und reden noch heute oft davon.“ Auberginen, Artischocken und Schafskäse haben ihre Eltern damals aus dem Italienurlaub mitgebracht und im Keller aufgehängt. „Die Nachbarn haben sich beim Vermieter beschwert, es würde bei uns nach Knoblauch stinken“, erinnert sie sich.

Die Verbindung beider Nationalitäten

Als „Spaghettifresser“ wurden die damaligen „Gastarbeiter“ beschimpft. Dennoch versucht Antonia Conversano-Grimm – wie in ihrem Nachnamen – beide Nationalitäten so eng es geht, miteinander zu verknüpfen. Ihren 60. Geburtstag etwa hat sie zu diesem Zweck in Italien gefeiert und ist mit 16 Maintaler Freunden „runter“geflogen.

Im Zimmer des Enkelchens hängt ein Panoramabild ihres Heimatortes. Es zeigt die Silhouette inmitten von Olivenhainen, umrahmt von einer Bergkette, die wegen ihrer vielen spitzen Gipfel auch kleine Dolomiten genannt werden. „Die Berge fehlen mir“, gibt die Italienerin zu. Aber sie sei schon lange hier angekommen – zumal man ihr ihre Wurzeln weder ansieht noch anhört. Denn hessisch babbeln kann Antonia schon lange.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema