Trotz des Blicks auf die Golden Gate Bridge: In Maintal fühlt sich John McIntosh am wohlsten.
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Trotz des Blicks auf die Golden Gate Bridge: In Maintal fühlt sich John McIntosh am wohlsten.

Pendler zwischen den Welten

Maintal ist Bunt: John McIntosh pendelt zwischen den USA und Maintal

  • vonBettina Merkelbach
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Das halbe Jahr lebt er hier, das andere halbe fährt er quer durch die USA und arbeitet. Seine Heimat ist trotzdem hier in Hochstadt, sagt John McIntosh. Damit meint er sein Haus in Hochstadt, das seit Jahrzehnten in Familienbesitz ist und in dessen Bar die Hochstädter Freundesclique ein- und ausgeht.

Es ist dieses gelebte Miteinander, die Hilfsbereitschaft und die gesellige Feierlaune, die ihn immer wieder hierher gezogen haben.

Geboren auf Jamaika, ist John als Kleinkind in die USA eingewandert und in New Jersey aufgewachsen, wenige Blocks von Jon Bon Jovi entfernt. Nach Deutschland kam er erstmal nicht freiwillig. Er war 19 und Soldat der amerikanischen Luftwaffe, als er 1983 auf der Rhein-Main Air Base stationiert wurde.

„Ich habe bis dahin in meiner amerikanischen Bubble gelebt und nichts vom Rest der Welt gesehen“, erinnert er sich. „Ich hatte keine Ahnung, was mich hier in Deutschland erwarten würde.“ Neun US-Luftwaffenstützpunkte rund um den Globus konnte er als Einsatzort angeben. Deutschland war seine Nummer eins. „Warum, weiß ich nicht mehr“, sagt er heute. „Für mich als Pastorensohn war hier alles total anders. Ich musste mich ausleben, rebellieren.“

Als Soldat nach Deutschland gekommen

Er arbeitet als Lademeister auf dem Frankfurter Flughafen. Seine Kindheit in der gläubigen Familie in New Jersey war behütet. Sakrale Musik statt Rock ‘n’ Roll, kein Alkohol, keine Zigaretten. Seine Freizeit verbringt er in der Kirche des Vaters, er singt und spielt Klavier. Hier in Deutschland ist er volljährig und kostet die neu gewonnene Freiheit voll aus. 1984 lernt er seine erste Frau kennen. Ein Jahr später wird sein ältester Sohn geboren.

Weil er noch ein Jahr Militärdienst in den USA leisten muss, nimmt John Frau und Kind mit nach Kalifornien. Danach steigt er in New Jersey in das Familienunternehmen McIntosh Industries ein und spezialisiert sich auf die Reparatur von Aufzugmotoren. Seine Frau hat allerdings so großes Heimweh, dass sie 1988 nach Frankfurt zurückkehren. John findet Arbeit als Lademeister bei Fraport. Die Ehe zerbricht.

Nachtklub in Sachsenhausen eröffnet

1994 lernt er seine zweite, heutige Frau Eileen kennen, mit der er in Alt-Sachsenhausen, ganz in der Nähe des legendären Spritzenhauses, einen Nachtklub eröffnet: einen amerikanischen Musikklub mit zwei Bars und Platz für zweihundert Leute. Eileen und er stehen die meiste Zeit hinter der Bar. „Ob es mich glücklich gemacht hat? Absolut. Ein Erfolg war es allerdings nicht“, sagt John rückblickend.

Vor allem finanziell habe es sich nicht gelohnt. Das Hauptproblem: Die Bar wird fast ausschließlich von Amerikanern besucht. Doch je mehr Soldaten von den deutschen Stützpunkten in ihre Heimat zurückkehren, desto weniger Kunden hat John. „Ich hatte zwei Jahre lang Party und habe die Bar danach wieder verkauft“, resümiert er heute. Er und Eileen heiraten und ziehen nach New Jersey, wo er wieder ins Familiengeschäft einsteigt.

Heimweh nach Deutschland: „Habe das soziale Leben vermisst“

2003 zieht es ihn jedoch zurück nach Deutschland. „Ich wollte unbedingt wieder hierher. Eileen wäre in New Jersey geblieben. Wir hatten dort alles. Aber ich habe das soziale Leben hier vermisst“, benennt John seine Gründe. Er ist ein geselliger Mensch, spielt in mehreren Bands. Seine Tür steht immer offen. Die Freunde der Familie gehen ein und aus.

„Ich habe in New Jersey auch einige gute, langjährige Freunde. Aber wenn ich mich mit denen abends auf ein Bierchen treffen möchte, werden erst einmal Terminkalender gewälzt, und wir treffen uns ein paar Wochen später. Hier gehe ich einfach in eine Kneipe und treffe alle meine Freunde“, beschreibt er den Unterschied. In Amerika sei es geradezu verpönt, seine Freizeit in Bars oder Pubs zu verbringen. „Hier gehört das zum normalen Leben dazu. Man geht in die Dorfschänke, isst dort, trifft sich. Die Kinder sind dabei. Das habe ich vermisst.“ Seine Frau willigt ein, aber sie will sesshaft werden. „Sie sagte zu mir: Wenn wir nach Deutschland gehen, dann bleiben wir. Und das haben wir getan.

Ein halbes Jahr in Deutschland, ein halbes Jahr in den USA

Daran, dass er hier beruflich schnell Fuß fassen würde, zweifelt er nicht. In den USA hatte er einen sehr gut bezahlten Job, exzellente Kontakte und Referenzen. Doch die ersten Vorstellungsgespräche sind ernüchternd: Er würde nur einen Bruchteil seines bisherigen Gehalts verdienen. „Also rief ich meinen Bruder an und fragte ihn, ob ich nicht ein paar Wochen zurückkommen und wieder bei ihm arbeiten könnte.“

Zurück in Deutschland das gleiche Spiel: Er bewirbt sich, kehrt aber zum Arbeiten wieder zurück in die Staaten. Das deutsch-amerikanische Teilzeit-Pendlermodell ist geboren. Er vereinbart mit seinem Bruder, dass er insgesamt ein halbes Jahr arbeitet und das zweite Halbjahr in Deutschland verbringt.

Amerikaner fühlt sich in Maintal heimisch

„Ich habe dabei sehr große Freiheiten und kann meine Einstätze weitestgehend selbst planen“, sagt er. In New Jersey hat der Amerikaner zwar immer noch eine kleine Wohnung, aber er verbringt die meiste Zeit auf der Straße, in der Luft und im Hotel. Seine Familie kennt es nicht anders -– und genießt seine ungeteilte Aufmerksamkeit in der Zeit, die er hier verbringt.

„Im Vergleich zu anderen Familienvätern mit 9-to-5-Jobs verbringe ich mehr Zeit mit meiner Familie.“ Ob er auf seinen vielen Reisen keinen Ort gefunden hat an, an dem er für immer bleiben möchte? „Ich liebe Hochstadt und den Landkreis. Ich liebe meine Freunde hier. Hier werde ich eines Tages begraben werden. Kein Ort in Amerika ist für mich so sehr Heimat wie Maintal.“

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