In Zeiten von Corona verschärft sich bundesweit die Kinderarmut. Der Maintaler Verein „Tischlein Deck Dich“ des VdK Dörnigheim will dagegen etwas tun.
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In Zeiten von Corona verschärft sich bundesweit die Kinderarmut. Der Maintaler Verein „Tischlein Deck Dich“ des VdK Dörnigheim will dagegen etwas tun.

INTERVIEW

„Corona hat Kinderarmut verschärft“: Im Gespräch mit Jürgen Malbrich vom Verein „Tischlein Deck Dich“

  • vonBettina Merkelbach
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Corona hinterlässt seine Spuren quer durch die Gesellschaft. Auch die Kinderarmut wird aller Voraussicht nach steigen. Einer der dagegen kämpft ist Jürgen Malbrich vom Verein „Tischlein Deck dich“.

Maintal –Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung sind mehr als ein Fünftel aller Kinder in Deutschland von Armut bedroht – mit weitreichenden Folgen für ihre Zukunft. Ihnen fehlt es nicht nur an Geld, sondern vor allem auch an Bildungschancen. Diese Situation wurde durch die anhaltende Corona-Pandemie noch weiter verschärft. Dagegen kämpft der Verein „Tischlein Deck Dich“, den Jürgen Malbrich, Vorstandsvorsitzender des VdK-Ortsverbands Dörnigheim, gegründet hat.

Jürgen Malbrich vom Verein „Tischlein Deck dich“.
Herr Malbrich, wie groß ist das Problem der Kinderarmut in Maintal?
Ich kann nur für Dörnigheim sprechen, wo wir seit 2009 aktiv sind. Hier gibt es vor allem in der Waldsiedlung viele Kinder, die von Armut betroffen sind. Viele sind auf sich gestellt und haben kein Essen. Hier leben zahlreiche Familien in prekären Verhältnissen, Alleinerziehende und seit 2019 auch viele Migranten. Wir haben damals Kinder gesehen, die sich für ein paar Euro ihr Mittagessen an der Tankstelle oder im Fastfood-Restaurant gekauft haben und beim Jugendzentrum der evangelischen Kirche herumlungerten. Als wir gefragt haben, warum sie nicht nach Hause gehen, haben sie geantwortet, dass da niemand ist oder dass sie nach der Schule nicht nach Hause können oder wollen, weil die Eltern abwesend, arbeitslos und teilweise krank sind. Daraus ist unsere Idee entstanden, uns um diese Kinder zu kümmern. Und dann haben wir ganz klein angefangen mit vier, fünf Kindern und haben ihnen ein Mittagessen angeboten.
Wer ist noch an dem Projekt beteiligt?
Die evangelische Kirchengemeinde hier in Dörnigheim stellt Räumlichkeiten und Personal in ihrem Jugendzentrum zur Verfügung. Aber wir haben schnell gemerkt, dass es mit dem Mittagessen nicht getan ist. Die Kinder haben die Mitarbeiter gefragt, ob sie ihnen bei den Hausaufgaben helfen können. Dafür hat die Kirche eine Sozialpädagogin eingestellt, die das hauptamtlich macht und von unserem Verein bezahlt wird. Doch als dann 14 Kinder täglich zusammenkamen, war bei der Kirche räumlich und personell und bei uns finanziell Schluss. Deshalb haben wir 2012 aus dem VdK heraus den Verein Tischlein Deck Dich gegründet. Damit richten wir uns gezielt an Grundschulkinder im Alter von sechs bis zehn Jahren. Natürlich würden die Kinder auch nach der Grundschule weiter zu uns kommen, aber wir mussten hier eine Grenze ziehen, weil die Nachfrage groß und die Warteliste lang ist. Die aktuelle Gruppe kam bis zur Corona-Schließung regelmäßig, das fühlte sich an wie eine kleine Familie.
Wer kann an Ihrem Angebot teilnehmen?
Die Kinder müssen in die Grundschule gehen und von Armut bedroht sein. Das wissen die Mitarbeiter des Jugendzentrums, die die Kinder und die Familien kennen. Wir sprechen mit den Eltern; wir brauchen auch ihr Einverständnis dafür, dass die Kinder bei uns essen dürfen. Manche Eltern sind sehr aufgeschlossen, andere interessieren sich wenig. 2015 kamen sehr viele Migranten dazu, die gar kein oder kaum Deutsch sprachen und sich nur mit Handzeichen verständigen konnten. Deshalb haben wir dann in den Ferien zweiwöchige Deutschkurse für bis zu zehn Kinder angeboten, die von vielen Kindern des Mittagstischs besucht wurden und komplett ausgebucht waren.
Wie finanzieren Sie die Kurse, das Essen und die pädagogische Betreuung?
Der Vorstand des Vereins besteht aus Vorstandsmitgliedern des VdK-Ortsverbands Dörnigheim, die ehrenamtlich Spenden akquirieren. Damit finanzieren wir das Essen und die pädagogische Mitarbeiterin. Das ist oft eine müßige Aufgabe, aber es hat zum Glück bisher gut geklappt. Was uns ermutigt, sind die positiven Rückmeldungen, die wir bekommen, zum Beispiel von den Grundschullehrern, die uns signalisieren: Gut, dass ihr das macht. Das bringt was.
Haben die Kinder während der Corona-Schulschließung ohne diese Unterstützung Anschluss behalten?
Corona hat die Schulprobleme dieser Kinder erheblich verschärft. Die Schulen sind während der Schließzeit ganz unterschiedlich mit den Schülern umgegangen. Manche wurden gut mit Aufgaben versorgt, Lehrer und Schüler standen im digitalen Austausch miteinander. An anderen Schulen muss das eine Katastrophe gewesen sein, ich habe das bei meinem Enkelkind hautnah mitbekommen. Das Problem ist: Die Kinder machen von sich aus nichts. Wenn sich die Eltern nicht darum kümmern, haben die Kinder über die vielen Wochen hinweg ganz sicher nichts gemacht. Die Familien haben oft keine digitalen Möglichkeiten, um mit der Schule zu korrespondieren. Jetzt seit Schulbeginn kommen wieder sieben Kinder, bei denen wir große Lücken sehen. Das müssen wir in der Hausaufgaben-Betreuung auffangen.
Sehen Sie hier Versäumnisse bei den Schulen?
Die Schulen machen das ja alle unterschiedlich, da gibt es keine einheitliche Linie. Alle Schulen sollten mit WLAN ausgestattet werden, alle Schüler Tablets geliehen bekommen, um zuhause damit arbeiten zu können – vorausgesetzt, sie sind online. Da fängt man jetzt erst langsam an, sich darum zu kümmern. Genauso ist das beim Mittagessen und der Hausaufgaben-Betreuung. Einige Schulen bieten einen Mittagstisch an, andere nicht - und wenn, dann muss das ja bezahlt werden. Bei uns kostet es nichts. Wenn Schulen flächendeckend Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung anbieten, können wir mit unserem Verein aufhören. Das müsste der Main-Kinzig-Kreis einheitlich regeln. Aber das wird sicher noch drei, vier Jahre dauern.
Welche Perspektiven haben die Kinder, die zu Ihnen kommen?
Wir können sie vor der Armut nicht bewahren, dazu betreuen wir sie zu kurz. Nach uns kommt ja nichts mehr. Und die Eltern ändern sich auch nicht. Was mich erschreckt, sind Familien, die seit vielen Jahren hier sind und kaum Deutsch sprechen. Ein schönes Beispiel hingegen ist eine Familie, die aus dem Iran nach Hanau gekommen ist und ihre beiden Kinder zu uns schickte, weil sie hier schnell Deutsch lernten. Eigentlich müssten wir auch Deutschkurse für Erwachsene anbieten. Aber wir wollen in unserem kleinen Radius bleiben und das noch ein paar Jahre weiter so erfolgreich machen.

Das Gespräch führte Bettina Merkelbach

Spenden

Wer den Verein unterstützen möchte, kann Spenden an Tischlein Deck Dich e.V., IBAN: DE59 5065 0023 0053 0123, BIC: HELADEF1HAN, Sparkasse Hanau, überweisen.

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