Maintal

Maintal ist bunt: Britin Carol Preininger ist gegen den Brexit

Maintal. Sie sei in Tränen ausgebrochen, als England die EU verlassen habe, nach einem überflüssigen Referendum. „Nur Menschen, die England nie verlassen haben, konnten für den Brexit stimmen“, meinte Carol Preininger.

Von Ulrike Pongratz

„Unter meinen Freunden kenne ich keinen, der für den Brexit gestimmt hat“, sagt Preininger, die Maintalerin mit britischen Wurzeln und einem internationalen Freundeskreis, die seit 50 Jahren in Deutschland lebt. Sie selbst habe nicht abstimmen dürfen, denn wer länger als 15 Jahre nicht in Großbritannien lebe, dürfe nicht mehr wählen.

Carol Preininger, geboren 1948, hat sich auf sympathische Weise britische Lebensart und Humor bewahrt. Seit Januar 1970 lebt sie in Deutschland. „Damals war England noch nicht in der EG“, erinnert sich die 71-Jährige, die als junge Frau von London in das hessische Wetzlar auf ihre zweite Arbeitsstelle wechselte. „Ich hatte fünf Jahre Deutschunterricht in der Schule und konnte doch kaum ein Wort“, meint Preininger mit britischem Understatement.

Reisen durch Europa

In England hatte sie in der Grafschaft Surrey östlich Londons ein Mädchengymnasium besucht. Damals war es noch sehr teuer und schwierig zu reisen; heute jedoch ist die agile Pensionärin gerne in Europa und der Welt unterwegs, sie unternimmt gerne Städte- und Kulturreisen und besucht Freunde.

Zwei- bis dreimal pro Jahr reist Carol Preininger nach England, auch wenn das Haus ihrer Eltern längst verkauft ist und ihre Schwester in Frankreich lebt. Das Reiseziel ist meist London, dort besucht sie gerne Ausstellungen und Theateraufführungen.

Alte und neue Heimat

Vornehmlich zur Weihnachtszeit vermisse sie die – für deutsche Verhältnisse überbordende und kitschige – Dekoration mit Papiergirlanden, Stechpalmen und Efeu, und natürlich das traditionelle Essen am zweiten Weihnachtsfeiertag, insbesondere üppigen englischen Christmas-Pudding, Kuchen und Törtchen, gefüllt mit reichlich Nüssen und Trockenfrüchten und mit Alkohol konserviert. „Zur Ansprache der Queen liegen dann alle pappsatt im Sessel“, erklärt Preininger die englischen Weihnachtsbräuche. „Ich kaufe außerdem bestimmte Produkte, die es hier nicht gibt: englischen Senf oder Schwarztee im Internet.“

In Maintal hat die Engländerin dennoch eine zweite Heimat gefunden, sie ist seit 1974 verheiratet mit Ulrich Preininger. „Ich gehe sehr gerne spazieren hier, am Main und im stadtnahen Wald oft bis nach Wilhelmsbad.“ Jetzt, da sie nicht mehr täglich zur Arbeit nach Frankfurt fahre, habe sie auch die Muße, die Straßen, Plätze und Geschäfte kennenzulernen und essen zu gehen. An zwei Orten ist die freundliche Engländerin ehrenamtlich aktiv. Im Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseum führt sie Gruppen durch die Ausstellung, und im Maintaler Sprachcafé trainieren Senioren die englische Konversation.

Karriere als englische Muttersprachlerin

In Deutschland waren die sprachlichen Fähigkeiten der Engländerin von Anfang an ein großes Plus, sie fasste schnell Fuß, lernte deutsche Freundinnen kennen und zog 1974 von der hessischen Provinz in die Mainmetropole Frankfurt. Hier erlebte sie eine boomende Wirtschaft, englische Muttersprachler wie Carol Preininger waren in vielen Branchen sehr gesucht. „Deutschland verdanke ich, dass ich mich als Übersetzerin weiterbilden konnte“, sagt sie.

Mit dem Diplom des „Institute of Linguists London“ und als staatlich anerkannte Übersetzerin arbeitete Preininger zunächst bei einem amerikanischen Pumpenhersteller und später bei verschiedenen Banken. „Man kann hier in Deutschland Erfolg haben, wenn man sehr hart arbeitet“, fasst sie ihre beruflichen Erfahrungen zusammen. In England sei die Haltung etwas mehr „relaxed“ und „laid back“.

„Es kann sich alles ändern“

2006 habe sie das Angebot, in Altersteilzeit zu gehen, angenommen; jetzt genießt die Deutsch-Britin mit zwei Pässen den Ruhestand. „Es gibt ein Abkommen mit England als EU-Land“, erklärt Preininger, „deshalb besitze ich einen deutschen und britischen Pass.“ 2015 habe sie letzteren erneuert, sehr unbürokratisch und schnell sei dies erfolgt, obwohl sie damals den Arm gebrochen hatte und den Erhalt der Einbürgerungsurkunde nicht sofort unterschreiben konnte.

Ob sie weiterhin so frei und einfach nach England wird reisen können, darüber wagt sie keine Prognose. „Es kann sich alles ändern“, erklärt sie. Preininger würde England sehr vermissen, auch wenn sie englische Literatur und Zeitungen lesen und auch Fernsehsendungen in englischer Sprache in Maintal empfangen kann.

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