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Maintaler Förster alarmiert: „Holz wird uns aus den Händen gerissen“

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Durch die Energiekrise ist die Nachfrage nach Brennholz im gesamten Bundesgebiet hoch – es kommt immer wieder zu Diebstählen. Auch in Maintal schlugen Diebe zu.

Maintal – Mitten im Wald, versteckt unter riesigen Buchen, steht das Holzlager von Bruno Kemmerer. Wo genau, das verrät der Jagdpächter von Wachenbuchen nicht. Zu groß ist die Angst, dass Diebe das Lager plündern könnten. „Früher habe ich mir da keine großen Gedanken gemacht. Heute sieht das anders aus“, sagt Kemmerer, während sein Blick über die meterhoch gestapelten Holzscheite schweift.

Die Sorgen sind begründet: Erst Anfang Juni hatten Diebe drei Lkw-Ladungen Holz aus dem Maintaler Stadtwald gestohlen. Der Marktwert der rund 90 Festmeter: etwa 4000 Euro.

„Wir vermuten, dass es ein gewerblicher Händler war. Entweder braucht er das Holz für seinen Betrieb oder er verkauft es schwarz weiter“, vermutet Marko Richter, der als Revierförster für den Maintaler Stadtwald sowie für die Kommunalwälder von Schöneck, Niederdorfelden, Bruchköbel und Neuberg zuständig ist. Er glaubt, dass die Zahl der Holz-Diebstähle in den kommenden Monaten zunehmen wird. „Vor ein paar Jahren war Holz ein Abfallprodukt. Jetzt wird es uns aus den Händen gerissen.“

„Lage ist angespannt“: Förster Marko Richter, Revierleitung Maintal (links), am Holzlager von Bruno Kemmerer, Jagdpächter für Wachenbuchen. Die aktuelle Marktsituation betrachten sie mit Sorge.
„Lage ist angespannt“: Förster Marko Richter, Revierleitung Maintal (links), am Holzlager von Bruno Kemmerer, Jagdpächter für Wachenbuchen. Die aktuelle Marktsituation betrachten sie mit Sorge. © Kristina Bräutigam

Enorme Brennholz-Nachfrage in Maintal: Zahl der Holz-Diebstähle wird weiter steigen

Schuld ist der Ukraine-Krieg, der die Nachfrage nach Brennholz regelrecht explodieren lässt. Aus Sorge vor steigenden Öl- und Gaspreisen und einem harten Winter kaufen viele Menschen überdurchschnittlich viel Brennholz. Das hat nicht nur den Preis in die Höhe getrieben. Weil die Nachfrage das Angebot übersteigt, sind die Lager vieler Händler mittlerweile leer.

„Mit jeder Schreckensnachricht im Fernsehen wurden die Anrufe mehr. Es ist der Wahnsinn“, erzählt Brennholz-Händler Carsten Seitz aus Erlensee. Normalerweise würden die meisten Kunden erst im Herbst, kurz vor der Heizperiode, bestellen. Zehn Anrufe pro Woche sind es in normalen Zeiten. Jetzt, mitten im Hochsommer, sind es bis zu 50 Anrufe und Mails pro Tag.

„Ich kann die Nachfrage nicht bedienen. Die Mengen, die ich noch habe, sind sofort weg“, sagt Seitz. Zumindest seine Stammkunden versuche er, mit der Menge des Vorjahres zu beliefern. Alle anderen muss Seitz enttäuschen. „Das sind Menschen, die haben zehn Händler angerufen und alle sagen ihnen, dass es nichts mehr gibt. Man spürt die Verzweiflung. Einige haben Angst, im Winter im Kalten zu sitzen.“

Maintal: Holzkontor Darmstadt-Dieburg-Offenbach nach Minuten ausverkauft

Auch beim Holzkontor Darmstadt-Dieburg-Offenbach gucken Kunden in die Röhre. Seit 2019 verantwortet der Betrieb die Rundholzvermarktung von derzeit 37 Mitgliedskommunen, darunter die Städte Hanau, Maintal und Bruchköbel sowie die Gemeinde Schöneck.

Das Rundholz wird von den Kommunen gerückt am Waldweg zur Abholung bereitgestellt, der Verkauf erfolgt anschließend über den Online-Shop des Holzkontors. Doch auch hier: ausverkauft. „Wir bekommen immer mal wieder kleine Mengen rein. Aber das Holz ist nach wenigen Minuten verkauft“, berichtet Mathias Geisler, Geschäftsführer des Holzkontors.

Hoher Bedarf an Brennholz: Holzeinschlag vielerorts wegen Waldschäden gestoppt

Revierförster Marko Richter erhält ebenfalls immer wieder Anfragen. Helfen kann er nicht, auch wenn ihm der örtliche Verkauf lieber wäre. Als Förster hat er keinen Einfluss auf die Vermarktung, betont er. Lediglich sogenannte Hiebsreste, Holz- und Laubreste, die beim Schlagen von Bäumen übrig bleiben, werden direkt über den Waldeigentümer, also die Stadt oder Gemeinde, verkauft. Alle anderen muss er an das Holzkontor verweisen. „Das Holz ist quasi schon verkauft, wenn der Baum noch steht“, sagt er.

Doch welche Einflussmöglichkeiten haben die Revierleiter auf die Verfügbarkeit? „Wir können nicht einfach den Einschlag erhöhen, nur weil die Nachfrage explodiert“, betont Richter. Die heißen und trockenen Sommer der vergangenen drei Jahre haben deutschlandweit zu einem großflächigen Absterben der Wälder geführt; der Holzeinschlag in gesunden Baumbeständen ist gestoppt oder erfolgt nur sehr zurückhaltend.

So gebe es insbesondere im Raum Hanau viele Flächen, für die der sogenannte Nutzungsverzicht gelte. Die forstwirtschaftliche Nutzung in diesen Bereichen ist untersagt, lediglich zur Verkehrssicherung dürfen Bäume gefällt werden.

Energiekrise sorgt für hohe Holz-Nachfrage in Maintal

Im Bruchköbeler Wald dürfen beispielsweise nur Buchen geschlagen werden, die jünger als 100 Jahre alt sind, erzählt Richter. Grundlage ist das Einschlagmoratorium, welches das Hessische Umweltministerium 2021 nach drei Dürrejahren für alle alten Buchenbestände im hessischen Staatswald beschlossen hatte. „Das reduziert natürlich die Holzmenge, die bereitgestellt werden kann.“

Der Schutz des Waldes auf der einen und Bewirtschaftung des Waldes auf der anderen Seite, auch für die Förster sei dies ein Konflikt, gibt Richter zu. Zwar versuche auch der Landesbetrieb Hessen Forst, bei dem Richter angestellt ist, alle ökologisch vertretbaren Holzmengen bereitzustellen. Oberste Priorität habe jedoch die Nachhaltigkeit. „Um den Wald zu schützen, dürfen wir nur so viel Holz ernten, wie nachwächst. Das, was wir kurzfristig mehr einschlagen, müssen wir in den Folgejahren einsparen“, so der Revierleiter.

Mittelfristig werde sich an die Situation kaum ändern, im Gegenteil. Auch in diesem Sommer verursachen Hitze und Trockenheit neue Waldschäden, Stürme und Schädlinge wie der Borkenkäfer könnten den Bestand weiter dezimieren. „Die Bäume, die jetzt absterben, fehlen uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten“, so Richter, der in seiner Heimatstadt Gersfeld in der Rhön noch einen forstwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetrieb betreibt.

Maintaler Förster: Genug Holz für alle gibt es nicht

Richter glaubt, dass die Kunden umdenken müssen. Statt ausschließlich auf das Premium-Holz Buche zu setzen, müsse auf Weichlaub- und Nadelhölzer umgestiegen werden. Diese haben zwar einen niedrigeren Brennwert. „Aber sie brennen. Und sie sind günstiger.“

Bürger aus Maintal oder den umliegenden Kommunen, die Brennholz kaufen möchten, sollten beim Waldspaziergang die Augen offen halten: Wird Holz gemacht und markiert, landet es ziemlich sicher zeitnah im Online-Shop des Holzkontors. Genug für alle wird es nicht sein, weiß Richter. „Die Zeiten, in denen wir die Nachfrage mit Holz aus den heimischen Wäldern decken konnten, sind wohl erst mal vorbei.“ (Kristina Bräutigam)

In Maintal haben Betrüger kürzlich versucht, über Schockanrufe Geld zu erbeuten – doch die Masche misslang.

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