Der Betreiber der Fähre, Mahir Kolbüken (Blaues T-Shirt) steht heftig in der Kritik. Einer seiner Kritiker ist der Fährmann Bernd Schwander (rechts). Foto: Jan Max Gepperth

Maintal

Mainfähre: Betreiber und Fährmann äußern sich zur Havarie

Maintal. Chaos um die Mühlheimer Fähre. Seit die Wiederinbetriebnahme in einer Havarie endete, weiß keiner genau, was passiert ist und wie es weitergeht.

Von Jan Max Gepperth

Bernd Schwander, von 1992 bis 2009 selbst Fährmann auf der MS Dörnigheim, hat zumindest eine Vorstellung davon, was passiert sein könnte und erhebt schwere Vorwürfe gegen den neuen Betreiber der Fähre, Mahir Kolbüken. Dieser weist die Beschuldigungen, dass sich die Havarie aufgrund fehlender Fährzeugnisse ereignet habe, vehement zurück.

Schwander, der laut eigener Aussage vor seiner Zeit auf der MS Dörnigheim als Steuermann in der Binnenschifffahrt tätig gewesen war, hat Kolbüken im Januar kennengelernt. „Ich erfuhr, dass die Fähre wieder fahren soll und bekam von einer Bekannten Kolbükens Nummer“, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung. Man habe sich getroffen und über die Pläne des neuen Pächters gesprochen. „Ich fand gut, was er vorhatte, und erzählte ihm, dass ich das notwendige Fährpatent habe“, so der 66-Jährige.

Kolbüken widerspricht Schwander

Zu dieser Zeit war die Genehmigung jedoch abgelaufen. Ab dem 55. Lebensjahr müssen in regelmäßigen Abständen medizinische Untersuchungen bei einem Amtsarzt durchgeführt werden, damit ein Fährpatent seine Gültigkeit behält. Ab dem 60. Lebensjahr sind diese sogar jährlich abzulegen. „Diese habe ich dann im März gemacht und mein Patent somit reaktiviert.“ Damit war Schwander laut eigener Aussage jedoch der Einzige an Bord, der ein gültiges Patent hatte.

Als der reaktivierte Fährmann im Ruhestand dann, wie abgesprochen, am Montag um 10 Uhr die Fähre verließ, nachdem er den Mitarbeitern eine Einweisung in das Führen des Schiffes gegeben hatte, hat er noch einmal ausdrücklich klargestellt, dass die Fähre nicht bewegt werden dürfe, wenn er nicht an Bord sei. Dann habe er das Boot am Ufer befestigt und den Motor ausgestellt, was von Kolbüken auf Nachfrage zurückgewiesen wurde. „Die Fähre wird während des Betriebes nie angebunden und der Motor wird auch nicht ausgestellt“, so der aktuelle Fährbetreiber, „die Fähre läuft immer.“

„Was machen die da?“

Nachdem Schwander nach eigener Aussage die Fähre befestigt hatte, besuchte er Ursula Schäfer. Die Dörnigheimerin, die unweit der Fähranlegestelle wohnt, war mit ihrem Mann zusammen von 1975 bis 2002 Betreiberin der Mühlheimer Fähre. Wie Schwander soll auch sie über ein Fährpatent verfügen.

Gegen 11.30 Uhr, als die beiden gerade Kaffee tranken, hörten sie plötzlich den Motor der Fähre. „Nach 19 Jahren erkennt man den Klang des Motors“, sagt Schwander. Als er dieses Geräusch hörte, fragte er sich nur: „Was machen die da?“

Hilfe mit einem Bootshaken

Kurze Zeit später klingelte Schäfers Telefon. Kolbüken rief die ehemalige Fährbetreiberin an und erkundigte sich nach Schwander. „Sie sollte dann sagen, dass ich nicht da sei“, erklärt Schwander.

Ursula Schäfer erinnert sich gut an das Telefonat: „Kolbüken sagte ´Ich treibe Richtung Fahrwasser´“. Dementsprechend hätte Panik an Bord geherrscht. „Ich habe ihm dann erklärt, was er tun könne“, so Schäfer. An Bord gebe es einen Bootshaken, mit dem hätte man versuchen können, sich ans Ufer zu ziehen. Dies habe jedoch anscheinend nicht funktioniert.

Rettungskräfte mussten die Fähre bergen

Kolbüken bestätigt dieses Telefonat. „Wir haben es dann, wie Frau Schäfer empfohlen hat, mit dem Haken versucht. Leider war das Wasser jedoch an der Stelle zu tief, weshalb es nicht geklappt hat“, erklärt der Betreiber.

Weil eben dieser Versuch schief gegangen war, musste die Feuerwehr verständigt werden, damit die Fähre geborgen werden konnte.

Stabilisatorenseile rissen

Zum Ablauf der Havarie hat Schwander eine genaue Vorstellung: „Wenn man an- und ablegt, müssen die beiden Propeller eine bestimmte Position haben. Ich habe das den Jungs zwar gezeigt, aber das dauert eine Zeit, bis man das richtig kann.“ Daher geht Schwander davon aus, dass die Propeller eine falsche Ausgangsstellung hatten. „Die Fähre ist dann vermutlich in Richtung Mühlheimer Schleuse flussaufwärts getrieben“, spekuliert der Dörnigheimer. Daraufhin seien die Mitarbeiter in Panik geraten und hätten, so Schwanders Überlegung, versucht gegenzusteuern.

Das Gierseil, das normalerweise straff gespannt ist, sei dann wegen der fehlenden Spannung gemeinsam mit den zwei Stabilisatorenseilen unter Wasser geraten. Durch den Versuch gegenzusteuern, habe sich die Fähre um ungefähr 180 Grad gedreht. Aus diesem Grund seien die Steuerungspropeller, die sich sonst auf der anderen Seite der Fähre befinden, in die Nähe der Seile geraten. „Die Stabilisatorenseile sind dann unten in die Propeller gekommen“, mutmaßt Schwander, „daraufhin sind sie gerissen und der Motor hat abgewürgt.“ Dann hätte die Fähre nur noch am Gierseil gehängt und wäre navigationsunfähig gewesen.

Kolbüken bestätigt den Ablauf

Diese Version stimmt in den wichtigsten Punkten mit der Aussage Kolbükens überein. Der Heusenstämmer bestätigt, dass sich die Fähre bei den Versuchen gegenzusteuern gedreht habe und so die Stabilisatorenseile in die Propeller gekommen waren.

Eine Gefahr, dass das Schiff in Richtung Offenbach abtreibt, habe, so Schwander, aufgrund des intakten Gierseils nicht bestanden. Viel gefährlicher wäre gewesen, wenn das Schiff in die Fahrrinne des Mains gelangt wäre. „Da fahren teilweise mit Benzin oder Öl beladene Tanker. Die können nicht ausweichen. Wenn es eine Kollision gegeben hätte, wäre das sehr schlimm ausgegangen“, fasst Schwander den Ernst der Lage zusammen.

Offenbach beteiligt sich nicht an Spekulationen

Nach 635 Tagen Stillstand wurde der Betrieb der Mühlheimer Fähre am Montagmorgen wieder aufgenommen. Jedoch kam es bereits nach wenigen Stunden zu einer Havarie auf dem Main. Der Eigentümer der Fähre, der Landkreis Offenbach, möchte sich zu den Anschuldigungen Schwanders, dass der neue Betreiber der Fähre keine Mitarbeiter mit Fährpatent beschäftige, nicht äußern. Auf Nachfrage erklärt Kreissprecherin Sandra-Kristin Klauß: „An Spekulationen können und werden wir uns nicht beteiligen. Fakt ist, dass der Kreis einen rechtsgültigen Vertrag mit dem Betreiber hat, der diesen verpflichtet, sachkundiges Personal mit entsprechenden Patenten einzusetzen. Selbstverständlich behalten wir uns rechtliche Schritte vor. Wie diese aussehen könnten, wird aktuell geprüft. Wir stehen dafür in engem Austausch mit allen Beteiligten. Sobald nähere Informationen dazu vorliegen, werden wir die Öffentlichkeit umgehend informieren.“

Diese Aussage deckt sich mit denen der betroffenen Kommunen. Auch Maintal und Mühlheim möchten sich nicht zu laufenden Verfahren äußern. Zurzeit haben die Wasserschutzpolizei und das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt die Ermittlungen zu dem Vorfall aufgenommen und versuchen, die Hintergründe aufzudecken.

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