Der 92-Jährige Heinz Richter steht für den Charakter der Literatur- und Musikgruppe wie kaum ein anderer. Er ist von Anfang an dabei. Foto: Rainer Habermann

Maintal

Literaturgruppe Ratatouille feiert 30-jähriges Bestehen

Maintal. „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund.“ „Fort mit den Rossen! Es lebe: Hurra! Der König vom Eselsgeschlechte!“ „Sei was du bist, gib was du hast.“

Von Rainer Habermann

François Villon, Heinrich Heine, Rose Ausländer, von denen diese Gedichtzeilen stammen: sie alle haben eines gemeinsam. Sie gehören – neben vielen weiteren – zu den Lieblingsdichtern der Hochstädter Literatur- und Musikgruppe Ratatouille.

Sie feierte am Samstagabend ihr 30-jähriges Bestehen in der evangelischen Kirche des Fachwerkstadtteils von Maintal mit einer Art „Best of Poetry“. Den erklärten Lieblingsstücken aus Prosa, Reim und Musik der rund 20 Mitglieder des Zirkels aus Vorlesern, Rezitatoren, Instrumentalisten der Stimme und des guten Tons. 14 von ihnen trugen im Laufe des gut zweieinhalbstündigen Jubiläumsabends einzeln oder in wechselnden Besetzungen die Kleinode aus Dichtkunst und Chanson vor.

Namentliche Nennung verdient

Sie haben es alle verdient, hier namentlich genannt zu werden: Brit Chameroy, Christa Goede, Sylcke Günther, Hans Kaiser, Solveig Kollar-Eggert, Hardy Natho, Claudia Nothstein, Susanne Rau, Uwe Rau, Heinz Richter, Harry Schneider-Reckels, Yvonne Schwabach, Joachim Seng und Hanne-Brigit Wiederhold-Alt.

Ihr Publikum saß am Abend auf den Kirchenbänken. Ursprünglich sollte die Jubiläumsfeier draußen, im Innenhof des schmucken Gotteshauses stattfinden. Aber wer konnte damit rechnen, dass dieser prächtige Sommer abrupt in den Herbst mutieren sollte. Und dennoch: „Die guten Dinge dieser Welt sind alle kostenlos. Die Luft, das Wasser, die Liebe“, heißt es in einem Gedicht von Eva Strittmatter.

So waren die Worte und Klänge am Abend nicht billig, denn wenn Literaten oder Literaturliebende sie vortragen, sind sie auch in aller Regel wertvoll, nicht umsonst. Kostenlos, billig, umsonst: drei Begriffe für scheinbar die gleiche Sache, gerade in der heutigen „Geiz-ist-geil-Gesellschaft“. Doch oha: natürlich zeigte sich das Maintaler Publikum nicht zugeknöpft. Der Erlös des Abends, auch aus dem Verkauf von Brezeln, Bier und Wein (und natürlich aus nicht-alkoholischer Kost), kam voll dem Arbeitskreis Asyl Maintal zugute. Das ist geübte Praxis bei Ratatouille.

Viele Stiftungen in der Vergangenheit

So hatte die Gruppe in der Vergangenheit immer wieder ihre Erlöse „fremdenfreundlichen“ Einrichtungen gestiftet. Denn wie heißt es so schön bei Karl Valentin: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“.

Der Lohn des Künstlers ist bekanntlich der Applaus, auch wenn hier nicht Dichter selbst vor dem Altar standen, sondern deren kunstvolle und ausdrucksstarke Vermittler. Und mit dem Beifall geizte das Publikum am Abend nicht, im Gegenteil: Ratatouille wurde stürmisch gefeiert in der historischen Hochstädter Kirche.

Dass man das Wort „fremdenfreundlich“ (bedingt durch die Erlös-Widmung einer Jubiläumsveranstaltung an den Arbeitskreis Asyl) in Anführungszeichen setzen muss, liegt vielleicht daran, dass man es dem heute eher gebräuchlichen Terminus „fremdenfeindlich“ entgegensetzen möchte, der in der Gesellschaft viel stärker verbreitet scheint.

Von Anfang an dabei

Dass Ratatouille dieses freundliche Wort nicht fremd ist, im Gegenteil, belegt hervorragend Heinz Richter, der als einziger aus der Gruppe hier explizit genannt werden soll. Nicht, weil er besonders hervorstach, sondern weil er eigentlich für den Charakter der Literatur- und Musikgruppe steht wie kaum ein anderer, und auch von Anfang an dabei ist.

Richter zählt sage und schreibe 92 Lenze. Der Steinheimer trug unter anderem den „Wahlesel“ von Heinrich Heine vor: und zwar auswendig (!). Sang den „Mackie Messer“ aus Bertolt Brechts und Kurt Weils „Dreigroschenoper“, und betonte verschmitzt das Heine-Gedicht um die Eseleien von Nationalisten dermaßen pointiert und treffsicher, dass das Publikum zu stehenden Ovationen – wie am Schluss nach Fritz Eckenga's „Der Wein war ein Gedicht“ – kam.

Das „Belle“ im Wort und in der Melodie kommt bei Ratatouille natürlich nicht zu kurz. Ob Beppo Straßenfegers kleines Geheimnis aus Michael Endes „Momo“, Hans Magnus Enzensbergers „Umerziehung“, Eichendorffs „Mondnacht“, oder Liedern wie Edith Piafs „La vie en rose“ und Hildegard Knefs „Für mich soll's rote Rosen regnen“: über 40 „Best of“ aus 30 Jahren Ratatouille-Geschichte boten einen glänzenden Rahmen zum Feiern in der evangelischen Kirche zu Hochstadt.

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