Letzte jüdische Familie verlässt 1940 Wachenbuchen

Frisch geputzt sind die Stolpersteine vor dem Haus Alt Wachenbuchen 40 gut sichtbar. Sie erinnern an Mathilde, Arthur und Henny Strauß; drei Juden, deren Leben durch die Nationalsozialisten jäh beendet wurde. Am 27. Juli 1940 verließ die Familie Strauß Wachenbuchen. Es war die letzte jüdische Familie im Dorf.
Maintal - Bürgermeister Seng hatte auf diesen Tag lange gewartet: Unter dem Datum des 16. August berichtete er anschließend dem Landrat, „dass die Gemeinde Wachenbuchen ab 27.7. 1940 judenfrei ist“. An jenem Sommertag räumten die 70-jährige Witwe Mathilde Strauß und ihre unverheirateten Kinder Arthur und Henny das Hab und Gut zusammen, um im Frankfurter Ostend eine Bleibe zu finden. Das Eigentum am Wohnhaus fiel an die Gemeinde, die es zunächst an „Arier“ verpachtete und später verkaufte.
Keine Perspektive in Frankfurt
In Frankfurt traf die Familie auf all die Landjuden, welche vor ihnen aus der Umgebung nach Frankfurt gezogen waren und nicht mehr ins rettende Ausland fliehen konnten. „Eine Perspektive gab es in Frankfurt nicht“, erzählt Herbert Begemann, Vorsitzender des Vereins Brüder-Schönfeld-Forum, der sich für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus einsetzt. Auch das Schicksal der Familie Strauß hat Begemann aufwendig recherchiert. Bereits mit dem ersten Frankfurter Transport vom 19. Oktober 1941, der das Ghetto im polnischen Lodz zu Ziel hatte, wurden Mathilde, Arthur und Henny Strauß in den von der Wehrmacht eroberten Osten deportiert. Unter den 1125 Verschleppten befanden sich auch Leo Sonneberg mit seiner Frau Hedwig, ehemals Lehrer der 1938 zerstörten jüdischen Schule Wachenbuchen.
Katastrophale Lebensverhältnisse im Ghetto Lodz
Die Lebensverhältnisse im Ghetto Lodz waren katastrophal. So starb Mathilde Strauß dort schon einen Monat nach Ankunft des Transportes am 21. November 1941. „Wir haben davon Kenntnis, weil es anfangs noch möglich war, Postkarten in die Heimat zu versenden, wenn auch zensierte“, berichtet Begemann. So gelangte die Nachricht von ihrem Tod zu Joseph Strauß im holländischen Arnheim. „Er war Mathildes ältester Sohn, beruflich in Krefeld tätig und frühzeitig mit seiner Familie in die vermeintlich sicheren Niederlande geflohen.“ Von ihm veranlasst erschien Anfang 1942 im „Joodsche Weekblatt“ eine Anzeige, in der er und die in Lodz befindlichen Geschwister für die Beileidsbekundungen zum Tod ihrer Mutter dankten.
Seit 2007 erinnern Stolpersteine an Familie
Seit 2007 erinnern die drei Stolpersteine vor dem Haus Alt Wachenbuchen 40 an Mathilde, Arthur und Henny Strauß. Dazu komplementär gibt es drei „Stolpersteine“ im niederländischen Arnheim, die Joseph Strauß aus Wachenbuchen, seiner Berliner Ehefrau Margarethe und deren Mutter gewidmet sind. Denn nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen war auch das Schicksal der nach hier geflohenen deutschen Juden besiegelt. Im Oktober 1942 wurde die Familie des Joseph Strauß über Westerbork in das Vernichtungslager Auschwitz verbracht. Wer der niederländischen Hauptstadt einen Besuch abstattet, kann die Namen der Arnheimer Familie auf dem 2021 eingeweihten nationalen Holocaustmonument der Niederlande finden und sogar eine persönliche Patenschaft übernehmen. kbr
Stolperstein-Serie:
Im Rahmen einer Serie stellen wir in unregelmäßigen Abständen die Schicksale von Opfern des Nationalsozialismus aus Maintal vor. Von politisch Verfolgten, von Ermordeten und auch von Überlebenden. Die Biografien dieser Menschen hat das Brüder-Schönfeld-Forum in Dörnigheim recherchiert und unserer Zeitung zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen zur Arbeit des Vereins unter brueder-scheonfeld- forum.de