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"Lärmbelustigung": Unterwegs mit den Kreppelzeitungsverkäufern

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Haustürgeschäfte sind am Faschingssamstag in Hochstadt gang und gäbe – und hoch geschätzt. Foto: Kalle
Haustürgeschäfte sind am Faschingssamstag in Hochstadt gang und gäbe – und hoch geschätzt. Foto: Kalle

Maintal. "Hoooochstädter Kreppelzeituuuung" – Es ist ein unverkennbarer Ruf, der am Fastnachtssamstag in allen Straßen des Stadtteils zu hören ist. Es bedeutet, dass die traditionsreiche Faschingszeitung des Humor-Musik-Vereins "Edelweiß" verkauft wird – und zwar auf einem ebenso traditionsreichen Vertriebsweg.

Von Martina Faust

Wie in einem Bienenstock geht es in der Geschäftsstelle des HMV zu, als ich dort gegen 10 Uhr eintreffe. Während die ersten Verkäufer bereits aus der Tür stürmen, bepackt mit Umhängetaschen, in denen sich das wichtigste Nachrichtenblatt des Jahres, die Hochstädter Kreppelzeitung, befindet, halte ich zunächst Ausschau nach meiner Gruppe.

Gemeinsam mit Pia Jost, Silvia Koffler und deren Tochter Clara dürfen mein Nachwuchs und ich heute die 81. Ausgabe der Faschingszeitung verkaufen. In insgesamt zwölf Bezirke ist Hochstadt unterteilt, um die Gebiete und damit den zeitlichen Rahmen des Verkaufs überschaubar zu halten. Schließlich nehmen die meisten Verkäufer später noch am Karnevalsumzug in Dörnigheim teil.

Kreppelboss Rund 60 Mitglieder und Freunde des Vereins sind an diesem Vormittag unterwegs – eine Zahl, die stetig steigt. „Hochstadt ist in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden. Das heißt, dass heute in mehr Bezirken Zeitungen angeboten werden, um den kompletten Stadtteil zu versorgen“, erklärt Frank Walzer, der als Kreppelboss seit 2005 dem Redaktionsteam, den so genannten Kreppelrichtern, vorsteht.

Zehn Autoren wirkten an der aktuellen Ausgabe mit. Im Laufe des Jahres trugen sie allerlei unterhaltsame Begebenheiten aus Hochstadt und Umgebung zusammen, die sie anschließend in Verse gießen, als Anzeige, Tagebucheintrag oder in einer anderen Darstellungsform verpacken. Auf 32 Seiten finden sich so die wichtigsten Ereignisse des Jahres – und die gilt es, am Faschingssamstag unter die Leute zu bringen.

Möglichst robuste StimmbänderFür die Verkäufer bedeutet diese Aufgabe nicht nur jede Menge Spaß, sondern auch eine große Ehre. Schließlich wird die Kreppelzeitung seit ihrer Erstausgabe an der Haustür verkauft – und zwar lautstark. „Es ist eine gute Tradition, dass die Kreppelzeitung mit Musik und Gesang angepriesen wird. Früher waren die Männer der alten HMV-Band mit Akkordeons unterwegs, heute nehmen die Musiker der 'Lärmbelustigung' ihre Instrumente mit. Das überzeugendste Instrument bringt aber jeder Verkäufer grundsätzlich mit: seine möglichst robusten Stimmbänder“, erklärt Frank Walzer.

Doch die sind gar nicht zwingend vonnöten, wie ich bald feststelle, denn viele treue Leser warten bereits ungeduldig hinter den Fenstern. Da braucht es mitunter gar nicht viel Werbung, damit sich die Türen öffnen – und zwar nicht nur für den eigentlichen Kauf. Hier und da gibt es für die erwachsenen Verkäufer eine flüssige und für die Kinder eine kalorienreiche Stärkung. Kein Wunder also, dass unsere beiden Zwerge mit Begeisterung dabei sind und aufgeregt auf die Klingelknöpfe drücken, in Erwartung eines süßen Trinkgelds. Das gibt es auch bei Traude Koch.

KreppelzeitungsverkäuferSchon seit Jahrzehnten deckt sie ihren Tisch für die Kreppelzeitungsverkäufer, und als wir uns durch den Flur in das warme Wohnzimmer drängen, sorgen Brezeln, Schokolade, Saft und Hochprozentiges für leuchtende Augen. Und als käme dies alles noch nicht nah genug ans Schlaraffenland heran, gibt es für die beiden jüngsten Verkäufer noch ein Kuscheltier.

Es ist eine willkommene Pause, die sich hier einlegen lässt. Man sitzt zusammen, isst, trinkt und plaudert. Über Gott und die Welt, und natürlich über Hochstadt. Dann geht es weiter, denn erfahrene Verkäufer wissen, wo sich entlang der Route noch weitere Türen öffnen werden. Daher sind wir in unserem Bezirk, der neben der Hauptstraße noch die Hanauer, Tauben-, Schwarzwald-, einen Teil der Bernauer und Kalkhausstraße umfasst, bis kurz nach 13 Uhr unterwegs.

GeschäftsstelleDa sitzt Pia Jost schon ein wenig die Zeit im Nacken. „Ich setze mich schon mal ab“, sagt sie in der Schwarzwaldstraße. Schließlich muss sie sich noch umziehen und ihr Instrument holen, um rechtzeitig zur Abfahrt der „Lärmbelustigung“ zum Umzug in Dörnigheim an der Geschäftsstelle zu sein.

Silvia Koffler und ich marschieren derweil mit den beiden Kindern zurück zur Geschäftsstelle. Dort wartet bereits Christiane Nölle auf die Verkäufer, die von ihren Touren zurückkommen. Wie die anderen Mitglieder des Kreppelgerichts hilft sie an diesem Tag bei den verschiedenen Aufgaben tatkräftig mit.

All-in-one-Shop Während sich die Verkäufer an einem kleinen Buffet mit Würstchen, Salaten, Brot und Kreppeln sowie Getränken stärken können, wird die Zahl der verkauften Exemplare und das Trinkgeld ermittelt, das in die Vereinskasse fließt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und zaubert uns ein zufriedenes Lächeln aufs Gesicht – auch den Jüngsten, die ihren Anteil vom Trinkgeld zu Hause in das Sparschwein stecken dürfen.

Jetzt schmeckt das Würstchen gleich doppelt so gut und stärkt für die zweite Verkaufstour. Denn beim Karnevalsumzug sind die Verkäufer dann noch ein weiteres Mal gefragt. Wer sich noch ein Exemplar sichern möchte, kann dies ab heute im All-in-one-Shop an der Bischofsheimer Straße 2 in Hochstadt.

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