Tatort Berliner Straße: Weitere Zeugen bringen nur wenig Licht ins Dunkel. Archiv
+
Tatort Berliner Straße: Weitere Zeugen bringen nur wenig Licht ins Dunkel. Archiv

Rüffel von der Richterin für Zeugen mit Gedächtnislücken

Kuriose Aussagen im Maintaler Kopfschussprozess

  • Thorsten Becker
    VonThorsten Becker
    schließen

Herr C. hat offenbar wirklich keine Lust, vor der Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht auszusagen. Das merkt jeder im Saal. Doch der 39-Jährige ist eine der Schlüsselfiguren im Prozess um den versuchten Totschlag an der Berliner Straße in Dörnigheim, bei dem sich Afewerki W. dafür verantworten muss, dass er seiner Ex-Freundin in den Kopf geschossen haben soll (wir berichteten).

Der Zeuge C. kennt W. „vom Fußball“. Schon seit Jahren. „Er ist ein guter Freund. Ich kann es mir nicht erklären, warum er das gemacht hat“, gibt er zu Protokoll. Doch dann hat C. immense Erinnerungslücken an diese Nacht vom 1. auf den 2. September 2019. Die Schuld dafür schiebt er auf das Kokain, das er damals konsumiert habe. „Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht mehr“, wiederholt er mehrfach.

Doch an diesem Abend kommt die 27-jährige Freundin von W. kurz nach Mitternacht plötzlich zu ihm in die Wohnung und bleibt rund drei Stunden. Auch daran kann sich C. nicht mehr so genau erinnern. Beide seien befreundet gewesen, mehr nicht. Sex? Nein, den habe es nicht gegeben. Vor allem gibt es große Erinnerungslücken daran, dass beide später noch mehrfach telefoniert haben.

Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel hilft ihm auf die Sprünge. Laut Handyprotokoll gibt es zwischen 3.23 und 4.08 Uhr zwei Telefonate und drei vergebliche Rückrufversuche von C., der sich nur noch an das Telefonat um 5.22 Uhr erinnert: „Sie hat mich angerufen und gesagt, dass sie eine Kugel im Kopf hat.“ Gut, einen solch dramatischen Anruf wird wohl niemand vergessen. Doch die restlichen Wählversuche? Keine Erinnerung.

Zwar trägt die Vorsitzende Richterin keine Kopfbedeckung. Aber beinahe platzt ihr die imaginäre Hutschnur: „Wissen Sie, dass ihre Anrufe die Tat ausgelöst haben?“, fragt sie mit viel Effet in der Stimme und bringt es auf den Punkt: Der Angeklagte soll eifersüchtig auf den vermeintlichen Nebenbuhler C. gewesen sein. Das scheint ihn heute aber wohl nicht mehr zu interessieren.

Ein weiterer Zeuge ist Herr A., der ebenfalls durch große „mentale Defizite“ nicht unbedingt zur Klärung des Sachverhalts beiträgt. Aber er trägt eine Kopfbedeckung und sorgt dafür, dass sich die Richterin über dessen respektloses Verhalten vor Gericht zurecht echauffiert: „Wenn ich Ihnen sage, dass Sie ihren Hut absetzen, dann tun Sie das auch!“

Wenigstens kann A. etwas zur mutmaßlichen Tatwaffe sagen, bei der es sich laut Ballistik-Gutachten um eine zweiläufige Pistole der Marke „Deringer“ handeln könnte. So will er erfahren haben, dass W. die Waffe von einer bekannten Größe aus der Maintaler Drogenszene erhalten habe. „Es war wohl eine Gaspistole, die umgebaut worden ist“, sagt er aus. Und er hat eine düstere Vermutung, weil es in der Maintaler Unterwelt offenbar Streit gibt: „Er hat die Knarre bekommen, um mich zu erschießen.“

Ganz besonders eilig hat es an diesem Tag eine Cafè-Besitzerin, bei der das Opfer als Bedienung angestellt war. Sie hat „noch einen dringenden Termin“, also eigentlich keine Zeit für einen Totschlags-Prozess, mit dem sie nichts zu tun haben will. Sie habe der jungen Frau sowieso nach „dem Vorfall“ gekündigt.

Zum Glück für das Gericht erscheinen dann noch ein junger Streifenpolizist, der ebenso klare Aussagen macht wie eine Augenzeugin, die mit ihrem Hund Gassi gehen will und wenige Sekunden nach den Schüssen vor die Tür geht. Sie sieht, dass eine Frau auf dem Boden liegt. Und wenig später macht sie im nahe gelegenen Wäldchen eine mysteriöse Beobachtung. „Dort war ein Mann, der telefoniert hat.“ Was er gesagt hat, daran erinnert sich die Zeugin noch ganz genau: „Er hat gesagt: ‘Er hat auf sie geschossen, Mann!’“

Schließlich ist es dann Herr Wa., für den der Zeugenstuhl bereitsteht. Der 32-jährige Taxifahrer hat am Morgen noch eine Ausrede parat gehabt und beim Gericht angerufen: Er könne nicht kommen, da er sich unwohl fühle.

Doch das scheint eine Ausrede zu sein. Deshalb schickt ihm das Schwurgericht ein „besonderes Taxi“ an seine Wohnanschrift. Ein Polizist liefert Wa. daraufhin im Verhandlungssaal ab und er nimmt Platz. Es scheint wie verhext zu sein an diesem Tag. Auch Wa. kann sich an „nichts erinnern“. Den Angeklagten kenne er vom Sehen. Das Opfer? „Kenne ich nicht.“ Und das, obwohl seine Nummer als „Bär“ im Smartphone der Frau abgespeichert ist. Da wird die Vorsitzende sehr deutlich: „Ich kann Sie auch in Beugehaft schicken“, droht Wetzel, doch der Zeuge bleibt störrisch: „Was wollen Sie von mir hören?“ Die Vorsitzende: „Zu Abwechslung mal die Wahrheit!“ Doch die kommt durch diesen Zeugen auch nicht ans Licht.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

Von Thorsten Becker

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema