Muss für sieben Jahre und acht Monate hinter Gitter: Der 37-jährige W. hat seine Ex-Freundin in  den Kopf geschossen.
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Muss für sieben Jahre und acht Monate hinter Gitter: Der 37-jährige W. hat seine Ex-Freundin in den Kopf geschossen.

Kopfschuss in Maintal

Opfer geht nach Urteil zur Anklagebank: „Ich will Dir nichts Böses“

  • Thorsten Becker
    vonThorsten Becker
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Es ist ein sehr ungewöhnlicher Fall. Sogar dann noch, als die Schwurgerichtskammer am Freitag ihr Urteil gefällt und Afewerki W. (37) wegen versuchten Totschlags zu sieben Jahren und acht Monaten Haft verurteilt – inklusive einer Vorstrafe wegen Einbruchs.

Maintal/Hanau - Kaum hat Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel die Sitzung geschlossen, ist Rechtsanwältin Gabriele Berg-Ritter in der Rolle der Vermittlerin. Sie vertritt in diesem Prozess als Nebenklägerin die Interessen des Opfers. Die 26-jährige Frau, die vom Angeklagten im September 2019 durch einen Kopfschuss verletzt worden war, hat nun einen Wunsch: Sie würde gerne mit ihrem elf Jahre älteren Ex-Freund sprechen.

Opferanwältin vermittelt im Verhandlungssaal

Also fragt die erfahrene Opferanwältin Berg-Ritter nach. Die Vorsitzende hat keine Einwände gegen ein persönliches Gespräch, Wiebke Otto-Hanschmann, die Strafverteidigerin von W., ebenso wenig. So kommt es fast eineinhalb Jahre nach der Bluttat zur ersten Begegnung. Die 26-Jährige fasst sich ein Herz, tritt an die Anklagebank, wo der 37-Jährige in Handschellen steht.

„Ich will in Frieden leben“

Vergessen scheinen die vielen lautstarken Streitigkeiten in dieser „toxischen Beziehung“, vergessen die beiden Schüsse, die W. in der Nacht zum 2. September 2019 an der Berliner Straße in Dörnigheim auf sie abgefeuert hat. „Ich will Dir nichts Böses. Ich will einfach nur in Frieden leben“, sagt sie leise, aber bestimmt. Der Ton ist versöhnlich. Und W., vor wenigen Minuten verurteilt, erwidert ebenso ruhig, bevor ihn die Justizwachtmeister in die Zelle zurückführen. Ob sie ihm verzeihen kann? Fast scheint es so. Dabei ist das, was W. ihr angetan hat, eigentlich unverzeihlich. Es wird aber deutlich: Die 26-Jährige ist erleichtert, dass sie diesen Fall, den Prozess, ihre Zeugenaussage und den ganzen Rummel endlich hinter sich lassen kann. Das könnte auch ein Teil der Verarbeitung sein.

Kugel bleibt im Schädel stecken

Denn Landtagspräsidentin Wetzel stellt in ihrem Urteil klipp und klar fest: Die 26-Jährige hat „zum Glück keine gravierenden körperlichen Langzeitschäden“ davon getragen. Wohl aber „erhebliche psychische Folgen“. Und diese gehen zulasten des Angeklagten. Es sei ein Auf und Ab gewesen in dieser Beziehung, die zunächst harmonisch begonnen habe, stellen die fünf Richter fest. Dann habe es immer wieder Streit bei dem Paar gegeben, der schließlich eskaliert sei. Die Kammer geht davon aus, dass W. eifersüchtig gewesen sei, weil die Frau angeblich einem anderen Mann zugeneigt sei. So kam es schließlich zu den Schüssen, die als versuchter Totschlag sowie gefährliche Körperverletzung geahndet werden.

Rätsel um verschwundene Tatwaffe

Offen bleibt jedoch das Rätsel um die Tatwaffe, die bis heute nicht gefunden worden ist. Daher nehmen die Richter an, dass es sich um eine umgebaute Schreckschusswaffe gehandelt haben könnte. Nur so lässt sich nach Aussagen von Waffenexperten erklären, warum es am Uniklinikum in Frankfurt möglich gewesen ist, eine deformierte Bleikugel aus dem Schädel des Opfers herauszuoperieren. Nach Berechnungen des Gutachters sei die Aufprallgeschwindigkeit der Kugel maximal halb so groß gewesen wie ein Projektil aus einer echten Pistole.

W. muss 10 000 Euro Schmerzensgeld zahlen

Zwar sei die Verletzung des Opfers nicht lebensbedrohlich gewesen, allerdings hätte die Kugel an anderer Stelle auch tödliche Verletzungen verursachen können Weil W. vor und während des Verbrechens nachweislich unter Kokaineinfluss gestanden hat, verhängte die Kammer außerdem noch den Drogenentzug als Maßregel. Zudem muss der Angeklagte ein Schmerzensgeld von 10 000 Euro an die Angeklagte zahlen.

Urteil zu milde? Legt die Staatsanwaltschaft Revision ein?

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Staatsanwältin Lisa Pohlmann, die wegen versuchten Totschlags und Geiselnahme eine Gesamtfreiheitsstrafe von neuneinhalb Jahre Haft gefordert hat, kündigte an, zunächst überprüfen zu wollen, ob gegen das Urteil Revision eingelegt wird. Die Verteidigerin hatte wegen gefährlicher Körperverletzung sechseinhalb Jahre Gefängnis beantragt. (Von Thorsten Becker)

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