Das Gelände der „Main River Ranch“, auf dem das Ehepaar Sieglinde und Harry Klock getötet wurde, liegt immer noch brach. Vor Gericht geht es weiter um die genauen Umstände der Tat. Foto: Kalle

Maintal

Klock-Prozess: YouTube-Videos sollen Beweissicherung bereichern

Maintal. Der Klock-Prozess geht in eine neue Runde. Am aktuellen Verhandlungstag wurden diverse YouTube-Videos präsentiert, mit denen der Gebrauch einer P-38-Handfeuerwaffe veranschaulicht werden sollte.

Von Dieter A. Graber

Irgendwo in Amerika. Ein Bursche mit Ohrenschützern über dem Basecap, groß wie Schlauchboote, steht, die Walther P.38 im beidhändigen Anschlag, am Rand einer Sandkuhle und feuert auf kleine rote Scheiben, die einen aus Paletten provisorisch zusammengezimmerten Schießstand schmücken. Ausgespuckte Hülsen tanzen in Zeitlupe durch die Luft. Es knallt ohrenbetäubend.

Ja, so eine Luger macht was her, das muss man sagen, optisch und akustisch. Mit der Treffsicherheit ist es so berauschend hingegen nicht, zumindest, wenn sich das Ziel in einer Entfernung von mehr als acht Yards, das sind sieben Komma drei eins fünf Meter, befindet. Zudem ist der Rückstoß enorm. Aber Amis sind nun mal Nostalgiker und lieben deutsche Wehrmachtswaffen. Also auch die P.38.

YouTube zur BeweissicherungOberstaatsanwalt Heinze hat den Clip und ein paar weitere auf dem Videoportal YouTube entdeckt. Die Filmchen sind nun im Klock-Prozess auf den Gerichtsmonitoren zu sehen und hören. Es gibt auch noch ähnliche bewegte Bilder aus Russland. Die wurden von der Verteidigung ausfindig gemacht, um zu zeigen, dass die P.38 auch einhändig und ohne Gehörschutz benutzt werden kann. (Wir sehen: Hier geht es ums Prinzip.) Einer heißt Tokarev vs. Luger: Da ballern zwei Krieger im Flecktarn um die Wette. Rote Armee gegen Wehrmacht. Männer, die auf Ziele starren . . .

Es will sich so recht nicht erschließen, was damit zu beweisen wäre, aber das Verfahren ist inzwischen auf einem Niveau angelangt, zu dem auch ein Blauer-Bohnen-Film mit Eddie Constantine passen könnte. Die Nebenklageanwälte schei . . . pardon! – schütten die Kammer mit immer neuen Beweisanträgen zu, dass einem die drei Berufsrichter leidtun können.

Diverse Beweisanträge abgelehntDie haben es bisweilen schwer, ihre Mimik im Griff zu behalten. Zu skurril aber auch, was da beantragt wird.Mit fast mütterlich-gütiger Strenge lehnt die Vorsitzende Susanne Wetzel alle zehn oder elf Anträge ab, Zeugen zu hören zum Beweis dafür, dass der Angeklagte Klaus-Dieter B. – erstens zum Jähzorn geneigt, zweitens das Finanzamt behumst, drittens stets ein Messer zum Brotschneiden mit sich geführt, viertens seine Wohnung vermüllt zurückgelassen, fünftens keinen Kontakt zu Nachbarn gepflegt habe und so weiter. Das alles sei, so die Richterin, für das Verfahren unerheblich. Bedeutsam sei nur, was an jenem 6. Juni 2014 auf dem Gelände der Main River Ranch geschah.

Das aber ist ausermittelt. Es gibt keine Zeugen. Es gibt nur Indizien und die „Chronik“ des Claus Pierre B., eine Art Tagebuch, in welches er das Leben auf der Ranch fast minutiös niederschrieb. Man kann, wie es die Nebenkläger tun, dieses fast übermenschliche Erinnerungsvermögen bezweifeln. Widerlegen kann man es nicht. Und so erschöpfen sich die Beweisanträge in dem Versuch, wenigstens den Leumund der Angeklagten zu ruinieren.

Ohrenzeugin widerspricht sichAber da ist auch noch die Sache mit Frau S., der Ohrenzeugin vom Nachbarhof. Sie will am Mittag, auf einer Gartenliege schlummernd, zwei Schüsse gehört haben. „Puff-puff!“ Das war alles. Kein Hundegebell, keine Schreie. Nichts. Nun, zu einem schüchternen Puff-puff würde sich eine Walther P.38 wohl kaum herablassen, wie die kleine Videovorführung im Saal 215 am heutigen Tag beeindruckend demonstriert.

Und überhaupt: In ihrer neuerlichen Vernehmung hatte Frau S. erklärt, spätestens um 13 Uhr das Gelände der IG Pferdeglück verlassen zu haben, um ihre Tochter Celine vom Unterricht in Hanau abzuholen.

Um 13.02 Uhr aber war Sieglinde Klock nachweislich noch am Leben. Celine aber sagte aus, ihre Schulstunde habe bis 14.30 Uhr gedauert. Fuhr ihre Mutter, die nach eigenen Angaben ein schlechtes Zeitgefühl hat, doch erst später los?

Neue AnträgeDer Mensch ist als Zeuge eine Fehlkonstruktion. Erinnerungen pflegen sich im Laufe der Jahre an den Rändern aufzulösen, dann auch oft in ihrem Kern zu verändern, sich zu überlagern. Neue Gewissheiten bilden sich heraus. Zwischen erster Vernehmung durch die Polizei und der Aussage vor Gericht liegen Welten verschiedener Wahrheiten. Die Nebenklageanwälte fordern nun, Celines Klassenleiter zu vernehmen. Wann war Schulschluss? Vor gut vier Jahren, wohlgemerkt! Gleichzeitig verlangen sie erneut Gutachten zum Lärmpegel durch den Verkehr auf der nahen L3268 und die Flugzeuge am Himmel über Maintal. Aber das ist alles schon mal da gewesen. Und alles schon mal verworfen worden von der Kammer.

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