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Kita Wingertstraße: Besuch bei einem männlichen Erzieher

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Peter Seibert ist Erzieher und einer von wenigen Männern, die sich für den Beruf entscheiden. Bei den Kindern der Kita Wingertstraße ist er sehr beliebt. Foto: Per Bergmann
Peter Seibert ist Erzieher und einer von wenigen Männern, die sich für den Beruf entscheiden. Bei den Kindern der Kita Wingertstraße ist er sehr beliebt. Foto: Per Bergmann

Maintal. Bundesweit gibt es einen eklatanten Mangel an Erziehern. Männliche Exemplare sind besonders selten. Wir haben eines von ihnen in Dörnigheim besucht und mit Kita-Leiterin Sabine Duckwitz über den Männer-Mangel gesprochen.

Von Per BergmannNach seinem Abitur studierte der heute 34-Jährige Germanistik und Anglistik, während er parallel begann, als Journalist zu arbeiten.

Heute ist Seibert Erzieher, und scheinbar sogar ein ziemlich guter, wie sich bei einem Besuch in der Kita Wingertstraße herausstellt. Mit ein bisschen Gelassenheit, Abgeklärtheit und ohne Berührungsängste lassen sich Kinderherzen ganz schnell erobern. Die kleine Lea klammert sich an seine breite Schulter, als der Reporter am Morgen Stift und Papier herausholt, um sich Notizen zu machen. Leider spricht sie so früh nicht mit der Presse.

Ihre Freundin Leonie, die sich Seiberts andere Schulter gesichert hat, übernimmt das Wort: „Peter ist auch mal streng.“ Offenbar auf eine charmante Art, denn „wir hören auch auf ihn“.

Seibert hilft mit seiner Arbeit auch dabei, Rollenbilder aufzubrechen: Er tritt den Beweis an, dass auch ein ganzer Mann seinen Lebensunterhalt in einer Kita verdienen und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Erziehung der dortigen Kinder leisten kann.

„Peter ist als männliches Vorbild sehr wichtig für unsere Kinder“, sagt Kita-Leiterin Sabine Duckwitz über ihren neuen Schützling. Letztendlich sei ein vielfältiges Spektrum an Charakteren entscheidend, „damit alle Kinder eine Bezugsperson finden“. Betreuungsteams müssten „repräsentativ für die Gesellschaft“ sein.

Um diese Vielfalt an starken Charakteren zu erreichen, braucht es definitiv mehr Männer, da sind sich praktisch alle Kita-Leitungen einig. Männer werden sozusagen händeringend gesucht. Sie könnten auch dabei helfen „veraltete Familienbilder aufzubrechen“, wie jenes, das die Kindererziehung hauptsächlich der Frau zuschreibt, ist sich auch Duckwitz sicher.

Aktuell zehn männliche Erzieher in Maintal

Nachdem Seibert erste Erfahrungen als Handballtrainer sammelte, merkte er, dass ihm die Arbeit mit Kindern Spaß macht. 2014 begann er eine praxisintegrierte Teilzeitausbildung zum Erzieher über die Stadt Hanau. Seit einem Jahr ist er in der Kita Wingertstraße angestellt. Einer von aktuell zehn männlichen Erziehern in den zwölf Kinderbetreuungseinrichtungen der Stadt Maintal.

Aber was tun gegen den Mangel an Testosteron in der Belegschaft? „Zunächst mal müssten die ersten beiden Ausbildungsjahre vergütet werden, dann würden sich auch mehr junge Männer für den Beruf interessieren“, stellt Seibert klar. Für eine bezahlte Erzieherausbildung sind laut einer Studie auch acht von zehn Deutschen. Man fragt sich eher, wieso das nicht schon längst der Fall ist.

Am Geld soll es in Zukunft jedenfalls nicht mehr scheitern. Erst kürzlich beschloss der Bundestag das Gute-Kita-Gesetz, das am 1. Januar in Kraft trat. Bis 2022 fließen rund 5,8 Milliarden Euro vom Bund in die Kitas, 2,3 Milliarden mehr als laut Koalitionsvertrag angedacht waren.

Verantwortlich zeichnete Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Sie sagt: „Es gibt Interesse an diesem Beruf, aber für zu viele ist er nicht attraktiv genug. Solange wir keine bessere Bezahlung und Anerkennung erreichen, dürfte sich daran auch nichts ändern.“ Auch wenn Kritiker sagen, dass der Bund in etwa das Dreifache investieren müsste, um die Kinderbetreuung bundesweit auf ein gutes Niveau zu heben, ist das Gute-Kita-Gesetz ein erster wichtiger Schritt.

Auch Menschen mit Migrationshintergrund unterrepräsentiert

191 000 Fachkräfte fehlen in deutschen Kindergärten und Kitas bis zum Jahr 2025 – bis zum Jahr 2030 sollen es knapp 200 000 sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine vom Familienministerium in Auftrag gegebene Studie. Hier kommen Männer wie Peter Seibert ins Spiel. Aktuell liege der Anteil der männlichen Erzieher bundesweit bei knapp sechs Prozent. Ließe er sich auf zehn Prozent steigern, hätte das knapp 30 000 zusätzliche Erzieher zur Folge.

Seibert wirkt mit seiner bewussten Berufsentscheidung sehr zufrieden. Die Einrichtung an der Wingertstraße ist eine so genannte Bewegungskita. „Ich habe mich zuerst bei dieser Kita beworben, da Sport mir schon immer sehr wichtig war.“ Sein Beispiel unterstreicht, dass sich ein gelernter und fähiger Erzieher seinen Arbeitgeber aussuchen kann. Langfristig gesehen eine kluge und sichere Berufswahl – erst recht für einen Mann.

Im Übrigen sind nicht nur Männer im Erzieherberuf unterrepräsentiert: Es ließen sich bis zu 49 000 zusätzliche Fachkräfte rekrutieren, wenn mehr Menschen mit Migrationshintergrund eingestellt würden. In den Kitas seien es derzeit lediglich elf Prozent, während der Anteil bei den in Deutschland Beschäftigten insgesamt bei 18 Prozent liege, auch zu diesem Ergebnis kommt die vom Familienministerium in Auftrag gegebene Studie.

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