Maintal

Kirchengemeinde berichtet über Flüchtlingshilfe in Griechenland

Maintal. Als das Flugzeug Richtung Thessaloniki abhob, hatten Renate Schwalenberg-Leister und Calle Leister doch leise Zweifel: „Haben wir uns richtig entschieden?“ Zusammen mit 19 weiteren Personen war das Ehepaar auf einer Begegnungsreise unter Leitung des Reisezentrums Ökumene in Griechenland unterwegs.

Von Ulrike Pongratz

In diese Fahrt zu Freiwilligen der griechischen Flüchtlingshilfe gab das Ehepaar aus Hanau-Steinheim am Mittwochabend im Gemeindezentrum der evangelischen Kirche Dörnigheim einen sehr eindrucksvollen und nachhaltigen Einblick.

Dem standen die Reiseerzählungen von Pfarrer Eckhard Sckell und Ingrid Delimares in nichts nach. Die beiden Mitglieder der evangelischen Gemeinde Dörnigheim erzählten von ihrer Begegnung mit der griechisch-evangelischen Gemeinde Katerini und deren Flüchtlingsprojekt Perichoresis.

Andere Seite der GrenzschließungenDie Bedenken, die das Ehepaar Schwalenberg-Leister gegenüber einem „Flüchtlings-Tourismus“ hatte, verflogen bereits bei ihren ersten Treffen mit ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern in Thessaloniki. „Unsere Gespräche, unser Austausch waren wichtig dort, damit Flüchtlinge und ihre Unterstützer nicht vergessen werden,“ sagten die beiden Hanauer. So lernten sie beispielsweise Elke Wollschläger, eine Textil-Ingenieurin kennen, die für das Projekt NAOMI tätig ist. In der Nähwerkstatt bildet sie Flüchtlinge an der Maschine aus. Die Fortgeschrittenen nähen wunderbare Wende-Taschen aus Stoffresten und verdienen etwas zum Lebensunterhalt: Flüchtlinge, die bereits professionell nähen können, finden sehr oft in der dortigen Textilindustrie einen Arbeitsplatz.

Die deutsche Gruppe lernte in Thessaloniki auch die andere Seite der Grenzschließungen kennen. 4500 Flüchtlinge warten dort seit einem Jahr und länger auf ihre Weiterreise nach Deutschland, darunter 3000 Personen unter 18 Jahre. Diese Durchgangssituation ist vor allem für die Kinder dramatisch. NAOMI hat deshalb für Frauen mit Kindern Wohnungen angemietet, übernimmt teilweise die Kosten für Ausweispapiere und Flugtickets und bietet den Wartenden Sprachkurse an.

Camp PikpaUnter die Haut ging allen 40 Zuhörern auch die Situation auf der Insel Lesbos. Die türkische Küste, etwa 50 Kilometer entfernt, ist mit bloßem Auge zu erkennen. Im Erstaufnahmelager Camp Moria, ausgelegt für 2500 Personen, herrschen für etwa 6000 Flüchtlinge menschenunwürdige Zustände. Ehrenamtliche Helfer gründeten daher für Familien das Camp Kara Tepe. „Mit Unterstützung von Hilfsorganisationen wird hier eine Tagesstruktur aufgebaut, Kitas und Schulen für die Kinder, gemeinsames Kochen für die Eltern.

Flüchtlinge und Helfer begegnen sich hier auf Augenhöhe“, erzählt Calle Leister. „In Camp Pikpa, einem ehemaligen Ferienlager, geht einem das Herz auf“, ergänzt Renate Schwalenberg-Leister. Hier sind es vor allem junge freiwillige Helfer aus der ganzen Welt, die Traumatisierte, Behinderte, Kranke oder Schwangere wirklich liebevoll und warmherzig aufnehmen.

Katerini unterstützenVon großer Bereitschaft zu helfen, berichten auch Pfarrer Sckell und Ingrid Delimares. Mit 33 Personen waren sie „auf den Spuren des Apostels Paulus“ in Griechenland unterwegs. Die griechisch-evangelische Gemeinde Katerini gründet die Organisation Perichoresis, um Flüchtlinge, die dort nach den Grenzschließungen im Winter 2016 einfach „hängen geblieben sind, zunächst mit dem Lebensnotwendigen zu helfen: Decken, Zelte, Kleidung, Lebensmittel.

Aus dem Flüchtlingslager kamen die hilfsbedürftigen Menschen in den Ort Katerini. Mit einem globalen Netzwerk im Hintergrund, aber vor allem mit einem großartigen Rückhalt in der Bevölkerung hat die Gemeinde inzwischen 118 Häuser angemietet. 560 Flüchtlinge leben dort, die Kinder gehen in Kindergarten und Schule. Wie die griechische Gemeinde ihren christlichen Glauben in der Praxis lebt, das hat die deutschen Gäste tief berührt. Die Dörnigheimer Kirchengemeinde will mit Projekten und Spenden Katerini solidarisch unterstützen, ob daraus wieder eine Städtepartnerschaft erwachsen kann, ist noch offen.

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