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Kinderärzte am Limit

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Kranke Kinder, besorgte Eltern, überlastetes Personal: Vor allem während der Herbst- und Wintermonate reißt der Strom an Patienten in den Kinderarztpraxen wie hier in Dörnigheim nicht ab. Foto: Martina Faust
Kranke Kinder, besorgte Eltern, überlastetes Personal: Vor allem während der Herbst- und Wintermonate reißt der Strom an Patienten in den Kinderarztpraxen wie hier in Dörnigheim nicht ab. Foto: Martina Faust

Maintal. Infektwelle. Das klingt abstrakt. In der Kinderarztpraxis von Dr. Claudia Schramm bekommt der Begriff Kontur. Wenn sich in der Hochzeit der Infekte zwischen November und März die Türen der Praxis in Dörnigheim öffnen, dann stehen Eltern mit kranken Kindern auf dem Arm Schlange an der Anmeldung.

Von Martina Faust

Ohne eine effiziente Organisation stünde die Praxis vor dem Kollaps. Daher führte das Team um die Kinder- und Jugendärztin die Akutsprechstunden ein. Zweimal täglich – ausgenommen Mittwoch und Freitag – können Eltern während der einstündigen Sprechstunde mit ihrem kranken Kind ohne Termin vorstellig werden. „Wir schauen uns jedes Kind an“, verspricht Schramm. Bei ernsten Notfällen wie Atemnot oder akuten Blutungen wird natürlich sofort gehandelt.

Es ist Montag, 11 Uhr. Vor der Tür stehen bereits viele Eltern mit ihren Kindern und warten. Denn tatsächlich öffnet sich die Tür erst mit Beginn der Notfallsprechstunde. Das hat seinen Grund. Das Praxisteam möchte verhindern, dass gesunde Kinder, die mit einem festen Termin zu einer Kontrolluntersuchung oder Impfung in der Praxis sind, auf Kinder treffen, die akut krank sind, etwa der Säugling, der zur U-Untersuchung da ist, mit dem Kita-Kind mit Magen-Darm-Infekt zusammenkommt.

Ampelsystem

„Bei einer so großen Praxis muss man die Zeiten gut organisieren“, unterstreicht Claudia Schramm, die bedauert, dass sich gerade in den Herbst- und Wintermonaten lange Warteschlangen vor der Tür bilden. Unnötigerweise, wie sie unterstreicht. „Wenn man nur zehn oder 20 Minuten nach Türöffnung kommt, kann man direkt rein und muss gar nicht draußen stehen“, appelliert sie an die Eltern, nicht vor Beginn der Sprechstunde zu kommen.

Um die kleinen Patienten zügig zu versorgen, erfolgt im Zuge der Anmeldung eine Beurteilung der Schwere der Erkrankung. Krankenschwester Tanja Dau lässt sich von den Eltern die Beschwerden schildern und schaut sich die Kinder an. Alles wird auf einem farbigen Klebezettel notiert, der an die Versichertenkarte geheftet wird. Bei Grün geht es zunächst in den Wartebereich, Gelb wird vorrangig behandelt und bei Rot geht es direkt ins Behandlungszimmer.

Lange Wartezeit

Eine Versichertenkarte nach der nächsten landet vor Arzthelferin Sina Engler, die die Daten zügig in den PC eingibt. Binnen einer halben Stunde hat sie bereits knapp 30 Patienten erfasst. Und noch immer kommen besorgte Eltern mit ihren Kindern durch die Tür. Der Wartebereich ist mittlerweile voll besetzt, die Wartezeit liegt bereits bei über einer Stunde.

„Wir bieten Eltern deshalb auch an, dass sie noch eine Runde spazieren oder einkaufen gehen und wir sie telefonisch kontaktieren, wenn absehbar ist, dass sie drankommen“, erklärt Claudia Schramm. Auch ein Kontakt per E-Mail sei immer möglich. „Jede Nachricht wird beantwortet“, unterstreicht die Ärztin. Ihr ist wichtig, die Situation für ihre kleinen Patienten und deren Eltern so komfortabel wie möglich zu gestalten.

Hochbetrieb im Winter

Dafür gibt das Team alles. Auch die Mittagspause. Denn wenn die Akutsprechstunde um 12 Uhr endet, ist der Wartebereich noch lange nicht leer. „Es kommt vor, dass wir dann gar keine Pause machen“, erklärt Sina Engler. Denn um 14 Uhr treffen schon die nächsten Patienten mit regulärem Termin ein.

Tage wie dieser sind kein Einzelfall, sondern die Regel. Zumindest in den Monaten November bis März. Dazwischen ist es etwas entspannter. „Sonst könnten wir alle den Job nicht machen“, sagt Schramm, als sie sich kurz für das Gespräch mit dem TAGESANZEIGER Zeit nimmt, und ihre Mitarbeiterinnen nicken zustimmend. Knapp 50 Stunden reine Sprechzeit kommen pro Woche gerne mal zusammen. „Da habe ich aber noch keinen Papierkram wie die Abrechnungen erledigt“, ergänzt die Kinderärztin, die seit 2006 im größten Maintaler Stadtteil eine eigene Praxis betreibt.

"Ängste ernstnehmen"

Schon 2015 ergab eine Untersuchung der Versorgungssituation im Planungsbereich, dass die Auslastung ihrer Praxis bei 180 Prozent liegt. „Und ich bin ja nicht allein. Meinen Kollegen geht es genauso“, sagt sie. Der Schnitt bei den im Kreis niedergelassenen Kinderärzten lag bei 120 Prozent. Seitdem hat sich die Situation nur bedingt gebessert. Zwar hat Schramm nach langem Ringen durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) eine zusätzliche halbe Stelle genehmigt bekommen – mit im Team ist Dr. Maja Schulze –, aber auch die Zahl der Kinder ist weiter gestiegen.

„Mir graut vor den Neubaugebieten an der Eichenheege“, sagt sie. Denn trotz der Unterstützung kann sie sich noch immer nicht die Zeit nehmen, die sie gerne aufbringen würde. „Die Eltern, die ihre Kinder zu mir bringen, haben ja Ängste, und meine Aufgabe ist es, diese Ängste ernst zu nehmen. Aber es fehlt oft die Zeit, um Hintergründe oder Zusammenhänge von Symptomen oder Krankheiten ausführlich zu erläutern“, erzählt sie.

"Kinderärzte über dem Limit"

„Ich würde gerne noch einen weiteren Arzt anstellen. Aber ich darf nicht“, sagt sie. Sogar bis zu vier Kinderarztsitze in Maintal hielte sie für vertretbar. Doch es liegt an der KV, zusätzliche Kinderarztsitze zu genehmigen. „Und aus deren Sicht sind wir nun mal überversorgt“, zuckt Schramm konsterniert mit den Schultern, ehe sie ins nächste Sprechzimmer rauscht.

Auch ihr Kollege Dr. Uwe Seitz, der in Bischofsheim eine Kinderarztpraxis mit kardiologischem Schwerpunkt betreibt, kommentiert das Stichwort Überversorgung mit einem trockenen Lachen. „Die Bedarfsplanung ist uralt. Die Kinderärzte sind alle deutlich über ihrem Limit“, sagt er. Seitz hätte gerne Verstärkung in seinem Team, auch damit er sich intensiver um kardiologische Untersuchungen kümmern kann. „Dafür hätte ich gerne eine Budgeterweiterung, die aber genehmigt werden muss“, sagt er.

Ein schwacher Lichtstreif am Horizont ist die Unterstützung durch die KV Hessen, die für den Main-Kinzig-Kreis durchaus Bedarf für zwei zusätzliche Kinderarztsitze sieht und diese von den Krankenkassen einfordert. Dies sei jedoch an die Bedingung geknüpft, den bestehenden Honorartopf aufzustocken, so der Pressesprecher der KV Hessen, Karl-Matthias Roth. Eine Antwort steht noch aus.

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