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"Kicken und lesen": Projekt soll mit Fußball für Lesen begeistern

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Carsten Stein liest vor, die 16 Jungen und Maintals Bürgermeisterin Monika Böttcher haben es sich gemütlich gemacht und hören gebannt zu. Foto: Kirchgeßner
Carsten Stein liest vor, die 16 Jungen und Maintals Bürgermeisterin Monika Böttcher haben es sich gemütlich gemacht und hören gebannt zu. Foto: Kirchgeßner

Maintal. Wenn sich in Jungen zwischen zehn und 15 Jahren fast genauso begeistert auf Bücher wie auf Fußbälle stürzen, dann ist es wahrscheinlich Mittwoch, 14 Uhr, und Zeit für „Kicken und lesen“.

Von David Kirchgeßner

Dann trainieren 16 Jungen, die alle an der Erich-Kästner-Schule (EKS) sind, in der Schulturnhalle ihre Fertigkeiten an Buch und Ball. In dem freiwilligen Training wechseln sich in Zehn-Minuten-Blöcken Lese- und Fußballarbeit ab. Nach dem Warmmachen mit Texten und dem Vorlesen wird sich mit Ball aufgewärmt, Technik trainiert und gespielt.

Die Nachmittagseinheit ist Teil des Bildungs- und Integrationsprojekts „Kicken und lesen in Hessen 2018“. Ziel ist, Jungen im Alter von 10 bis 15 Jahren – insbesondere auch Jungen mit wenig Kontakt zu Büchern oder Jungen mit Flucht- oder Migrationshintergrund – für das Lesen zu begeistern.

5000 Euro im Haushalt veranschlagtBeteiligt sind die Stadtbücherei Maintal, die Erich-Kästner-Schule, die KEWA Wachenbuchen und die Familien- und Jugendhilfe „Die Welle“. Finanziert wird das Projekt durch die Stadt Maintal, eine Förderung über 1500 Euro kommt außerdem von der „Hessenstiftung – Familie hat Zukunft“. Insgesamt 5000 Euro sind im städtischen Haushalt für die Aktion veranschlagt.

Nadine Marnette, Fachdienstleiterin der Maintaler Büchereien, erklärt: „Studien belegen, dass bei zwölf- bis 14-jährigen Jungs das Leseverhalten abrupt abnimmt. Konsolen sind dann einfach interessanter. Bei den Mädchen ist das anders.“ Das Projekt soll nun dazu beitragen, dass aus dem so genannten „Leseknick“ ein „Lesekick“ wird. Auch, damit die Jungen nicht abgehängt werden, was ihre Bildungschancen angeht.Mittlerweile ist Halbzeit und das Zwischenfazit fällt rundum positiv aus: „Wir hatten mehr Interessenten als Plätze, als es losging“, erklärt Ines Misic, Deutschlehrerin an der EKS und ehrenamtlich im Projekt engagiert. Auch Bürgermeisterin Monika Böttcher ist zufrieden:

Tandemlesen als Übung„Ich bin froh, dass die Bewerbung geglückt ist.“ Eine der Leseübungen im Training ist das Tandemlesen, bei dem ein Junge mit dem Finger am Text die Lesegeschwindigkeit vorgibt, während der andere vorliest. Bei einem Fehler wird an den Satzanfang zurückgesprungen. Punkte gibt es für jede geschaffte Wiederholung des Textes innerhalb der vorgegebenen Zeit.

Diese Punktzahl wird notiert und am Ende des Projekts mit den Punkten aus den anderen Leseeinheiten addiert. Sportliche Herausforderung aber auch beim Lesen. Fortschritte werden in einem individuellen Trainingstagebuch festgehalten, das auch die Arbeitsmaterialien beinhalten. Diese haben Nadine Marnette und EKS-Lehrerin Ines Misic selbst erarbeitet. Carsten Stein, Jugendleiter der KEWA Wachenbuchen und ebenfalls im Projekt engagiert, ist von der Kombination aus Sport und Bildung begeistert: „Das ist einfach mal ein Konzept, das realistisch ist.“ Stein ist nicht nur Übungsleiter, sondern liest auch mal vor. Seine Zuhörer machen es sich dann auf einer der großen, blauen Turnmatten bequem.

Bezugspartner sind wichtig„Es ist wichtig, dass die Jungen auch einen männlichen Bezugspartner zum Lesen haben,“ erläutert Leseexpertin Marnette.

Hieß es bisher noch „ein Buch für alle“, aus dem ein Vorleser vorlas, durfte sich nun jeder der 16 Jungen ein eigenes Buch in der Stadtbücherei aussuchen, mit dem er in zweite Projekthälfte gehen will. „Nächste Woche beginnt die Rückrunde, dann startet die stille Lesephase“, erklärt Lehrerin Misic.

Wenn es um die Auswahl geht, weiß Nadine Marnette Bescheid: „Für Jungs müssen Bücher auch cool aussehen.“ So gibt es nun in Maintal Bücher in der Optik des beliebten Computerspiels Minecraft oder die Reihe „Gregs Tagebuch“ zum Ausleihen, aus der sich zum Beispiel Marcel (11) direkt einen Band für die Rückrunde des gesichert hat. Auch Stefan (13), der sonst „eigentlich nicht so viel“ liest findet will in Zukunft mehr lesen, aber doch am liebsten als Torwart Bälle fangen: „Das Spielen macht am meisten Spaß.“ Dass es auch den anderen so geht, wird im Training deutlich: „Können wir jetzt kicken?“, kommt es aus der Runde, kaum dass Vorleser Stein das Buch zugeklappt hat.

Jovanovic ist für den sportlichen Teil verantwortlichDann übernimmt Bogdan Jovanovic. Der Lehrer und B-Lizenz-Inhaber ist für den sportlichen Teil zuständig. Dort spielt besonders der Fairplay-Gedanke eine wichtige Rolle. Das zeigen nicht nur Aufdrucke auf der Rückseite der Trikots und ein Plakat mit den Fairplay-Regeln, sondern auch der Umgang miteinander beim freien Spiel. Dann gelten zwar alle Fußballregeln, doch es gibt keinen Schiedsrichter. Die Spieler entscheiden selbst über Fouls, Freistöße und Elfmeter.

Dieses Fairplay überträgt sich auch in den Schulalltag. Jovanovic: „Es wäre schön, das Trainings-Konzept dort auch dauerhaft zu integrieren.“ Das würde auch den 14-jährigen Valentin freuen: „Es wäre cool, wenn das Training zweimal die Woche wäre.“ Auch ein Angebot für Mädchen wäre möglich. „Die begeistern wir dann über das Lesen für den Fußball“, sagt Misic und lacht. Bürgermeisterin Böttcher, die das Projekt mitangestoßen hatte, könnte sich eine Fortsetzung im nächsten Jahr durchaus vorstellen.

Doch bis zum Abschlusswochenende im Juni mitn Leseabend, Siegerehrung und Kleinfeldturnier beim SV Darmstadt 98 wird jetzt erst einmal fleißig trainiert. Dann soll nicht nur die sportliche, sondern auch die leserische Form stimmen.

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